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Julia Fischer und Michael Sanderling im Interview

Dresdner Philharmonie Julia Fischer und Michael Sanderling im Interview

Am Freitag öffnet der Dresdner Kulturpalast seine Türen. Nach fünf Jahren Umbau wird damit auch die Heimstätte der Dresdner Philharmonie wiedereröffnet. Die DNN trafen sich vorab zum Gespräch mit Michael Sanderling, Chefdirigent der Dresdner Philharmonie, und Geigerin Julia Fischer.

Michael Sanderling

Quelle: Nikolaj Lund

Dresden.
Am Freitag öffnet der Dresdner Kulturpalast seine Türen. Nach fünf Jahren Umbau wird damit auch die Heimstätte der Dresdner Philharmonie wiedereröffnet – mit einem Festakt, in dem Werke von Dmitri Schostakowitsch, Felix Mendelssohn Bartholdy, Franz Schubert und Ludwig van Beethoven erklingen. Am Pult der Philharmonie steht Chefdirigent Michael Sanderling. Solistin ist die Geigerin Julia Fischer. Weitere Mitwirkende sind Christiane Libor (Sopran), Silvia Hablowetz (Alt), Daniel Kirch (Tenor) und Matthias Goerne (Bariton), der MDR Rundfunkchor (Michael Gläser, Einstudierung), der Philharmonische Kinderchor und der Philharmonische Chor Dresden (Gunter Berger, Einstudierung). Die DNN trafen sich vorab zum Gespräch mit Julia Fischer und Michael Sanderling.

Frage: Julia Fischer, Ihr Debüt bei der Dresdner Philharmonie haben Sie 1999 mit Mozarts G-Dur-Konzert unter der Leitung von Marek Janowski gegeben. Seitdem gab es viele weitere Konzerte und Gastspielreisen mit Dirigenten wie Yakov Kreizberg, Rafael Frühbeck de Burgos und Michael Sanderling. In die Amtszeit des heutigen Chefdirigenten fällt auch Ihre Residenz 2013/14. Wie ist das Verhältnis in dieser Zeit gewachsen, und wie stellen Sie sich auf die Konzerte ein?

Mit der Dresdner Philharmonie habe ich unglaublich viele Konzerte gespielt. Ich bin da, glaube ich, schon ein Stück Geschichte „mitgelaufen“, auch viele Stücke, wie das Violinkonzert von Chatschaturjan, haben wir bereits früher zusammen gespielt. Ich weiß also, worauf ich mich einlasse, wenn ich in Dresden ankomme, und ich komme sehr, sehr gerne hierher. Ich finde, das Orchester hat eine echte Seele und ist wahnsinnig warmherzig.

Die Aufgaben eines Kammermusikpartners und die eines Dirigenten sind ja andere. Können Sie einen Unterschied zwischen dem Cellopartner Michael Sanderling und dem Dirigenten ausmachen?

Eigentlich nicht. Ein guter Musiker ist ein guter Musiker, egal, was er tut. Wenn man Kammermusik miteinander macht, ist man ja tatsächlich gleichberechtigter Partner, und natürlich ist man auch gleichberechtigt als Solist und Dirigent, aber zum Schluss… spielt der Dirigent ja nicht.

Da möchte ich gerne einmal einhaken – das ist ganz klar in der Hierarchie: Der Solist hat immer recht. Insofern ist das wirklich ein Unterschied zur Kammermusik, wo man unter gleichberechtigten Partnern musiziert, und natürlich versucht man in der Relation zwischen Solist, Orchester und Dirigent auch immer ein Einvernehmen herzustellen, trotzdem weiß jeder, dass die Wünsche und die Idee des Solisten oben ansteht.

Ich freue mich, wenn der Dirigent eine eigene Meinung hat und vielleicht meine Meinung auch kritisiert, Ideen einbringt und man darüber diskutieren kann und mit Inspiration herausgeht. Das ist auch ein Grund, weshalb ich so gerne mit Herrn Sanderling spiele. In unserer Zusammenarbeit ist es schon so, dass wir voneinander lernen wollen, damit wir danach klüger sind als vorher.

Julia Fischer war also für Sie als Solistin für den Festakt der Konzertsaaleröffnung am 28. April 2017 die Wunschpartnerin?

Absolut, es war der ausdrückliche Wunsch von uns allen. Julia Fischers Präsenz krönt den besonderen Tag der Eröffnung des Kulturpalastes für die Philharmonie, für mich, aber auch für alle Dresdner.

