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Im ersten Kulturzug zwischen Dresden und Prag las Durs Grünbein

Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und Nationalgalerie Prag in Kooperation Im ersten Kulturzug zwischen Dresden und Prag las Durs Grünbein

Zur Premiere im Kulturzug, der künftig zwischen Dresden und Prag oder Prag und Dresden unterwegs sein soll, las der Schriftsteller Durs Grünbein. Mit dem Kulturzug wollen SKD und Nationalgalerie Prag ihre Kooperation angemessen zelebrieren.

Berthold Franke, Leiter der Region Mittelosteuropa Goethe-Institut (r.), und der Dichter Durs Grünbein im Gespräch im Kulturzug
 

Quelle: KLEMENS RENNER

Dresden.  Hinter der Lok ein Wagen der 1. Klasse, dann ein ungewöhnlicher, weil selten gesehener Vertreter unter den Eisenbahnwaggon: ein Konferenzwagen. Drinnen sind etwa 30 schwarze Ledersessel in Fahrtrichtung angeordnet. Ihnen gegenüber steht ein kleiner Tisch, ebenfalls mit zwei Sesseln. Dort nimmt der Schriftsteller Durs Grünbein Platz, neben ihm der Chef des Prager Goethe-Instituts Berthold Franke. Der Autor wird lesen, aus seinem Roman „Die Jahre im Zoo“ über seine Kindheit in Hellerau und aus dem Lyrikband „Zündkerzen“, Franke wird mit ihm immer wieder parlieren: über Autobiografisches oder Poetologisches, zum Beispiel. Unterbrochen von einer Pause, zieht sich das Ganze gute zwei Stunden hin, ohne dass Langeweile aufkommt. Es ist die Dauer einer Zugfahrt von Dresden nach Prag: Abfahrt 15.08 Uhr, Ankunft 17.27 Uhr.

So sieht sie aus, die Premiere des sogenannten Kulturzuges, der nun in unregelmäßiger Regelmäßigkeit zwischen Dresden und Prag oder Prag und Dresden unterwegs sein soll. Damit wollen die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) und die Nationalgalerie Prag ihre Kooperation, sichtbar für Publikum beiderseits der Grenze, angemessen zelebrieren. Diese Zusammenarbeit soll zukünftig noch inhaltsschwerer werden. Der Messepalast der Nationalgalerie Prag steht vor seiner Sanierung, „offenbar ab 2020“, wie SKD-Generaldirektorin Marion Ackermann kurz nach Reisebeginn sagte. Dann sollen die dort gezeigten Hauptwerke für einige Zeit nach Dresden umziehen und dort präsentiert werden. Außerdem stünden zwei wichtige gemeinsame Projekte an: die Erforschung der Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges auf Wien, Prag, Dresden und Stockholm sowie die Provenienzforschung über ein Konvolut von Gemälden, die einst für die Dresdner Galerie Alte Meister in Prag erworben worden waren.

Doch zurück in die Gegenwart. Im Konferenzwaggon, der in rötliches Zwielicht getaucht ist, lässt Grünbein gleich eingangs wissen, dass diese Art von Lesung auch für ihn eine Premiere sei: „Ich habe sowas noch nie gemacht.“ Er sitzt dabei, wie auch Franke, gegen die Fahrtrichtung – was sonst nicht wenige Bahnfahrer vermeiden. Grünbein aber schenkt diesem Umstand offenbar keinen Gedanken. Franke, regelmäßig auf dieser Strecke unterwegs, mahnt zu Beginn scherzhaft zur Eile: „Die Fahrt ist kürzer, als man denkt.“ Er soll Recht behalten. Als Grünbein anfängt, aus „Die Jahre im Zoo“ eine Stelle vorzulesen, die sich dem Dresdner Hauptbahnhof widmet, ist der Zug schon kurz vor Pirna. Und als der Satz fällt, „der Bahnhof blieb eine feste Burg aus Elbsandstein“, sind draußen tatsächlich schon die ersten felsigen Ausläufer der Sächsischen Schweiz zu erkennen, die still salutieren.

