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Kunsthaus Dresden gibt Einblick in die Sammlung Heinemann

„Ich bin nicht meine Zielgruppe“ Kunsthaus Dresden gibt Einblick in die Sammlung Heinemann

Unter dem Titel „Ich bin nicht meine Zielgruppe – Die Sammlung Stefan Heinemann“ wurde im Kunsthaus Dresden auf der Rähnitzgasse eine Ausstellung eröffnet, die auf zum Teil überraschend spektakuläre und zugleich intime Weise Beziehungsgeflechte in der zeitgenössischen Kunst der letzten fünf Jahrzehnte – nicht nur in Dresden – sichtbar macht.

Stefan Heinemann

Quelle: Anja Schneider

Dresden. Christiane Mennicke-Schwarz, künstlerische Leiterin des der Gegenwartskunst verpflichteten Hauses, erklärt die Ausnahme als Wunschprojekt. Die subjektive Sicht des Liebhabers Stefan Heinemann hat sie filtern lassen durch die unterschiedliche Analytik zweier ausgewiesener Kuratoren: Tulga Beyerle (Direktorin des Kunstgewerbemuseums der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden) und Nils Hilkenbach. Gewürdigt wird nicht die Potenz eines Kunstinvestors, sondern das Engagement eines umtriebigen Kulturaktivisten, der Anfang der 90er Jahre von München nach Dresden umgezogen war und sich umgehend auf mehreren Ebenen in den Kulturbetrieb der Stadt einmischte. Dem enfant terrible Hans-Peter Trauschke verhalf er zu Auftrittsmöglichkeiten vom „Danton“ im Japanischen Palais bis zum Waende-Projekt auf der Prager Straße. Gefühlt hat sich Heinemann bei jeder bedeutsamen Vereinsgründung im Kulturbereich engagiert, vorzugsweise in Hellerau und im Umfeld der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, dabei keineswegs nur unbeliebt gemacht, sondern zahlreiche dauerhafte Freundschaften geschlossen. Bei alledem halfen ihm nicht nur seine offene Art des Umgangs im Verbund mit der Gewieftheit des Rechtsanwalts, sondern auch die soliden Grundlagen, die er sich im Studium von Kunstgeschichte und Musikwissenschaft erwerben konnte.

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Das Kunsthaus Dresden gibt Einblick in die Sammlung des Rechtsanwalts und Kulturaktivisten Stefan Heinemann

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Die Ausstellung ist ein Abschiedsgeschenk auf Gegenseitigkeit. Denn noch ist es nicht zwar nicht so weit, aber von der Sache her sicher: Nach einem guten Vierteljahrhundert in Dresden wird Heinemann seinen Lebensmittelpunkt nach Venedig verlegen. Mit einem mehrfachen Kontrapunkt endet denn auch die Ausstellung, mit der das Kunsthaus Dresden Einblick gibt in eine auf überraschende Weise exemplarische Sammlung: mit einem Blick aus der Vogelschau auf die Lagunenstadt, von Jacopo de Barbari Ende des 14. Jahrhunderts so detailreich in Holz geschnitten, dass sich Touristen wie Stadtplaner noch heute daran orientieren können. Der riesige Fund aus einem venezianischen Antiquariat ist allerdings auch die einzige Reproduktion und die einzige nicht zeitgenössische Arbeit aus Heinemanns Sammlung.

Der geistige Boden für deren Entstehung bereitet wurde außerhalb des damaligen bürgerlichen Bildungskanons in Ausstellungen des Städtischen Museums von Mönchengladbach, wo Heinemann aufwuchs. Erster Kunstkauf des damaligen Abiturienten war eine von Joseph Beuys signierte Fotografie zur Dokumentation von dessen Revolutions-Klavier – die eigentliche Initialzündung aber mit Sicherheit das Glück, von einem solchen Jahrhundertkünstler als Gesprächspartner ernst genommen zu werden.

Aus diesem Blickwinkel stimmt es und auch wieder nicht, wenn die Kuratoren feststellen, die Sammelleidenschaft Heinemanns sei keinem (üblichen) Konzept gefolgt. Eher sperrig und irritierend ist der Slogan, mit dem der Sammler nun für drei Monate auf das Konvolut blicken lässt, das nicht von Harmoniesucht, sondern von einer immer währenden Suche nach Reibung und Anregung spricht. Gezeigt wird etwa die Hälfte dessen, was die ausgewiesenen Experten in Wohn- und Kanzleiräumen, aber auch in beinahe vergessenen Ablagerungsschichten entdeckt und katalogisiert haben. Bei aller gerechtfertigten Systematisierung bleibt neben persönlich-zufälligen Aspekten die ausstrahlende und erhellende Wirkung eines Fixsterns spürbar, der eine wenn auch kleine Facette des Spektrums zeitgenössischer Kunst als ein Kontinuum erhellen half, in dem weder Jahreszahlen noch Himmelsrichtungen eine bestimmende Rolle spielen. Heinemann interessierte sich nicht für Kunst aus der DDR, wie sie etwa das Museum Ludwig in Köln sammelte, war dafür in dem für Insider typisch Dresdnerischen schnell heimisch bzw. bei der Galerie Gebr. Lehmann auf dem neueren Stand.

