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Kunst und Subkultur der 1980er Jahre

Im Albertinum Dresden Kunst und Subkultur der 1980er Jahre

Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden widmen sich bis Herbst in einer Sonderausstellung der Subkultur der 1980er Jahre in beiden Teilen Deutschlands. Dabei sei die Szene im Osten kein Abklatsch oder eine Kopie dessen gewesen, was im Westen passierte, sagte Hilke Wagner, Direktorin des Albertinums.

Gastkurator Christoph Tannert vor einem Foto von der Intermedia 1985 in Coswig, die er maßgeblich mitgestaltet hat.

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. Wie auch immer dieses hybride Format einer Ausstellung ins Dresdner Albertinum gekommen ist, ob es sich strategischem Kalkül, alibihafter Lückenfüllerei oder auch nur einem satten Behagen verdankt – am Ende steht man da und applaudiert. Weil eine Menge zu lernen ist. Über Deutschland, damals und heute. Über das Aufbegehren und seine Kontexte. Über die Kraft der selbstbestimmten Gruppe. Über die administrierten Benutzeroberflächen des Kulturbetriebes. Und über den realen Umgang mit den Künstlern, Ideen und Artefakten aus Deutschland Ost, zwei Jahre vor dem 30. Jubiläum des Mauerfalls.

Der Effekt ist jedenfalls bemerkenswert. Schon angesichts des sperrigen kultur- und zeithistorischen Rahmenthemas. Schließlich geht es um die Würdigung jener sich der Fremdbestimmung entziehenden „genialen Dilletanten“ der 1980er Jahre, deren Schreib- und Seinsweisen programmatisch anders war. Und es geht um die Durchschlagskraft ihrer Akteure, Gruppen und Szenen in einer in diesem Jahrzehnt raumgreifenden kulturell-künstlerischen Rebellion in beiden Deutschländern. Deren lautstarker Aufruhr gegen das Establishment – ganz egal ob dabei die Feindbilder nun als finanzmarktgestützte Antipoden des „Normalen“ oder als politbürofundierte Satrapen der SED-Macht erscheinen – wirkt in der Repräsentationsaura des klassischen Museums eigentlich undarstellbar. So etwas passt, wenn überhaupt, in das Schema kulturhistorischer Schauhäuser, in ruinös-authentische Verfallsbauten oder in den zeitgeschichtlichen Umlauf des Zeigbaren. Wie auch das namensgebende Ursprungsprojekt ja ein typisches Produkt bundesdeutschen Kulturstolzes ist. Erdacht vom Goethe-Institut als ein seit 2015 um die Welt tourendes Ausstellungsmodul, dass, wie Kuratorin Mathilde Weh verlautbarte, in Dresden bereits in zwölfter Station von insgesamt 30 geplanten Standorten eine Didaktik der Subkultur versucht, in welcher der Osten die Rolle des marginalisierbaren Beitrittspartners spielt.

In Dresden aber, das wissen wir leid- und freudvoll, ticken die Uhren anders. Selbst die der Subkulturen. Denn es ist ein Verdienst der Galerie Neue Meister, diese Ausstellung nicht als vorgesetzte Version des westdeutschen Blicks zu übernehmen. Dies ist das Hauptmodul zweifellos, da die Ostphänomene in der gesamtdeutsch ausgelegten Ausstellung allenfalls als nachziehende Randerscheinungen der Originale (vom Mythos der „Einstürzenden Neubauten“ bis hin zur Farbwucht der „Neuen Wilden“ in West-Berlin, Köln und Düsseldorf) zum Auftritt gelangen. Das Fehlen des in Sachsen wurzelnden ostdeutschen Kultureigensinns wäre in Dresden jedoch bitter aufgestoßen, wenn man dabei nur an den neoexpressiven Furor der die Dresdner Neustadt in den 1980er Jahren zum Bohemedomizil erweckenden Maler um Cornelia Schleime und Ralf Kerbach denkt oder an Musikformationen à la „Rennbahnband“, „Zwitschermaschine“ und „Die Strafe“. Deshalb kam man auf die Idee, dieser Ausstellung einen weiteren Teil anzugliedern, der die „Szene Ost“ zum Thema hat. Mit dem Beigeschmack, dass das dem eigentlichen Katalog als Beiheft Ost angegliederte Druckwerk ein bisschen an die publizistische Wiedergeburt des Ostens aus dem Geiste des westdeutschen Kulturbetriebes erinnert, der wir uns, etwa in den ethnologisch gefärbten Sonderseiten der „Zeit“, mit Mut zur Ironie einmal wöchentlich zu stellen haben.

Hans J

Hans J. Schulze (Leipzig/Berlin) und die aus Mitgliedern der Dresdner „Autoperforationsartisten“ bestehende Formation „Die Strafe“

Quelle: Dietrich Flechtner

Hier nun kommt ein Mann ins Spiel, Christoph Tannert, dem als Gastkurator ein veritabler Geltungscoup im Sächsischen Staatsmuseum gelang. Wie ein Meisterwinzer pfropfte er, unterstützt von Mathias Wagner, auf den properen Weinstock West eine eigene Rebe Ost, deren Most uns nun im Albertinum mitunter die Tränen in die Augen treibt. Nicht wegen ihrer sächsisch-preußischen Säure, sondern aus Frohlocken und einer hoffentlich gesamtdeutschen Freude des Erst- und Wiedersehens. Denn in den versammelten Gemälden, Siebdrucken, Holzschnitten, in den Videos und Tonaufnahmen sowie auf den Bahnen der großflächig verklebten Fototapete erscheinen, wie in Kapiteln eines durchwanderbaren Kataloges, 15 Phänomene, die im Einzelnen wie im Gesamtblick die unerhörte Vitalität jener ostdeutschen Subkultur gebührend vor Augen führen.

