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Im Dresdner Norden begann das Festival Street Culture@Hellerau

Im Dresdner Norden begann das Festival Street Culture@Hellerau

Zwei Jahre schon bereitet das Europäische Zentrum der Künste Hellerau den Höhepunkt der Saison 2012/13 vor: Ein Festival der Straßenkunst im weitesten Sinn, das es so auf der Welt noch nicht gibt.

Und so konnte ihm auch die jüngste Attacke der Stadtverwaltung nichts mehr anhaben, ausgerechnet die Straßenmusiker vom heiligen Dresdner Boden zu vergrämen. Unfassbar, wie schmalstirnige Papierköpfe im Rathaus immer wieder versuchen, den Ruf der Kunst- und Kulturstadt zu beschädigen. Man denke nur an den Eklat bei den Musikfestspielen, als der Christopher-Street-Day ausgerechnet das Orgelkonzert in der Kathedrale zudröhnen musste.

Spontane oder geplant spontane Straßenperformance, Musik, Grafik, Tanz schaffen Urbanität, wo sie der bebaute Raum oft schon wieder tötet. Sie erobern die zweckgestaltete Stadt für den Esprit und die träumerische Freiheit wieder zurück. Solche Aktionen tun auch dem jenseits der historischen Räume immer uniformer werdenden Dresden gut. Die Prologe am Freitag für das zweiwöchige Street-Culture-Festival zeigten, wie dankbar alle Generationen solche Angebote annehmen. Was als Pop-Up-Battle der durch Europa reisenden Plattform Paint Club angekündigt war, erwies sich beispielsweise als ein dreistufiger Wettbewerb für temporäre Street Art, bei dem das Zufallspublikum die Jury spielen sollte. Nach dem K.o.-System entschieden auf der Hauptstraße am Gomondai-Platz schließlich 114,7 dB Lautstärke für "Frau Albert", ein skurriles Paar mit Heule und Keule.

Anschließend konnte vor dem Neustädter Bahnhof Breakdance wie in seinen Ursprungszeiten lustvoll bestaunt werden. Musik aus einer selbstgebauten Lautsprecherkiste mit Autobatterie, kurze Soli der freundschaftlichen Kontrahenten. Ein sympathischer, lockerer Wettbewerb mit gegenseitigem anerkennenden Abklatschen. Artisten aus Dresden-Pieschen standen den Profis der brasilianischen Beltrao-Truppe mit Pirouetten auf dem Unterarm und Saltos aus dem Stand nicht nach, und auch Zwölfjährige versuchten sich schon.

Diese harmlose Lockerheit war am Sonnabend beim offiziellen Auftakt in Hellerau nicht mehr zu spüren. Festspielhauschef Dieter Jaenicke wies in seiner Ansprache schon darauf hin, dass die Straßenkultur ihrem Ursprung nach vor allem Protestkultur ist. Diese subversive Spitze habe ihr auch die Kommerzialisierung nicht nehmen können. Als das Festival geplant wurde, konnte niemand ahnen, dass daran gerade in diesen Tagen besonders erinnert werden muss. Hunderttausende gehen in Brasilien auf die Straße, weil nicht einmal der Fußball mehr die schreienden Ungerechtigkeiten zu kompensieren vermag. Mit Blick auf die anschließend zu sehende Arbeit "CRACKz" des brasilianischen Choreografen Bruno Beltrao, den Jaenicke aus seiner Zeit in Brasilien gut kennt, ein wichtiger Kontext. In verschiedensten Regionen der Welt regt sich derzeit ziviler Widerstand.

Dem trägt Beltrao offensichtlich Rechnung. "CRACKz" lebt von den Formen des Hip-Hop und des Breakdance, übersteigert diese aber in einer manchmal schon quälenden Weise. Das Spielerische ist verloren gegangen, statt seiner zeigen die Solisten und Kleingruppen ins Schwindelerregende forcierte Drehungen, eine geradezu autoaggressive Körpersprache. Aus dem Internet haben die Tänzer Bewegungsabläufe "gestohlen" und reihen sie nun wie Patterns aneinander. Das hohe Tempo mit seinen typisch ruckartigen Bewegungen lässt kaum Harmonie zu. Nur scheinbar zufällig finden sich in der genial komponierten Choreografie plötzlich zwei, drei Tänzer zu Synchronbewegungen zusammen. Diese Vereinzelung weicht aber im letzten Teil unter einer glühendrot aufgehenden künstlichen Sonne zunehmend einer Massenbewegung, die sich vor einer unsichtbaren Front in Richtung der vollbesetzten Zuschauertraversen staut. Unverkennbar geht es um demonstrierende Steinwerfer, Aggressivität auch untereinander, ebenso um Ratlosigkeit und Resignation. Begleitet werden die 50 Minuten intensiver Aktion von permanent quälendem Sound, zunächst düster, dann schrill und in jedem Fall demonstrierend, über welch eine hervorragende Audioanlage das Festspielhaus verfügt. Die Bässe schienen manchmal bis ins Körper-Resonanzspektrum herunterzureichen.

Nicht so einfach, nach diesem packenden Stück virtuos vertanzter empörender Wirklichkeit wieder die Kurve zu dem Happeningcharakter zu bekommen, den die Umbauten in der Umgebung des Festspielhauses ausstrahlen. Eine kleine Containerburg ist entstanden, die ebenso zur Auseinandersetzung mit Film und Streetart-Dokumenten wie zum behaglichen Verweilen einlädt. Wer Empathie und Weltschmerz mitbringt, muss indessen nach Brüchen nicht lange suchen. Die von einem Berliner Typen mit dem Künstlernamen SuperBlast in den oberen Seitenräumen des Festspielhauses konzipierte Ausstellung hat es in sich. Fotografien von Straßenkunstszenen aus aller Welt und einige Spielereien wiegen noch in trügerischer Harmonie. Und die comichaften, zuweilen an Dali erinnernden schrägen Spießer-Zimmer des Dänen HuskMitNavn machen mindestens schmunzeln. Aber schon die wie Ikonen gemalten Gespenster von SuperBlast und erst recht die erschütternden Fotografien der ganz unten Gelandeten des aus Belgrad stammenden Fotojournalisten Boogie lassen das Blut gefrieren. Die Straßenkunst gehört ja vorwiegend in die Stadt. Aber wer in den kommenden beiden Wochen zu einer Veranstaltung nach Hellerau aufbricht, sollte unbedingt eine zusätzliche Stunde für die begleitende Ausstellung einplanen.

www.hellerau.org

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.06.2013

Michael Bartsch

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