Volltextsuche über das Angebot:

28 ° / 16 ° Gewitter
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland RND

Navigation:
Google+
„In Gottes eigenem Land“ an den Landesbühnen Sachsen

Bejubelte Uraufführung „In Gottes eigenem Land“ an den Landesbühnen Sachsen

An den Landesbühnen Sachsen wurde „In Gottes eigenem Land“ uraufgeführt – ein buntes, munteres Spiel um Untertanengeist und Selbständigkeit, um Glaube, Religion, Anarchie, Freiheit und Ordnung, um christliche Nächstenliebe, Gewalt und Krieg.

„In Gottes eigenem Land“ an den Landesbühnen Sachsen.
 

Quelle: Hagen König

Radebeul.  
 

Doch an den Landesbühnen wird aus der Geschichte des Heinrich Melchior Mühlenberg (1711-1787), in Sachsen nahezu unbekannt, in den USA hingegen hoch verehrt, unter dem Titel „In Gottes eigenem Land“ ein buntes, munteres Spiel um Untertanengeist und Selbständigkeit, um Glaube, Religion, Anarchie, Freiheit und Ordnung, um christliche Nächstenliebe, Gewalt und Krieg.

Ein wenig Geduld braucht man freilich. Es beginnt verheißungsvoll, mit starken Szenen: Auf der 14-wöchigen Überfahrt stirbt auf dem Schiff die Frau eines Tischlers, Tod, Verzweiflung, Zorn, Handgemenge, in Amerika droht dem Mann die Sklaverei. Dann flaut es rasch ab. Konflikte werden, noch ehe sich Spannung aufbauen kann, im Handumdrehen gelöst. Schon scheint es als hurtiges Stationendrama mit hübschen Folklore-Einsprengseln abzuschnurren. Da hat Olaf Hörbe mit seiner Bühnenfassung auch nicht viel mehr aus der gleichnamigen, 2011 erschienenen, historisch-dokumentarischen Romanvorlage von Eberhard Görner herausholen können. So wirkt das Ganze zunächst, was die Dramatik anbelangt, recht schaumgebremst. Viel zu oft wird berichtet statt gespielt.

Erst nach der Pause nimmt der Abend richtig Fahrt auf, wird spannend, bewegend, gewinnt deutlicher Kontur. Dann kann Moritz Gabriel diesem Heinrich Melchior Mühlenberg ein paar mehr widersprüchliche Züge verleihen. Zunächst taumelt er nur im Auf und Ab zwischen Verzagtheit und Entschlossenheit. Später aber sehen wir, wie eingeübte Obrigkeitshörigkeit mit neuem Selbstvertrauen in ihm ringen, er als männliches Oberhaupt im eigenen Hause aber das Zepter führen will, seiner Frau Gehorsam abverlangt. Am Ende wächst er als Organisator und Kirchengründer über sich selbst hinaus.

Ein guter Einfall sind die 1. und 2. Person, die Mühlenberg an die Seite gegeben werden. Holger Uwe Thews und Sophie Lüpfert, gekleidet als Menschen von heute, eine Art Moderatorenteam, vermitteln uns nötige Fakten und Zusammenhänge, fassen zusammen oder streiten miteinander als innere Stimmen des Pfarrers.

In der zweiten Hälfte der Aufführung kann auch Julia Rani als Mühlenbergs Frau Anna Maria zu Hochform auflaufen. Wie sie ihrem in deutsch-feudalem Kirchenhierarchiedenken gefangenen Mann den Wert von Freiheit, kirchlicher Basisdemokratie und englischer Sprache schmackhaft macht, mit welch keckem Humor sie sich von Herd und Bastbesen emanzipiert und selbstbewusst in die Kirchenpolitik einmischt – das ist herzerfrischend zu sehen.

Und, natürlich, unser aller Chefindianer Gojko Mitic als ergrauter Delawaren-Häuptling „Fliegender Pfeil“, der mit gekonnter Bühnenpräsenz Hoffnung, Enttäuschung, Leid und Zorn verkörpert, diese Freundschaft mit Mühlenberg und ihr Zerbrechen.

Ansonsten sind die Rollen mit ihren Funktionen recht klar verteilt. Wo der Text nicht mehr als Holzschnittartiges vorgibt, bleiben den Darstellern wenig Möglichkeiten. Damit sie nicht unterfordert werden, dürfen sie in mehrere Rollen schlüpfen. Utz Pannicke gleich in fünf – unter anderem als eitel-überheblicher Graf Zinzendorf, der vom Missionseifer beseelte Gegenspieler Mühlenbergs.

Olaf Hörbe in zwei – eine davon Conrad Weiser, kultureller Vermittler und Friedensstifter zwischen Siedlern und Indianern. Matthias Henkel mit sonorer Stimme als Gotthilf August Francke, von Halle aus die Fäden ziehender Kirchenpatriarch, der aber die Verhältnisse in der neuen Welt nicht begreift.

In historischem Gewand geht es im Grunde um aktuelle Probleme, um Migranten, die sich in Parallelwelten einkapseln, auch mit ihrer Religion, sich Spracherwerb wie Integration verweigern – nur dass es hier Deutsche sind. Das hätte man sich stärker akzentuiert, nicht nur sacht angedeutet gewünscht. Dann hätte es auch nicht des plakativ wirkenden Schlussauftritts von Flüchtlingen in Rettungswesten bedurft.

Für das eigentliche Erlebnis aber sorgen Dutzende Laiendarsteller. Mit diesen „Community Players“ macht Regisseur Damian Cruden aus dem englischen York anschaulich, um wen es letztlich geht: um das Kirchenvolk. Er hat ihnen etwas zugetraut, so trauen auch sie sich, geben der Aufführung regionales Kolorit, zeigen einzelne, erdverbundene Charaktere ebenso wie die andächtige, aber auch verführbare, wetterwendische und empörte Menge. Das bringt Leben auf die Bühne, wirkt ungeheuer kraftvoll und authentisch.

Zum durchgearbeiteten Gesamtkunstwerk wird die Inszenierung auch durch den Chorgesang. Da zieht sich als Leitmotiv Psalm 23 („Der Herr ist mein Hirte / mir wird nichts mangeln“) durch, da bauen Choräle oder indianische Gesänge als Soundtrack akustische Kulissen.

Das großartige Bühnenbild (Tilo Staudte) sorgt für ein optisches Erlebnis: nicht nur durch Videoprojektionen, auch durch schlichte Holzbänke. Erstaunlich, was man alles damit anstellen kann. Trotz einiger Schwächen also ein bewegender Abend, der sich den langen, langen begeisterten Applaus zur Uraufführung verdient hatte.

Weitere Aufführungen: u.a. 11.6. Kulturschloss Großenhain, 16. und 17.6. Neue Burgfestspiele Meißen

Von Tomas Gärtner

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr