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Kabarettist Lothar Bölck im Interview

„Dummerland“ mit Debüt in als Dresden Kabarettist Lothar Bölck im Interview

Er hat nichts gegen deutsche Politiker. Außer Wortwitz. Den aber setzt er ein, würzig und scharf. Am 29. Januar auch mal in Dresden. Vorab nahm sich der Kabarettist Lothar Bölck, der mit „Kanzleramt Pforte D“ im MDR-Fernsehen für Quote sorgt, Zeit für ein DNN-Gespräch mit Michael Ernst.

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Lothar Bölck.

Quelle: Detlef Schroeder

Dresden. Er hat nichts gegen deutsche Politiker. Außer Wortwitz. Den aber setzt er ein, würzig und scharf. Am Sonntag auch mal in Dresden. Vorab nahm sich der Kabarettist Lothar Bölck, der mit „Kanzleramt Pforte D“ im MDR-Fernsehen für Quote sorgt, Zeit für ein DNN-Gespräch mit .


Sind Sie denn schon mal im Kanzleramt gewesen? Oder würden Sie gern?

Nicht drin, nur davor. Wir haben dort einen Trailer für meine MDR-Sendung „Kanzleramt Pforte D“ gedreht – und hatten trotz Drehgenehmigung sofort jede Menge Sicherheitsleute um uns herum gehabt. Ich möchte mich da auch gar nicht hineinbegeben. Aber wir haben versucht, die Kanzlerin in unsere Sendung einzuladen. Bis heute gibt’s keine Antwort darauf. Von einem Staatssekretär habe ich aber erfahren, dass Frau Merkel durchaus um diese Sendung weiß.

Wenn Sie mit der Kanzlerin tauschen könnten, was würden Sie tun?

Ich würde für soziale Gerechtigkeit sorgen. Politiker sagen immer, man müsste dies und das machen, ich frage mich, warum machen sie es denn nicht?! Vielleicht sollten wir den Konjunktiv abschaffen? Der steckt ja schon im Grundgesetz: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Wären Sie gerne mal Bundeskanzler?

Nein, mein Freund Dieter Hildebrandt hat gesagt, mit Politikern setzt man sich nicht zusammen, sondern auseinander. Das möchte ich auch in Zukunft tun.

Ist Hildebrandt so etwas wie ein Vorbild für Sie gewesen?

Er war und ist Vorbild, aber nie ein Idol. Kennengelernt hatten wir uns gleich nach unserem Programm. Und ich habe seins sogar korrigiert: Der Satz „Das reine Ideal“ kam darin vor. Das ist doch doppelt gemoppelt wie ein weißer Schimmel, nicht? Wir haben uns dann kennen- und schätzen gelernt. Dieter Hildebrandt ist mir auch menschlich ein wichtiges Vorbild geblieben, bis zuletzt. Seine Beerdigung war die lustigste, die ich je erlebt habe. Wirklich sehr komisch, der Ernst der Lage wurde uns erst bewusst, als der Sarg hinuntergelassen wurde. Obwohl der ganz bunt bemalt war. Es hätte mich nicht gewundert, wenn Dieter um die Ecke gekommen wäre und gesagt hätte, das habt ihr aber schön gemacht.

Zu DDR-Zeiten dürften Sie ihn nur vom Bildschirm her gekannt haben?

Er hat immer eine große Rolle für mich gespielt, „Lach- und Schießgesellschaft“ sowie „Scheibenwischer“ waren bei uns ein Muss. Ich habe ja schon als Schüler das Amateurkabarett für mich entdeckt und 1983 meinen Beruf daraus gemacht. Hildebrandt hat mir da sehr geholfen. In der DDR ist Kabarett mehr Sklavensprache gewesen, weil wir durch Doppel- und Dreideutigkeiten die Zensoren austricksen konnten. Werner Finck hat das mal sinngemäß sehr schön auf den Punkt gebracht: Wer in einer Diktatur mit einem ganz kleinen Klöppelchen an eine große Glocke schlägt, erschüttert das ganze Land. Heute könnten wir einen Vorschlaghammer nehmen und jeder würde fragen: Hat es geklingelt?

Wo ziehen Sie die Grenze zwischen Kabarett und Comedy?