Frau Fischer: Brahms, Mendelssohn und auch Chatschaturjan gehören seit langem zu Ihrem Kernrepertoire oder sind sogar Lieblingsstücke, die Sie genau kennen. Was bedeutet es, damit in einen Saal zu kommen, der nicht nur für Sie ein unbekannter Ort ist, sondern auch dem Dirigenten und Orchester noch neu sein wird?

Wir sind aufgeregt und glücklich, und vor allem das Orchester freut sich wahnsinnig darauf, dass es endlich wieder eine Heimatstätte bekommt. So eine Saaleröffnung ist natürlich etwas ganz aufregendes. Zum Schluss weiß man, wie er klingt, wenn alle drinnen sitzen. Das weiß man vorher nicht, man kann so viel rechnen, wie man möchte – ich bin wahnsinnig gespannt und freue mich sehr darauf!

Welche Erfahrungen haben Sie mit neuen Sälen? Wie schwierig ist es, sich einzuspielen / einzuhören und den Unterschied Bühne / Zuschauerraum zu erfahren?

Ich glaube, einen idealen Saal gibt es nicht. Ideal wäre ja, dass sich die Musiker auf der Bühne perfekt gegenseitig hören, dass das Publikum überall gut hört und dass der Saal für jedes Repertoire passt. Gibt es tatsächlich so einen Saal?


Ich würde aber gerne noch einmal zurückkommen auf die Frage, was das Besondere an diesem Tag sein wird. Ich glaube, es ist zum einen die Wiederinbesitznahme einer Heimstätte, weil dies für jedes Orchester schon inhaltlich wichtig ist. Es geht darum, eine Verlässlichkeit zu spüren hinsichtlich der Orte und der Orientierung, aber vor allem auch in der Hinsicht darauf, was uns im Klang erwartet. Wir kommen jetzt aus einer Situation, in der wir nahezu jede Woche mindestens zwei Klangbilder pflegen: das, was hier im Probenraum eine Rolle spielt, und das, was wir an den sehr unterschiedlichen Spielstätten Dresdens, die uns das Gastrecht gewähren, zu produzieren haben. Zu dieser allgemeinen neuen Situation kommt noch der besondere Moment hinzu, den man sicher leicht nachvollziehen kann: Wenn Sie sich zwanzig, 25 Jahre auf etwas gefreut haben und dieser Tag immer näher und näher rückt, dann steigt natürlich die Spannung, und dann lädt sich an einem solchen Tag sicher eine große Portion Emotionen ab. Das ist etwas, worauf sich alle freuen, das ist keine Last, diese Emotionen.

Waren Sie sich sicher dessen, was Sie akustisch dort erwartet...?

Ich persönlich bin sehr ruhig, da ich mit der Akustikerfirma schon lange Kontakt habe und weiß: Soweit man heutzutage überhaupt ein Ergebnis durch Messungen vorhersagen kann, verspricht dieser Saal alles das zu halten, was wir uns alle und die gesamte Dresdner Bürgerschaft – auch die, die sich sehr lange kontrovers gegenüber diesem Saal verhalten hat – wünschen, nämlich eine Akustik, die zumindest eine signifikante Verbesserung für alles darstellt, was bisher in Dresden da ist. Aber ich glaube, wir gehen sogar weiter und sagen, eine Akustik, die sich in eine Reihe stellen muss mit den sehr guten Sälen Europas.

In Hamburg wurde kürzlich auch ein neuer Musiksaal eingeweiht. Zur Eröffnung gab es für „Zaungäste“ eine große Show, unter anderem mit Laserprojektionen, sowie gleich die erste, im neuen Saal aufgenommene CD. Wird es in Dresden über den Festakt und die Konzerte hinaus auch besondere Aktionen geben?

Als Dresdner Philharmonie haben wir versucht, schon die Festwochen zur Eröffnung des Hauses vielfältig zu gestalten, so dass sich die Dresdnerinnen und Dresdner in einem breitgefächerten Programm von Beginn an in ihrem Kulturpalast wiederfinden. Mit dem gemeinsamen Einzug der städtischen Zentralbibliothek, dem Kabarett „Die Herkuleskeule“ und der Dresdner Philharmonie entsteht ein Haus der Künste und des Wissens im Herzen der Stadt, das allen und ganztägig zugänglich sein wird. Wir freuen uns auf Konzerte unterschiedlichster Genres für Groß und Klein.

