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Internationale Messiaen-Tage in Görlitz-Zgorzelec

Gedenken ans Ende der Zeit Internationale Messiaen-Tage in Görlitz-Zgorzelec

Der 15. Januar war hier jahrelang ein ganz gewöhnlicher Tag im Kalender. Nach 1945 mochte sich kaum jemand an die Vergangenheit erinnern. Das änderte sich erst, als der Theatermann Albrecht Goetze 2002 nach Görlitz kam. Er hatte Messiaens „Quartett“ gehört, war fasziniert und wollte unbedingt den Ort sehen, wo diese Musik entstand.

Der Meetingpoint in Görlitz-Zgorzelec ist fester Bestandteil einer Erinnerungskultur, die der Theatermann Albrecht Götze durch sein Engagement mitbegründete.

Quelle: Michael Ernst

Görlitz-Zgorzelec, .  Der 15. Januar ist ein besonderes Datum für die Europastadt Görlitz-Zgorzelec. An diesem Wintertag im Jahr 1941 wurde im Görlitzer Stadtteil Moyn, heute östlich der Neiße am Stadtrand von Zgorzelec gelegen, Olivier Messiaens „Quartett für das Ende der Zeit“ uraufgeführt. In einem Kriegsgefangenenlager! Ungeheizt, eisig, aber vor Hunderten Mitgefangenen aus ganz Westeuropa sowie zahlreichen deutschen Soldaten und Offizieren. Osteuropäische Häftlinge waren zwar ganz in der Nähe, litten aber unter ganz anderen Bedingungen. Ihnen haben die Nazis keine Theaterbaracke gestattet.

Der 15. Januar war hier jahrelang ein ganz gewöhnlicher Tag im Kalender. Nach 1945 mochte sich kaum jemand an die Vergangenheit erinnern. Das änderte sich erst, als der Theatermann Albrecht Goetze 2002 nach Görlitz kam. Er hatte Messiaens „Quartett“ gehört, war fasziniert und wollte unbedingt den Ort sehen, wo diese Musik entstand. Goetze kam und blieb – bis ihn 2015 eine böse Krankheit aus dem Leben riss.

Ohne diesen 1942 in Leipzig geborenen Mann, einem Magier, wäre diese Form der Erinnerungskultur dort heute kaum denkbar. Er hat Menschen begeistern und mitreißen können, oft auch ganz und gar unkonventionell. Sonst stünde das 2015 auf dem einstigen Lagergelände eröffnete Europäische Zentrum für Bildung und Kultur – künftig soll es auch das Wort Erinnerung im Namen tragen – vermutlich heute noch nicht.

2007 rief Goetze den Meetingpoint Music Messiaen als Verein ins Leben, seit 2008 gab es jeweils am Uraufführungsdatum das Januar-Konzert mit Messiaens berühmtem Quartett. Das „Quatuor pour la fin du temps“, wie es im Original heißt, ist stets von wechselnden Ensembles aufgeführt worden, zunächst in einem Zelt, in diesem Jahr nun zum dritten Mal im multifunktionalen Gebäude des Europäischen Zentrums.

Weil das Datum auf einen Sonntag fällt und das Januar-Konzert nun zum zehnten Mal ausgerichtet wird, wollen die Veranstalter des Meetingpoint erstmals Internationale Messiaen-Tage ausrichten. Ein ganzes Wochenende lang, beginnend an diesem Freitag, stehen Görlitz und Zgorzelec im Zeichen von Musik und anderen Künsten. Dieses Experiment soll dauerhaft als Neujahrstreffen kulturinteressierter Menschen aus Polen, Tschechien, Deutschland und möglichst vielen anderen Ländern etabliert werden. Zum wiederholten Mal wird Sachsens Kunstministerin Eva-Maria Stange (SPD) vor Ort sein, die, wie bisher nur wenige Politiker, die Bedeutung dieses Ortes erkannt hat.

Der mit EU-Mitteln errichtete und von einer polnischen Stiftung getragene Bau wird auch vom Freistaat Sachsen finanziell unterstützt. Darüber hinaus sind es unermüdliche Vereinsmitglieder, denen der Meetingpoint Herzenssache ist. Auch zahlreiche Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt wollen an diesem Werk mitwirken.

Ein „Schrei der Menschheit nach etwas Besserem“

Zum wiederholten Mal ist in diesem Jahr die Sinfonietta Dresden zu Gast. Unter Leitung von Jan Michael Horstmann wird sie Werke von Charles Ives, Isang Yun und anderen Komponisten aufführen, darunter auch das von Anton Webern instrumentierte Ricercar aus Johann Sebastian Bachs „Musikalischem Opfer“. Im Zentrum dieses Konzerts steht aber eine Uraufführung des Münchner Komponisten Nikolaus Brass. So erklingt an diesem Ort, wo Messiaens Quartett vollendet und uraufgeführt worden ist, wiederum Neues.

Erstmals soll über dieses abendfüllende Quartett hinaus, das am Sonntag begleitet vom Flex Ensemble und der Klarinettistin Bettina Aust die Messiaen-Tage beschließt, das Wirken und Schaffen des am 27. April vor 25 Jahren verstorbenen Komponisten Olivier Messiaen vorgestellt werden. So gibt es am Samstag neben Führungen im Schlesischen Museum zu Görlitz sowie auf dem früheren Lagergelände in Zgorzelec auch ein Klavier-Recital sowie einen Vortrag des britischen Messiaen-Biografen Peter Hill. In der Jacobspassage der Neiße-Stadt macht zudem ein Nachtschwärmerkonzert auf Messiaens Bezug zu Natur und Vogelstimmen aufmerksam.

Orgelmusik von Olivier Messiaen – er wirkte sechs Jahrzehnte lang als komponierender Organist an der Pariser Kirche La Trinité – wird am Sonntag in der Jacobus-Kathedrale zu hören sein. Der Ornithologe Friedhard Förster hält anschließend einen Vortrag zu „Vogelstimmen in der Musik Messiaens“. Als beachtenswertes Novum soll die Dokumentation „Quartet for the End of Time“ des US-amerikanischen Filmers H. Paul Moon präsentiert werden (mit deutschen Untertiteln). Ganz zum Abschluss gibt es – nach der „Quartett“-Aufführung – einen Abendspaziergang durch das Gelände mit dem Metallbildhauer Matthias Beier, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, jeden der acht Sätze dieses musikalischen Meisterwerkes in einer Skulptur darzustellen. Darin ist der in Messiaens Musik hörbare „Schrei der Menschheit nach etwas Besserem“ visuell nachvollziehbar.

Der 15. Januar wird ein besonderer Tag bleiben. Nicht nur für die Europastadt Görlitz-Zgorzelec und deren Gedenken an eine mitten im Krieg entstandene Musik, sondern auch für ein zersplitterndes Europa, das Rüstung und Militär in eine von Krieg und Gewalt bedrohte Welt liefert. Auch daran werden wir denken beim „Quartett auf das Ende der Zeit“.

Internationale Messiaen-Tage Görlitz-Zgorzelec, 13.-15. Januar.

www.meetingpoint-music-messiaen.net, www.festival-music-messiaen.net

 

Von MICHAEL ERNST

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