Wir haben Comedy schon immer im Kabarett gemacht, haben das aber Klamotte genannt. Comedy heute lässt die Hosen runter, Kabarett zieht sie dem Publikum stramm. Scherzhaft gesagt: Comedians machen es wegen dem Geld, Kabarettisten wegen des Geldes. Im Kabarett gibt es ein politisches Anliegen, aber ohne Zeigefinger. Man trägt da seine Weltanschauung auf der Seele. Das ist etwas Aktives, was jeder Mensch braucht. Aber viele schauen sich nur die Welt an, völlig passiv. Wissen Sie, ich habe immer in Frieden gelebt und nie Hunger gelitten. Aber wenn ich an meine Kinder und Enkelkinder denke, werde ich ängstlich. Der Frieden war nie so bedroht wie im Moment. Und wir schicken Soldaten ins Baltikum! Halten dort Nato-Manöver ab und nennen das auch noch Anaconda! Das ist eine Riesenschlange, die ihre Opfer umzingelt und langsam erwürgt. Wirklich nicht witzig! Wir haben zwar keine Oligarchen, bei uns heißen die Großaktionäre – aber warum wir nicht mit Russland zusammenarbeiten oder wenigstens reden, verstehe ich nicht.

Und da zieht es Sie nicht in die Politik? Als Kabarettist sind Sie doch mittendrin!

Nein danke, ich bin kein Parteigänger und kein Parteimensch, sondern für direkte Demokratie. Die parlamentarische Demokratie ist Lobbypolitik. Ich glaube, dass Politiker keine mächtigen Leute sind, sie haben Einfluss auf die Macht und werden von der Macht beeinflusst. Wie sehr Geld die Welt ruiniert, das sehen wir an Finanzkrise, in der wir noch immer tief drinstecken. Dabei ist doch klar, wenn Geld Geld heckt, ist das Inzucht mit roten Zahlen.

Leiden Sie an der Vergeblichkeit Ihres Tuns?

Ich zweifle immer an dem, was ich tue. Der Zweifel bringt uns voran. Aber verzweifelt bin ich nicht, sondern durch und durch optimistisch. Denn wenn wir über Probleme nicht mehr lachen können, haben uns die Probleme im Griff. Zu zweifeln ist aber grundsätzlich an allem, das ist heute nicht anders als früher. Nur dass wir in der DDR einen journalistischen Auftrag hatten, um das zu erzählen, was in der Zeitung auch zwischen den Zeilen nicht stand. Heute sehe ich eher einen Bildungsauftrag. Manche Witze verstehen die Leute gar nicht, weil sie nicht wissen, worum es geht. Einen Witz über Bismarck? Da denken die meisten inzwischen an Hering. Hans-Günther Pölitz hat mal gesagt, für das Bildungsniveau sind wir nicht verantwortlich, aber wir leiden darunter.

Was bedeutet Aufklärung für Sie?

Das ist die wichtigste Errungenschaft der Menschheit! Menschen müssen aufgeklärt, aber nicht manipuliert werden. Die große Diskrepanz zwischen den Religionen hängt auch mit der Unaufgeklärtheit zusammen. Ihre Heiligen Schriften sind die reinste Auslegware – sie dienen alle demselben Gott, werden aber unterschiedlich ausgelegt, nur darum bekämpfen sich die Menschen noch heute. Das ist ja mein Lieblingsthema, die große Weltlage, das kann man im Kabarett aber nur ansprechen. Deswegen ist Aufklärung so dringlich – aufgeklärte Menschen können mit Nachrichten umgehen. Die Frage ist doch, was für eine Gesellschaft wir wollen: geistige Konsumentenkrüppel oder gebildete Menschen? Die Ideologie grenzenlosen Wachstums ist längst gescheitert, aber durch sie sind die Rechtspopulisten so stark geworden.

2017 ist Wahl-Jahr. Welche Hoffnungen und Ängste verbinden Sie damit?

Keine Ängste, aber Hoffnungen werden medial bekämpft bis zum Gehtnichtmehr. Es ist Zeit für eine gerechte linke Bewegung, nicht im Sinne alter Klischees. Wenn sich die Konservativen zusammenschließen, klappt das irgendwie immer, warum können das die Linken nicht? Es scheitert stets an der SPD, die für mich nichts gelernt hat. Dabei haben die 30er Jahre doch gezeigt, wo das hinführt. Ich bin ziemlich erbost über die SPD und ihren Totengräber Gerhard Schröder. Im Moment scheint Frau Merkel die bessere Sozialdemokratin zu sein. Vermutlich entscheidet diese Wahl mit darüber, ob wir in Kleinstaaterei zurückfallen oder ob ein vereintes Europa gelingt. Aber ich bin kein Prophet, obwohl in diesem Land ist es einfach, Prophet zu sein, denn es tritt oft das ein, was wir befürchten.

Lothar Bölck: „Dummerland oder Was weiß ich denn?“ Dresdner Comedy & Theater Club, 29. Januar, 17 Uhr (Premiere).

Von Michael Ernst

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