Volltextsuche über das Angebot:

6 ° / -2 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Ingo Zimmermann blickt positiv zurück - und nach vorn

"Die Richtung stimmt" Ingo Zimmermann blickt positiv zurück - und nach vorn

Glaube, Liebe, Hoffnung - im Leben von Ingo Zimmermann scheinen dies feste Grundsätze zu sein. Donnerstag wird der Dresdner Autor 75 Jahre alt und feiert diesen Tag im Familienkreis. Zuvor sprach Michael Ernst für die DNN mit Zimmermann über Glauben, Kunst, Politik - und Dresden.

Ingo Zimmermann

Quelle: Dietrich Flechtner/Archiv

Dresden. . Glaube, Liebe, Hoffnung - im Leben von Ingo Zimmermann scheinen dies feste Grundsätze zu sein. Heute wird der Dresdner Autor 75 Jahre alt und feiert diesen Tag im Familienkreis mit guten Freunden. Zuvor sprach Michael Ernst für die DNN mit Zimmermann über Glauben, Kunst, Politik - und Dresden.

Frage: Wie geht es Ihnen, wird zum 75. Geburtstag schon mal Bilanz gezogen?

Ingo Zimmermann: Dazu sind alle Geburtstage angetan, dass man mal zurückblickt. Bei einem 75. ist das nicht anders. Man freut sich über manches, das gelungen ist. Aber einen gewissen Perspektivwechsel gibt es schon, in diesem Alter schaut man nicht mehr so weit nach vorn. Was die Zukunft anbetrifft, da freut man sich, auf dem Fundament dessen, was man erarbeitet und sich angeeignet hat - natürlich nach Maßgabe der Kräfte -, noch was Vernünftiges zu machen. Ich bin grad wieder fleißig am Schreiben.

Worum geht es?

Im Moment befasse ich mich mit dem musikalischen Dresden im 19. Jahrhundert. Das Verbindende dieser Stadt nach Ost und West war ja immer sehr prägend für meine Arbeit. Es geht also um Dresdens Klang in Europa. Als Ruheständler habe ich nun das Glück, mich ganz ohne Termindruck meinen Leidenschaften zu widmen.

Mir fallen bei Ihnen immer wieder drei Säulen auf: Glauben, Kultur und Politik...

Das fließt ineinander. Ich bin bekennender Christ und sehe darin eine Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft wie dem Nächsten. Die Kultur ist mein Arbeitsgebiet, aber nicht als Selbstzweck, denn sie dient der Lebensgestaltung, also der Politik. Durch den Glauben weiß ich, auf welchen Fundamenten unsere Kultur beruht. Diese Fundamente auch für die Gestaltung der Zukunft bewusst zu machen, das ist die Verbindung, da trenne ich zwischen Kultur und Politik gar nicht. Mein politisches Verhältnis war immer vom kulturellen Anliegen her begründet.

Nach einem Dutzend Jahren freiberuflichen Schriftstellerdaseins waren Sie ab 1990 Mitglied im Landtag des Freistaates Sachsen. Welchen Gestaltungsspielraum gab es da?

Ich hatte nach der Wende schon in der Bezirksverwaltungsbehörde das Ressort Kultur inne, das war ein bisschen die Vorbereitung des Landes Sachsen. Meine späteren Gebiete waren der Kultur- und der Wissenschaftsausschuss im Landtag, da zielte mein gesamtes politisches Engagement auf diese kulturelle Erneuerung sowie auf die Nutzung unserer kulturellen Grundlagen für Neugestaltungen. Beim Sächsischen Musikrat und später an der Sächsischen Akademie der Künste, die ich ja mitbegründet hatte, konnte das fortgesetzt werden.

Wo sehen Sie die persönliche Basis für Ihr kulturelles Bewusstsein?

Das liegt in der Familie begründet, es sind aber auch das starke Engagement in der Jungen Gemeinde sowie ein Zufall, der mich in die Internatsschule des Dresdner Kreuzchors führte. Das alles war für mich die ideale Umgebung, besonders gefördert durch die Freundschaft mit Rudolf Mauersberger, dessen Begegnungen mit Erna Hedwig Hofmann ich ediert hatte. Also ein Übereinklang von christlicher Prägung und kulturellen Ambitionen. Und zehn Jahre Lehrtätigkeit als Professor für Kunstgeschichte haben später mein schriftstellerisches Interesse gefördert.