Christine Schlegel, die bis heute weitgehend ungewürdigte Dresdner Malerin und Filmerin, bekommt ihren Auftritt wie auch der Hallenser Pop Artist und Punkmusiker Moritz Götze. Und auch der Berliner Frontalaktionist Tohm di Roes darf seine Trommel zum frenetischen Sprechgesang rühren. Der die Ausstellung leitende Brückenschlag zwischen Musik, Malerei und Film, das Cross over der Disziplinen, wird deutlich zuerst jedoch an den intermedialen Projekten. Im Zentrum der Ausstellung steht dabei das erste Subkulturfestival in der DDR, die „Intermedia 1“ 1985 in Coswig, an der Tannert seinerzeit federführend beteiligt war. Für die meisten der Ost-Akteure bleibt der Ausstellungstitel, „geniale Dilletanten“, allerdings ein Fremdlabel, war doch deren Ausgrenzung in der DDR als Autodidakten oder gar als Asoziale für viele statt selbst- nur fremdbestimmt, wenn man hier anführen mag, das sich A.R. Penck viermal vergeblich um ein akademisches Malereistudium beworben hatte.

Christine Schlegel, Faltrollo, 1985

Christine Schlegel, Faltrollo, 1985

Quelle: Dietrich Flechtner

Klug am Konzept ist auch, der betörend-widersprüchlichen Vielfalt dieser Subkultur durch die Zentrierung auf Gruppenphänomene einen inneren Halt zu geben. A.R. Pencks Autodidaktenprojekt „Lücke“ revitalisierte Anfang der 1970er Jahre den Typus der freien Künstlergruppe. Die Leipziger Gruppe „37,2“ um Hartwig Ebersbach und Hans J. Schulze brachte in der Institution der Hochschule für Grafik und Buchkunst das Denken in Konzepten zum Vorschein. Und die Tänzerin Fine Kwiatkowski wurde zur androgynen Projektionsfigur in den Avantgardeprojekten eines Lutz Dammbeck. Dabei wird deutlich, dass die „Rückgewinnung des Ich“, eine Renaissance des Individualismus, in der DDR nur über die Verwurzelung im sozialen System der Gemeinschaft möglich war. In formellen wie informellen Projekten entstanden Gegenwelten, die mit anderen lose vernetzt waren; Inseln also, Flucht- und Rückzugsräume, in denen man sich aktivierte und sammelte, bis man in den 1980er Jahren den Weg in die Öffentlichkeit ging. Mit Risiko und enthemmter Produktivität, wie man in dieser materialreichen und trotzdem sinnlichen Ausstellung sehen, hören und lernen kann.

Wer aber im staatlichen Kunstmuseum nunmehr meint, mit dieser Ausstellung aus dem Schneider zu sein, was den Osten betrifft, der irrt. Die klaffende Fehlstelle einer angemessenen Würdigung ostdeutscher Kunst, gerade in ihrem einstigen Epizentrum, besteht weiter fort. Im Übrigen steht sie vollends quer zur Praxis in anderen ostdeutschen Kunstmuseen, etwa in Halle, Jena, Leipzig, Chemnitz, Potsdam oder Rostock, die ihre Vorbehalte längst erfolgreich gegen eine Vielzahl integrativer Formate getauscht haben, in denen die in der DDR entstandene Kunst als singulärer Nebenweg ihren Platz in der Internationale der Moderne mit Recht behauptet. Somit ist die unverständliche Dresdner Situation einer Radikalausblendung, die im Hause mit der Ära Ulrich Bischoffs im Stile einer konzeptuellen re-education begann und als trotzige Kolonialattitüde endete, mit einer Hausbesetzung im Sommerloch nicht aus der Welt zu schaffen.

Als Beleg für diese am Ende doch ernüchternde Einschätzung braucht man sich nur die Entwicklung des Anteils ostdeutscher Kunst in der Schausammlung in der Galerie Neue Meister zu betrachten. Nach der selbstverschuldeten Krise durch den Abzug ungesicherter Leihgaben, die von Georg Baselitz bis zu Werken aus der Rheingold-Sammlung reichten und das Gesamtkonzept massiv erschütterten, hat sich paradoxerweise die Ausblendung ostdeutscher Kunst in den letzten Monaten hier noch gesteigert, anstatt sie endlich mit gebündelter Expertise und kuratorischer Neugier zu revidieren. In diesem Sinne sollte der Tannert’sche Coup ein Zeichen zur Neubesinnung sein, auch wenn der Glaube an Folgeprozesse kein fester ist.

„Geniale Dilletanten. Subkultur der 1980er Jahre in West- und Ostdeutschland“,
bis 19. November, Albertinum,
Di-So 10-18 Uhr

Begleitprogramm über www.skd.mu

Von Paul Kaiser

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