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Jacopo Godani und seine Dresden Frankfurt Dance Company sorgen für Entdeckungen

Im Festspielhaus Hellerau Jacopo Godani und seine Dresden Frankfurt Dance Company sorgen für Entdeckungen

„Extinction of a minor species“ von Jacopo Godani mit seiner Dresden Frankfurt Dance Company ist im Festspielhaus Hellerau zu erleben. Da ist intensives Nachdenken angesagt bei dieser Produktion, die nicht von ungefähr in Zusammenarbeit mit der Senckenberg Gesellschaft entstanden ist.

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Die Dresden Frankfurt Dance Company mit ihrer jüngsten Produktion im Festspielhaus Hellerau.

Quelle: Dominik Mentzos

Dresden. Leichte Kost ist das nun nicht gerade, dieser neue Abend „Extinction of a minor species“ von Jacopo Godani mit seiner Dresden Frankfurt Dance Company. Doch wer erwartet schon einen leicht verdaulichen Kunstgenuss justament im Festspielhaus Hellerau, zumal, wenn es dabei um Körpersprache geht. Da ist eher ein intensives Nachdenken angesagt, und bei dieser Produktion, die nicht von ungefähr in Zusammenarbeit mit der Senckenberg Gesellschaft entstanden ist, ganz besonders. Wie ja Naturforschung im weitesten Sinne etwas Spannendes ist, nicht zuletzt auch, wenn es um die Natur des Menschen geht, um die Evolution von Lebewesen.

In dieses Spektrum tauchen wir unversehens ein, und das schon beim Betreten des Dalcroze-Seitenstudios, wo wie in einer Schau bedrohter Arten hinter Mattscheiben bewegte Körper zu erleben sind. Mehr wohl nur die Ahnung davon. Da sind Hände, Füße, ineinander verschränkte Körperteile wahrzunehmen, manchmal auch ein Gesicht, nah und fern zugleich. Wie in einem Traum. Man glaubt, den anderen berühren, erkennen zu können, aber er ist nicht mehr zu fassen, längst entschwunden.

Und so rätseln wir weiter, auch im Großen Saal. Wenn sich der Blick öffnet für eine Szenerie von Merkwürdigkeiten. Vielleicht etwas weniger geheimnisvoll als die Raumbilder zuvor, doch nicht minder denkwürdig, fast schon dekorativ in der Wirkung. Und dazu gehören die am vorderen Bühnenrand quasi aufgereiht, allein oder paarweise sitzenden Gestalten unter durchsichtigen Folien. Aus denen sich diese schon bald herauslösen werden. In gewisser Weise erinnert das Material an Eihäute; es ist immer wieder einbezogen in den so verletzlichen Kreislauf von Entstehen und Vergehen, verfremdet, versteckt und formt Strukturen.

Offensichtlich vermeidet Godani bei dieser Aufführung, speziell (wie etwa im Butoh) körperliche Entwicklungsstufen des Menschen aufzuzeigen. Vielmehr lässt er weitgehend offen, um welche Art von Lebewesen es ihm dabei überhaupt geht. Und da er sich mit allem einbringt, was auch szenisch dazu gehört, also ebenso Bühnen- und Kostümbildner wie Lichtgestalter ist, entsteht ein assoziationsreicher Raum in beeindruckenden Verwandlungen. Wozu auch eine hängende, dreigeteilte Installation gehört, die überraschend Strukturen verändern kann.

Wir sind zum Nachdenken quasi gezwungen, rätseln über die Ästhetik des Abends, die Symbolik, über Körperliches, Raumwirkungen, Zuordnungen. Und denken möglicherweise an berühmte Gemälde oder Filmszenen, assoziieren Ur- wie auch Endzeiten. In dieser verstörenden Szenerie ist letztlich jedes einzelne Geschöpf in seiner variierten Merkwürdigkeit erkennbar, und wir sinnen darüber nach und sind schon wieder mit der nächsten Irritation konfrontiert. Das ist gedanklich, auch gefühlt Schwerstarbeit – alle Sinne und ebenso die grauen Zellen sind dabei gefragt. Und das Publikum der Dresdner Premiere – zuvor startete die Uraufführung des neuen Stückes bereits im Bockenheimer Depot in Frankfurt am Main – wirkt höchst konzentriert und aufmerksam. Was sich aber genau in den Köpfen abspielt, weiß nur jeder selbst. Und wird sich letztlich so oder so mitteilen, wie manche schon beim Hinausgehen. Oder eben auch nicht. Übrigens dürfte es besser sein, sich zuvor nicht übermäßig zu informieren. Dann ist die Vorstellungskraft weniger eingeengt, sieht und entdeckt man das, was tatsächlich auch zu sehen und zu entdecken ist.

Davon gibt es manches. Eine Art von Laboratorium beispielsweise oder archaische Zustände mit Tierköpfen, Zwänge mit Fanggeräten und kuriose Formationen und Konfrontationen. Wie jenes auch in der Bewegung stimmige Bild vom Zwei-Kampf der beiden Männer, wo Hände und Füße schnell mal zur Speerspitze werden können, sich das Aufeinandertreffen der Kräfte zugleich verwandelt in einen Kräftebund.

Das Schlussbild „Postgenoma“ zur Musik von „48nord“ wirkt letztlich wie ein Hohelied auf das Leben, auf menschlich-denkende, bewusst handelnde Wesen. Wo es schließlich nicht darauf ankommt, wer stärker, schwächer, männlich, weiblich ist. Godani gewichtet das Paar als gleich starke Partner, lässt beide aufeinandertreffen bis zur Erschöpfung. Und natürlich sind sie nicht gestorben, leben weiter... Da ist es nur konsequent, auch die Aufführung nicht mit Stillstand zu beenden. Wenn sich die „Trennwand“ herabsenkt, geht es immer weiter. Mit den Hoffnungen und auch Gefährdungen.

Aufführungen: 26., 27., 28. und 31. Mai, 1., 2., 3., 4. und 5. Juni, jeweils 20 Uhr, Festspielhaus Hellerau

Begleitprogramm: 31. Mai, 18.30 Uhr: Blutegel – Vergessene Retter der Menschheit? // Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung

Von Gabriele Gorgas

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