Wie wichtig ist Ihnen dabei Dresden als Ort gewesen?

Das ist mir erst später aufgegangen. Je mehr ich mich kulturell interessiert und beschäftigt habe, umso mehr ist mir die kulturelle Bedeutung Dresdens in dieser Axiallage zwischen Ost und West und zwischen Nord und Süd bewusst geworden. Für mich ist die Frauenkirche ein ganz wunderbares Bauwerk, das von südeuropäischen Formen inspiriert ist und trotzdem eine Verbindung zum nordeuropäischen Protestantismus darstellt. Sie steht genau an der Schnittstelle einer Linie zwischen Paris und Warschau im Zentrum Europas.

Seit dem sogenannten Augusteischen Zeitalter ist Dresden zwar keine politisch, umso mehr aber eine kulturell bedeutsame Stadt gewesen. Ich bin von Dresden nie losgekommen, nicht während meines Studiums in Leipzig, auch nicht in den Jahren als Oberassistent an der dortigen Universität. Aber ich will das nicht überbewerten, das ist alles gewachsen und mir anverwandt.

Inzwischen haben Sie ein Drittel Ihrer Lebenszeit im wiedervereinigten Deutschland verbracht. Wie blicken Sie auf dieses Vierteljahrhundert zurück?

Man staunt vor allem, wie schnell die Zeit vergangen ist. Die Jahre in der DDR schienen manchmal endlos, seit 1990 war ich aktiviert und konnte die Zeit ganz anders nutzen. Wahrscheinlich kommt es einem deswegen so kurz vor.

Im Rückblick freue ich mich, viel Fürsprache in meiner Arbeit erfahren zu haben. An Widerstände gegen ein Zuviel an Kultur kann ich mich kaum erinnern, eher an einen fruchtbaren Boden, auf dem man säen konnte.

Die Zeit ist aber auch mit Abbau und Fusionen verbunden gewesen?

Wir haben keine wesentlichen Verlust erlitten. Es gab notwendige Konzentrationen, da die finanziellen Mittel begrenzt waren. Unterm Strich war das ein Gewinn, denn so manche Kräfte sind gebündelt worden. Das sehe ich positiv.

Auch für die nächste Zukunft?

Ja, denn ich bin grundsätzlich ein positiver Mensch. Allerdings muss ich sagen, dass ich mich heute mehr als Beobachter sehe denn als Gestalter, jetzt sind andere dran. Es ist nicht meine Art, mich da mit Ratschlägen einzumischen. Ich sehe das zuversichtlich.

Gilt das auch für die Akademie der Künste?

Das ist meine Grundeinstellung. Als meine Präsidentschaft beendet war, habe ich mich rausgehalten und werde niemanden mit meiner Meinung behelligen. Aber ich habe ein gutes Gefühl, zukunftsträchtige Grundlagen gelegt zu haben. Gerade die internationale Ausrichtung war mir durch meine europäische Einstellung ein wichtiges Anliegen.

Sind die Chancen, die es 1989/90 für ein europäisches Annähern gab, aus heutiger Sicht nicht reichlich vertan?

Das ist eine schwierige Frage. Wir haben uns Mühe gegeben, das Mögliche zu machen. Vertane Chancen sehe ich nicht, auch wenn nicht immer alles so glückt, wie man es sich wünscht. Das ist so im Leben, aber die Richtung stimmt.

Ich bin nicht sonderlich optimistisch, dass von einer Akademie politische Impulse ausgehen können, um die Staaten Europas näher zusammenzubringen.

Nochmal der Blick auf Dresden: Wie sehen Sie diese viel diskutierte Stadt heute?

Das ist eine Frage, die wohl alle umtreibt. Es ist unser Haus und der Hausherr muss entscheiden, wem er seine Haustür öffnet. Wir werden die aufnehmen, die unsere Hilfe brauchen, sind aber keine Wirtschaftsoase für Leute, denen es anderswo schlechter geht. Das würde unsere Möglichkeiten übersteigen. Ich kann mein Haus nicht übertrieben füllen, dann wird es unbewohnbar. Diese menschenfreundliche Verantwortung ist auch im Aufruf "Dresden, besinne dich!" formuliert, den ich mit unterzeichnet habe.

Eine ganz andere Frage ist Pegida, das ist aus meiner Sicht etwas ganz Schlimmes. Patriotische Europäer gegen eine Islamisierung, das halte ich für einen Begriffsunsinn.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr