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Hörspiel-Inszenierung eines Folterreports

„Ready for Boarding“ Hörspiel-Inszenierung eines Folterreports

Das Ensemble Brachland war am Donnerstag zu Gast in der Gedenkstätte Bautzner Straße in Dresden. Inszeniert wurde ein Live-Hörspiel basierend auf dem CIA-Folterreport.

„Ready for Boarding“
 

Quelle: Olga Holzschuh

Dresden.  Der Weg zum Vortragssaal der Gedenkstätte Bautzner Straße führt fast vorbei an den Schautafeln zum Schicksal ehemaliger Häftlinge der Dresdner Stasi-Zentrale. Oben im Saal mit dem typischen DDR-Charme geht es dann um einen anderen Geheimdienst, um den 2014 erschienenen Untersuchungsbericht des US-Senats über Foltermethoden der CIA. Die Aufführung des Brachland-Ensembles in Zusammenarbeit mit Amnesty International war von der Gedenkstätte bewusst an diesen Ort eingeladen worden. Vor einem reichlichen Jahr hatte sie in Kassel Premiere. Aber die Verbindung, die Analogie, die mit der Ortswahl hergestellt wird, sorgt unwillkürlich zunächst für einen gedanklichen Schluckauf. Das vorherrschende historische Narrativ tituliert die DDR als Unrechtsstaat, ihr Überwachungsdienst verfolgte mithin verbrecherische Ziele. Die USA aber gelten ebenso hartnäckig nach wie vor als Mutterland der westlichen Freiheit. Wenn da mal ein paar Unschuldige über die Klinge springen müssen, geschieht das doch im Namen der großen Sache, oder?

Der Versuch, sich künstlerisch mit den unbestreitbaren Menschenrechtsverletzungen auch im gelobten Amerika auseinanderzusetzen, dreht sich denn auch um die zentrale Frage, wie die der barbarischen mittelalterlichen Inquisition in nichts nachstehenden Verhör- und Foltermethoden im Schoße des angeblichen Rechtsstaates geschehen konnten. Spätestens seit die amerikanischen Bürger einen Psychopathen zum Präsidenten gewählt haben, der selber überhaupt kein Verhältnis zum Rechtsstaat hat, stellt sich diese Frage aber eigentlich nicht mehr – oder aktueller denn je.

Solche Gedanken aber mussten sich die rund 50 überwiegend sehr jungen Gäste am Donnerstagabend selber machen. Denn „Ready for Boarding“ ist ein reines Dokumentarspiel, sozusagen ein O-Ton-Hörspiel. Keine verbindenden Texte, so gut wie keine Szene. Die drei Akteure sitzen wie im Studio vor Mikrofonen und lesen vom Laptop ab. So recht entscheiden können sie sich nicht, ob sie auf kalkulierte Distanz oder Betroffenheit setzen sollen. Leidenschaftslos werden Passagen des Untersuchungsberichtes und Originalaussagen wiedergegeben, aber die Imitation von Waterboarding mit Wasserflaschen oder plötzliche Spots auf das Publikum sind an die Hörer adressiert. Auch der illustrierende Sound, mit dem Yankee-Doodle gelegentlich ins Sarkastische kippend, zielt auf Emotionen.

Schon während des Einlasses werden ungezählte arabisch klingende Namen und ihre vermutliche Haftdauer verlesen. Was dann über das nach dem 11.September 2001 einsetzende Internierungs- und Verhörprogramm zu erfahren ist, könnte die Verschwörungstheorie nähren, die CIA habe auf einen solchen Terroranschlag nur gewartet, endlich hemmungslos gegen islamistische Feinde und Kapitalismushasser loszuschlagen. Mit Zustimmung von Präsident George W. Bush wurde die Einhaltung der Genfer Konvention ausgesetzt, wurden echte und vermeintliche Terroristen nicht als Kriegsgefangene angesehen. Deren Misshandlungen fanden oft in Gefängnissen außerhalb der USA statt.

Über eine Stunde lang beschäftigt sich „Ready for Boarding“ mit dem krassen Fall Abu Subaida, der 2002 der Viertchargierte des Terrornetzwerks Al-Quaida gewesen sein soll. Er war mehrfach dem Tode nah, verlor ein Auge, ohne dass brauchbare Informationen zu erpressen waren. Die Berichte sind fürchterlich, aber warum mussten sich die drei Spieler so dominant auf diesen einen Fall eines Mannes konzentrieren, der nicht gerade sympathieheischend wirkt? Über die oft grundlos verdächtigten Insassen des irakischen Foltergefängnisses Abu Ghuraib beispielsweise erfährt man nichts. Erst kurz vor Schluss, auf den man rund 100 Minuten warten muss, folgen Hinweise auf andere Tote und Verallgemeinerungen. So scheint sich am Schluss dieser zweifellos wichtigen und ambitionierten Inszenierung das Sprichwort zu bestätigen: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint!

Von Michael Bartsch

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