Der Waggon wirkt, weil er eben nicht im üblichen Vis-à-vis der hohen Sitze unterteilt ist, auch als Raum. Vor allem aber geben die Fenster nach draußen nicht nur den für Bahnreisende bekannten Blick frei, sondern bieten fast schon ein Panorama, das nur von den Gardinen unterbrochen wird. So mischt sich der von Grünbein vorgetragene Text für den Zuhörer mit dem ständigen Blick nach draußen, der lange auch der Elbe gilt, bis sie von der Moldau abgelöst wird. Eine Fahrt, die auch um ihrer selbst Willen reizvoll ist.

Keine halbe Stunde nach Abfahrt ist Bad Schandau der erste Halt. Bis dahin ist auch von Seiten des Vorlesers bereits einiges geboten worden: der Rückblick auf die eigene Adoleszenz zum Beispiel, als er als 17-Jähriger schon in die tschechische Hauptstadt fuhr. „Prag war die Stadt, die mir im Ostblock die liebste war.“ Es ist auch eine Art Wallfahrt ans Grab seines Idols: Franz Kafka. Im Gespräch mit Franke bezeichnet Grünbein Kafka als „einen unergründlichen und hilfreichen Autor“. Wenn, so Grünbeins These, jemandem in Nordkorea ein Kafka-Text in die Hände fiele, könne das zu einigem Begreifen führen.

Als der Zug etwa gegen 15.45 Uhr die Grenze zu Tschechien hinter sich gelassen hat, spricht Grünbein dann von der DDR als „geschlossener Gesellschaft“ – ein Phänomen, das sich aber eben nicht auf die DDR begrenze. Sich selbst, Jahrgang 1962, bezeichnete er in diesem gesellschaftspolitischen Kontext als „Versuchskaninchen“. Draußen kündet sich unterdessen ein früher Dämmer an, sodass die Lampe an Grünbeins Lesetischchen ihren kleinen Lichtkegel mit stetig wachsender Berechtigung über die Buchseiten wirft. Nun widmet sich der Autor beim Lesen den Gästen der Mitropa-Gaststätte im Dresdner Hauptbahnhof. Als Oberschüler sei er mit Freunden dort gewesen – „und nach der dritten Lage gehörten wir schon dazu“. Es ist für ihn ein eigenartiger Blick auf die Gestrandeten der DDR-Gesellschaft, „die Insassen eines Narrenschiffs, das niemals ablegen würde“. Grünbeins finale Feststellung: „So was hatte ich im Staate Dederon bis dahin noch nie gesehen.“

Gegen 16 Uhr zeigt ein Blick nach draußen: Die Autos fahren alle schon mit Licht. Das langsam herankriechende Tagesende macht die Atmosphäre im Zug fast heimelig. Grünbein ist nun bei Kafkas recht erfolglosem Aufenthalt 1914 in Hellerau, „der Zyste Hellerau“, wie es Franke einmal kurz herausrutscht. Da steht der Zug gerade in Usti nad Labem, auf dem Bahnsteig hängt ein Werbeplakat zweier tschechischer Christdemokraten, einem hat jemand ein Hakenkreuz auf die Stirn gemalt. Ein Mann schaut kurz neugierig von draußen durchs Waggonfenster, dann rollt der Zug schon wieder.

In einer kurzen Lesepause gibt Grünbein fleißig Interviews (natürlich sind die Medien bei dieser Tour dabei). Als es weitergeht, liest er ohne Brille, die er im ersten Teil der Lesung noch trug. Die Pause hat alle noch einmal aufgelockert: Marion Ackermann hat ihre Tochter auf dem Schoß, alles atmet berührende Alltäglichkeit. Draußen sieht man weiße Kühe auf einer Weide stehen, wie geschnitzt zeichnen sie sich gegen die Dunkelheit ab. Drinnen bricht Grünbein eine Lanze für die Lyrik, die keine Nische sei, „sondern das geheime Zentrum“ der Literatur.

Als Prag-Holesovice seine Lichter vorauswirft, neigen sich Tag und Tour dem Ende entgegen. Grünbein verabschiedet sich mit einem „Gedicht aus der Mappe“, also einem noch nicht publizierten Text. Er nimmt den Applaus der Mitreisenden gelöst entgegen, fast schon mit einem Funken Euphorie. Pünktlich in Prag, das auch abends lockt. Knödel und Bier sind jetzt obligatorisch. Während der Literat sich dem Klischee entziehen sollte, kann der Autor dieses Textes darauf pfeifen. Prost.

Termine und Informationen: www.skd.museum/kulturzug/

Von Torsten Klaus

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