Gespannt sind wir natürlich auf unsere Kollegen aus den inter- und nationalen Spitzenorchestern, die während der Dresdner Musikfestspiele mit uns den Saal akustisch entdecken und mit Leben füllen werden. Und ja, eine CD gibt es auch. Die 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven wird gleich am Eröffnungswochenende für unsere Arbeit am Gesamtzyklus der Sinfonien von Beethoven und Schostakowitsch live „mitgenommen“.

Eine Frage zum Repertoire, Frau Fischer. Wenn wir von der aktuellen Saison und Chatschaturjan einmal absehen: Gibt es „Wagnisse“, sprich Stücke, die selten oder nie gespielt werden, die Sie aber gerne einmal mit den Dresdnern unternehmen würden?

Es gibt natürlich viel gewagtere Sachen. Ich suche immer nach neuen Werken, aber nicht, um sagen zu können, ich habe neue Werke gesucht, darum geht es mir nicht. Ich bin einfach neugierig und lese, was ich finde. Das Problem ist bei manchen Werken, die man noch nie im Saal gehört hat, dass man erst bei der Probe oder im Konzert merkt, ob es „funktioniert“ oder nicht. Man muss einfach ein offenes Ohr haben und auch Vertrauen zum Publikum. Ich glaube nicht, dass ein Publikum prinzipiell nur kommt, wenn es ein 0-8-15-Programm gibt.

Betrachtet man das derzeitige Repertoire der Philharmonie inklusive ihrer Gastdirigenten, fällt auf, dass dieses sehr groß ist, ohne den Eindruck zu erwecken, es wäre wild gestreut oder schlösse bestimmte Stücke aus. Dennoch gibt es doch bestimmt Werke, auf die Sie sich freuen, weil sie vielleicht nur im neuen Konzertsaal gespielt werden können?

Ich glaube, es ist uns gelungen, während des Interims so wenig wie möglich Einschränkungen im Repertoire hinnehmen zu müssen. Eine gibt es, das ist das orgelsinfonische Repertoire, weshalb wir uns ja besonders freuen auf die erste Konzertorgel Dresdens. Es gab auch Platzprobleme: Auch die größte Spielstätte, die wir bisher hatten, fasst zum Beispiel keine 8. Sinfonie von Gustav Mahler, aber auch eine Alpensinfonie wird etwas sein, wo es im neuen Saal dann keine Ausrede mehr gibt.

Wir haben uns einen großen Zyklus vorgenommen, in dem wir alle Beethoven- und Schostakowitsch-Sinfonien in einer gepaarten Art und Weise für Sony einspielen wollen, und natürlich spielt das dann im Konzertbetrieb eine Rolle. Das ist eine wunderbare Aufgabe, schränkt aber den einen oder anderen Ausflug in ein Randrepertoire aus. Ich habe zehn Programme im Jahr, davon ist ein Großteil fixiert auf dieses Projekt. Wenn Sie meine letzten zwei, drei Spielzeiten mit meinen ersten vergleichen, dann war in den früheren mein Repertoire bei der Dresdner Philharmonie breiter. Glücklicherweise können wir das aber durch unsere 1. Gastdirigenten und die anderen Gäste kompensieren.

Sie haben bekanntgegeben, Dresden mit Ablauf Ihres Vertrages zu verlassen. Das wird 2019 der Fall sein. Welche Ziele haben Sie sich bis dahin noch vorgenommen? Und: Gibt es Vorhaben oder Werke, die Sie vielleicht für die Zeit nach dem Schostakowitsch-Beethoven-Projekt im Auge hatten und noch mit dem Orchester realisieren möchten?

Unser ambitioniertes Vorhaben, alle 24 Sinfonien von Schostakowitsch und Beethoven aufzunehmen, liegt gut im Zeitplan. Wir hoffen, dass wir die Gesamtaufnahme des sinfonischen Werks der beiden großen Meister in der ersten Jahreshälfte 2019 beendet haben.

Abschließend noch ein anderer Ausblick: Was werden wir denn mit Ihnen beiden nach dem Festakt und Mendelssohn als nächstes hören?

Was auch immer Herr Sanderling möchte.

(lachend): Das schreiben Sie auch bitte in der Zeitung.

Ich bin sicher, wir werden etwas finden, was uns beiden Spaß macht und was den Dresdnern auch Freude bereitet.

Von Wolfram Quellmalz

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