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Jonas Lüscher liest im Stadtmuseum Dresden

Roman über einen cleveren Versager Jonas Lüscher liest im Stadtmuseum Dresden

Der Schweizer Auto Jonas Lüscher erzählt ins einem neuen Roman „Kraft“ von einem Mann, der vor den Trümmern seines Lebens steht und die Liaison mit einer zu jedem Tabubruch bereiten Machtelite in Erwägung zieht, die scheinbar nichts und niemand aufhalten kann. Am Donnerstag stellt er das Werk im Stadtmuseum vor.

Jonas Lüscher

Quelle: privat

Dresden. Die Literatur der Schweiz ist seit Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt stets auf einem hohen Niveau fortgeschrieben worden. Allerdings sind heute viele hervorragende Autoren aus der Schweiz dem deutschen Leserpublikum kaum bis gar nicht bekannt. Die Literarische Arena e. V. will dies ändern, indem sie Schweizer Autorinnen und Autoren zu Lesungen nach Dresden einlädt. Die Dresdner sind eingeladen, die Crème de la Crème der neuen Schweizer Literaturszene kennenzulernen und mit den Autoren ins Gespräch zu kommen. Gemeinsam mit der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia wurde die neue Lesereihe „Schweiz direkt“ initiiert.

Zweiter Gast ist Jonas Lüscher. Er wird am 4. Mai im Dresdner Stadtmuseum seinen Roman „Kraft“ (Verlag C. H. Beck, München 2017) vorstellen.

Jonas Lüscher erzählt in seinem Roman von einem Mann, der vor den Trümmern seines Lebens steht und die Liaison mit einer zu jedem Tabubruch bereiten Machtelite in Erwägung zieht, die scheinbar nichts und niemand aufhalten kann.

Richard Kraft, Rhetorikprofessor in Tübingen, unglücklich verheiratet und finanziell gebeutelt, hat womöglich einen Ausweg aus seiner Misere gefunden. Sein alter Weggefährte István, Professor an der Stanford University, lädt ihn zur Teilnahme an einer wissenschaftlichen Preisfrage ins Silicon Valley ein. In Anlehnung an Gottfried Wilhelm Leibniz soll Kraft in einem 18-minütigen Vortrag begründen, „weshalb alles, was ist, gut ist und wir es dennoch verbessern können“. Für die beste Antwort ist eine Million Dollar ausgelobt. Damit könnte Kraft sich von seiner anspruchsvollen Frau endlich freikaufen.

Das Verlangte sollte für einen mit allen akademischen Wassern gewaschenen ultraliberalen Meisterdenker wie Kraft kein Problem bereiten. Bis dato war es ihm stets ein Leichtes, die „elaborierte Diskussion über die volkswirtschaftlichen Feinheiten des Vorzugs einer angebotsorientierten gegenüber einer nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik“ wohlformuliert darzustellen und mit einer beängstigenden Menge an Zahlen, Statistiken und Modellen zu unterfüttern. In seiner Fantasie mischt er sich bereits einen intellektuellen Cocktail europäischer Ausprägung, in dem sich „Leibniz‘ Optimismus und Kants Strenge mit Voltaires verächtlichem Schnauben verbinden“ würde, sekundiert von Hölderlins Gemüt und Thomas Manns Ironie. Doch, so sehr Kraft sich auch müht, es gelingt ihm nicht, den nötigen Optimismus zu mobilisieren, der jener vom Initiator des Wettbewerbs gewünschten Autonomie und Selbstermächtigung des Menschen im digitalen Zeitalter eine geistige Grundlage formulieren helfen könnte. Als Studenten in den Achtzigerjahren hatten sich die beiden Freunde als rechtsliberale Salon-Revolutionäre aufgespielt. Hatten Ronald Reagan bei dessen Berlin-Besuch zugejubelt und waren nach Bonn gefahren, um das die Regierung Schmidt stürzende Misstrauensvotum im Deutschen Bundestag live miterleben zu können. Otto Graf Lambsdorff und Margaret Thatcher galten ihnen als politische Ikonen eines neuen ultraliberalen Zeitalters. Die Freunde hatten „Seite an Seite in ihrem gemeinsamen Kampf“ für Freiheit, atomare Abschreckung, niedrige Steuern, Eigenverantwortung, Investitionsanreize und Privatisierungen gestritten. Beide hatten sie – István in den USA, Kraft in Deutschland – glänzende wissenschaftliche Karrieren hingelegt. Erst im Lesesaal der Hoover Institution on War, Revolution and Peace der Stanford University, mit Blick auf die Tech-Community von Silicon Valley, beginnt Kraft an seinen einstigen Idealen zu zweifeln. Hier, wo jene marktfromme Geisteshaltung, mit der er stets provokativ kokettiert hatte, ihn als beängstigende Zukunftsvision anstarrt, gerät sein Weltbild ins Schwanken. Plötzlich lehnt sich alles in ihm auf: das alte Europa gegen die New Economy, Hermeneutik gegen Algorithmen, Humanismus gegen Engineering.

Mit seiner Figur Richard Kraft ist Jonas Lüscher die Karikatur eines wirtschaftsliberalen europäischen Intellektuellen gelungen, dessen Versagen den geistigen Bankrott einer Elite widerspiegelt, die dem drohenden digitalen Totalitarismus nicht das Geringste entgegenzusetzen hat. Jonas Lüschers Roman verbindet Gelehrtensatire à la Voltaire mit treffsicherer Kapitalismus-Kritik zu einem großen Lesevergnügen. Die Souveränität, mit der er auf wenig mehr als 200 Seiten dreißig Jahre Zeitgeschichte mit philosophischen Exkursen und den privaten Problemen eines narzisstischen Selbstinszenators in Beziehung setzt, ist beeindruckend und große Kunst.

Veranstaltung Donnerstag (4. Mai), 18.30 Uhr, im Stadtmuseum Dresden, Wilsdruffer Str. 2, 01067 Dresden (Eingang Landhausstraße), im Museumscafé
Eintritt: 6 Euro / ermäßigter Eintritt 4 Euro

Von Axel Helbig

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