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Künstlerische Gegensätze in „Coincidence“

Galerie Gebr. Lehmann Künstlerische Gegensätze in „Coincidence“

Mit den Werken von Stephanie Lüning und Johanna Rüggen treffen in der aktuellen Ausstellung „Coincidence“ in der Galerie Gebr. Lehmann zwei ganz unterschiedliche künstlerische Positionen aufeinander.

Stephanie Lünings großformatige Bilder, davor ihre Wachsgüsse aus der Serie „Goldstücke“.
 

Quelle: Teresa Ende

Dresden.  „Coincidence“, zu deutsch „Koinzidenz“, meint das Zusammenfallen zweier Ereignisse und bedeutet sowohl Fügung als auch Zufälligkeit. In dieser Vereinigung von vermeintlich Gegensätzlichem eignet sich der Begriff, das derzeitige Zusammentreffen der Arbeiten von Stephanie Lüning und Johanna Rüggen in der Dresdner Galerie Gebr. Lehmann zu beschreiben. Denn die Kunst der beiden Frauen erscheint vollkommen gegensätzlich, doch bei näherer Betrachtung offenbaren sich viele Berührungspunkte – sowohl zum Ausstellungstitel als auch zueinander.

Beide Künstlerinnen haben an der HfBK Dresden studiert. Die 1978 geborene Stephanie Lüning begann mit Theatermalerei, dann studierte sie Bildende Kunst bei Eberhard Bosslet und Christian Sery, 2014 bis 2016 war sie Meisterschülerin von Ulrike Grossarth. In der Galerie Gebr. Lehmann zeigt Lüning großformatige Malerei, die mal wie intensive unkontrollierbare Farbexplosionen erscheint, mal wie fast unheimliche Vergrößerungen von organischen Strukturen unter dem Mikroskop.

Stephanie Lüning geht dabei weniger wie eine Malerin, sondern wie eine bedachte Naturwissenschaftlerin vor. Zunächst zerlegt sie eine in der Regel fotografische Vorlage in ihre Grundfarben und passt die Farbmenge dem künftigen Bildformat an. Dann werden die in Eisblöcken gelösten Pigmente auf der mit einer Salzschicht überzogenen Leinwand platziert. Während des Schmelzvorgangs geben sie an die Unterlage beständig Farbe ab, die sich langsam in alle Richtungen ausbreitet. Die Künstlerin greift in den einmal angestoßenen Prozess nicht weiter ein. Durch die Reaktion von Farbwasser und Salz entstehen fließende Übergänge, Überlappungen, kristalline Ausblühungen und Inseln, die ohne Farbe bleiben. Damit erhebt Lüning den Entstehungsprozess selbst zum Thema ihrer Bilder. Die Leinwände sind, was sie darstellen: Farb- und Formwerdung in ihrer Verlaufsform. Kontrollverlust ist erwünscht, Zufall und künstlerische Autorschaft fallen zusammen.

Das gilt auch für Lünings Wachsgüsse der Serie „Goldstücke“ von 2016, jene Bienenwachsobjekte auf Messingsockel, die der Ausstellung, nebenbei bemerkt, jenen angenehmen charakteristischen Geruch geben. Wiederum trifft hier eine präzise kunsttheoretische Versuchsanordnung auf eine von der Künstlerin kaum steuerbare Formwerdung: An unterschiedlichen Orten der Welt erhitzte Lüning jeweils ein Kilogramm Bienenwachs, das sie langsam in ein Gewässer – unter anderem in den Rhein, den Atlantischen Ozean oder den Lower Red Lake in Minnesota – ausgoss und das im Erkalten, abhängig von Wasserbewegung und -temperatur, seine feste und dabei vollkommen unregelmäßige Form findet.

Egal aus welchem Blickwinkel wir die sechs goldfarbenen Objekte betrachten, deren ‚Ausgießungsort’ mit seinen geografischen Koordinaten auf dem Sockel genau vermerkt ist: Weder in ihren Einzelheiten noch als Ganzes sind sie wirklich zu erfassen. Die feinen cremefarben bis bräunlichen Äderungen der Wachsgüsse, ihre komplexen Strukturen und kleinteiligen Oberflächen können immer nur ausschnitthaft wahrgenommen werden. Unser Sehen bleibt stets fragmentarisch.

Auch bei der 1985 geborenen Johanna Rüggen, bis 2013 Meisterschülerin Martin Honerts, geht es um defizitäre Wahrnehmung, allerdings bezogen auf Bilder als ebenso wirkmächtige wie widersprüchliche Erinnerungsträger. Rüggen ist eine begnadete Zeichnerin, die eigene und gefundene fotografischen Vorlagen in penible Bleistiftzeichnungen und Ölbilder überträgt, wobei sie das meist kleine Format der Vorlage in ihren Arbeiten beibehält. Dabei zeigt Rüggen je Motiv nicht nur ein Bild, sondern mehrere – gemäß der verbreiteten privatfotografischen Praxis, das vermeintlich Besondere sicherheitshalber mehrmals abzulichten (in Zeiten der analogen Bilder zumal), zu entwickeln und aufzubewahren. So sehen wir Bildpaare oder -gruppen mit seltsam zufälliger Komposition, die sich nur durch leichte Verschiebungen des Bildausschnitts, partielle Unschärfen oder eigentümliche Details, wie ein paar Kerzen, ein Gesteck oder Ähnliches, voneinander unterschieden.

Selbst wenn hier jedes äußere Detail fotorealistisch reproduziert wird, die Bedeutung des Bildmotivs – ob Landschaft, Interieur, Auto, Kunstwerk oder Person – für die Person hinter der Kamera, mithin die emotionalen Beweggründe für Motivwahl und Aufbewahrung der Abzüge, all dies verweigert sich der Darstellung und wirft den Betrachter auf seine eigenen, wiederum ganz persönlichen Assoziationen und Erinnerungen zurück.

Auf unterschiedliche Weise reflektieren beide Künstlerinnen in ihren in der Galerie Gebr. Lehmann gezeigten Arbeiten die Pluralität und Grenzen von Bildern, Bildfindung und Bildlichkeit und lenken damit die Aufmerksamkeit auf die Prozesshaftigkeit von Kunst: Stephanie Lüning in vom Zufall regierten riesigen abstrakten Bildern und zerbrechlichen Objekten, Johanna Rüggen in fotorealistisch wiedergegebenen zufälligen Kompositionen im genormten Format. Unseren Augen jedenfalls können wir hier wie da nicht trauen.

„Stephanie Lüning, Johanna Rüggen. Coincidence.“ bis 17. Juni in der Galerie Gebr. Lehmann, Görlitzer Str. 16, geöffnet Dienstag bis Freitag
10 bis 18 Uhr, Samstag, 11 bis 14 Uhr

www.galerie-gebr-lehmann.de

Von Teresa Ende

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