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Konstantin Wecker sang und erzählte in der „Herkuleskeule“

Gastspiel Konstantin Wecker sang und erzählte in der „Herkuleskeule“

Der Liedermacher Konstantin Wecker gab ein Gastspiel in der Dresdner „Herkuleskeule“ im Kulturpalast. Im Wechselspiel aus Liedern, Gedichten und Prosatexten bot Wecker einen Querschnitt durch seine gesamte Karriere und appellierte dabei an das Dresdner Publikum, couragiert gegen tumben Nationalismus einzutreten.

Konstantin Wecker

Quelle: dpa

Dresden.

Zum Auftakt gibt Wecker noch einmal den „Willy“, seinen legendär gewordenen Hymnus auf einen, der seiner Zivilcourage zum Opfer fällt, und schlägt von dort aus im Wechselspiel aus Liedern, Gedichten und autobiografischen Schnurren einen Pfad durch den eigenen biografischen Irrgarten. Er endet im Schatten seines geliebten Maulbeerbaums in Italien, wo Wecker nach eigener Auskunft seine besten Texte „passieren“ und von wo aus er zurück auf sein Leben blickt. Es würde dem in den 1990ern tief gefallenen, mittlerweile von den eigenen Exzessen eher peinlich berührten Barden niemals einfallen, sich für sein jüngeres, protziges und maßloses Ich zu entschuldigen; eher schaut er dem Alter Ego, das als Geld verprassender Sangesprolet um die Münchner Häuser zog (und in dieser Zeit im „Kir Royal“-Milieu immer noch Soundtrack-Perlen wie den „Schmierigen Tango“ für Dietls „Schtonk!“ komponierte), mit ungläubigem Staunen zu.

Da darf man ruhig das vielstrapazierte Wort „authentisch“ bemühen, denn das meint ja wohl das Kunststück, sich auch noch im Wandel treu zu bleiben. Und so nimmt man sogar bereitwillig den Hallodri in den Arm, der in den 1960er Jahren erst von zuhause ausbüxte, später für einen Raub ins Gefängnis wanderte und vom antiautoritären Vater sanft gemaßregelt wurde: Zum Verbrecher tauge der Bub offenbar nicht, also müsse er wohl Künstler werden. Noch durch die Gitterstäbe des Gefängnisses blickt Wecker mit dem Weichzeichner der romantischen Seele und erinnert sich knast-interner ,Telefonate‘ durchs Abwasserrohr mit dem gefürchteten Sträfling von nebenan, der heimlich Operetten mag.

Der intime, aber niemals bekenntnishaft-anbiedernde Streifzug durch mehr als vierzig sehnsüchtige und empörte Jahre führt Wecker von seinen Anfängen als Korrepetitor „in der wunderbarsten schwulen Kneipe von München“, wo er zunächst einen auf Friedrich Hollaender macht und später groteske Chansons à la Frank Wedekind ersinnt, bis zu den Jahren seines sozialen Engagements, die bis heute andauern: Eigentlich habe er stets nur Liebeslieder singen wollen, „aber mir kam immer die Wut dazwischen“. Sie treibt ihn weiter an – für seine blitzgescheit formulierte Absage an tumben Patriotismus erntet Wecker stehende Ovationen, viel Beifall findet auch das Duett mit Heinz Ratz, der im Zugabenblock gemeinsam mit Wecker gegen die „Hartschalenkostüme“ einer verhärteten Gesellschaft ansingt und sein für Humanität eintretendes „Büro für Offensivkultur“ bewirbt.

Zwar dominieren im Lauf des Abends Weckers zärtlichere Balladen – besonders zu Herzen gehen „Was immer mir der Wind erzählt“ und das prächtig gereifte „Liebeslied“ von 1976 –, aber vor allem im zweiten Teil dreht Wecker auf, findet vom bajuwarischen Blues mühelos den Weg zum Boogie und plagiiert mit Lausbubengesicht Beethovens „Ode an die Freude“ für sein trotziges, auf dem neuen Album zu findendes Bekenntnis zum Träumen. Mag er beinah altersmilde mit Novalis von der Poetisierung der Welt träumen, am elektrisierendsten ist Wecker, sobald seine Finger am Flügel kaum mit seinen passioniert vorgetragenen Anliegen mithalten können und er sein unverändert aktuelles „Sage Nein“ derart dringlich ins Mikrophon rasselt, dass er mit Heiserkeit dafür bezahlt. Es macht ihm nichts aus – eine heisere Stimme, das weiß Wecker, ist die Visitenkarte der großen Verführer.

Von Wieland Schwanebeck

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