Dies zeigt sich explizit im Prolog-Raum im Erdgeschoss, wo der Blick schweifen oder springen kann von frühesten zu jüngsten Erwerbungen, von Giuseppe Pennone zu Peter Makolies, von besagtem Klavier, Beuys und Hollein zu Göschel und Uhlig, oder zu A.R. Penck und Georg Baselitz, Jürgen Schieferdecker und Karl-Heinz-Adler, jedenfalls bis hin zu Frank Nitsche, Eberhard Havekost und Thomas Scheibitz, dessen Arbeiten einen besonderen Schwerpunkt der Sammlung wie der Ausstellung bilden – hier erst einmal als materielle Grundlage, nämlich den Vitrinen für die Präsentation der Schachtel-Kataloge – angelehnt ans Mönchengladbacher Museum aus den 60er, 70er Jahren, wo jeweils Prosa, Bild und Lyrik lose versammelt waren. In ganz ähnlicher Weise gibt es nun Heinemanns Katalog in einer von Scheibitz gestalteten Schachtel, mit Texten u.a. vom Münchener Publizisten Wilhelm Christoph Warning und dem Büchner-Preisträger Marcel Beyer.

Die Ausstellungsräume im Obergeschoss bieten unterschiedliche Betrachtungsweisen, von sehr persönlichen bis zu weitgehend abstrahierenden. Im räumlichen Zentrum (Großer Saal) werden Heinemanns Freundschaften gewürdigt, am ausführlichsten die mit Stefan Plenkers und Thomas Scheibitz, im ersten Fall handelt es sich um den Ertrag einer zufälligen, überaus glücklichen Nachbarschaft, im anderen resultiert sich aus dem frühen entschiedenen Interesse an einem jungen Künstler, was sich auch daran zeigt, dass hier besonders viele Arbeiten auch für öffentliche Sammlungen hohen Wert besäßen, abgesehen vom Anekdotischen des einzigen Aquarells oder der ersten größeren Arbeit, die der Künstler verkaufen konnte.

Im Vergleich dazu gewissermaßen objektiviert zeigt sich Heinemanns großes Gespür für Qualität an der Auswahl der Zeichnungen und Fotografien im Spannungsfeld von visueller Konstruktion und Wahrnehmung. Candida Höfer und die Starkes, Werner Lieberknecht, der auch unter den Freunden seinen Platz hat, Frank Nitsche und Günther Uecker führen von eher Vertrautem zu kleinen Entdeckungen. Heinemanns Interesse gilt der Architektur wie dem Milieu, und gelegentlich, wie bei Julian Röders Aufnahmen von Protesten gegen die G8-Treffen in Genua und Heiligendamm reicht der Durchblick bis ins politische Umfeld, will heißen, der Sammler verbindet den Sinn für Kunst- mit dem für Zeitgeschichte, und das macht die Schau letztlich interessanter als jede noch so gut gemeinte Ansammlung zufällig erworbener Arbeiten.

Noch stringenter ist die Auswahl unter der Rubrik Text und Typografie, ein spezielles Interesse, das Heinemann mit der Beziehung zu seinem Brotberuf begründet. Verschlüsselung und Verrätselung, Ästhetik und Augentäuschung, vieles, was die kalligrafische Kunst zu bieten hat, begegnet dem Besucher hier in einer schönen Auswahl von Paul Hofmann und Sigmar Polke, Ferdinand Kriwet und – ganz neu – Eberhard Göschel. Und das letzte Wort behält der kürzlich verstorbene Penck mit einem System-Blatt: End / Ur / Raum.

„Ich bin nicht meine Zielgruppe“ bis zum 13. August im Kunsthaus Dresden Dresden, Rähnitzgasse 8, Di-Do 14 bis 19 Uhr, Fr-So, Feiertage 11 bis 19 Uhr, Mo geschlossen

siehe auch: „Die unbekannte Seite des Stefan Heinemann“ Ausstellung in der Galerie Holger John, Rähnitzgasse 17, Mi-So 14 bis 19 Uhr

Von Tomas Petzold

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