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„Hinter der Maske“: DDR-Kunst im Museum Barberini

Dresdner Künstler in Potsdamer Ausstellung „Hinter der Maske“: DDR-Kunst im Museum Barberini

Im Museum Barberini in Potsdam läuft seit wenigen Tagen die Ausstellung „Hinter der Maske“, die rund 120 Werke der DDR-Kunst vereint. Mit starken Dresdner Aspekten: Von den 86 in Potsdam vertretenen Künstlern und Künstlergruppen stammen 30 aus Dresden oder sind mit hier entstandenen Werken vertreten.

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Harald Metzkes „Januskopf“ von 1977 und Theo Baldens Terrakotta „Kopf mit Maske“ von 1964 und Theodor Rosenhauers „

Potsdam. Mag das Titelmotto auch ein wenig konstruiert klingen – „Hinter der Maske“. Ist das Verhältnis zwischen dem authentischen Selbstbild des Künstlers und jener öffentlich inszenierten Künstlerrolle auf die Technik einer simplen Maskerade zu reduzieren? Ganz so, als müsse man nur die Maske ablegen, um der Essenz im Antlitz gegenüberzustehen. So einfach ist das nicht, wissen Erfahrung und Künstlersozialgeschichte, denn unter der äußeren Maske scheint nur allzu oft darunter die nächste bereits hervor – wie es auch viele Künstler gibt, die jedweden Mummenschanz einer Selbstinszenierung mit Konsequenz verweigern.

Aber egal, wir folgen gerne dieser Fährte und schauen mit großem Gewinn auf die in der Ausstellung versammelten Selbstporträts, Gruppenbildnisse und Atelierszenen, die, ergänzt um weitere Aspekte, den Kern des Geschehens in den neun Themenräumen mit mehr als 120 Werken bestimmen. Auch deshalb, weil in diesem musealen Panorama ostdeutscher Kunst sich Dresden endlich als Zentrum ostdeutscher Kunstentwicklung präsentieren kann und nicht einen marginalen Platz im Blendschatten der „Leipziger Schule“ zugewiesen bekommt. Von den 86 in Potsdam vertretenen Künstlern und Künstlergruppen stammen 30 aus Dresden oder sind mit hier entstandenen Werken vertreten. Altbekanntes und Neuentdecktes mischt sich da: Angefangen bei Hans Grundig, Hermann Glöckner, Rudolf Nehmer, Eva Schulze-Knabe und Theodor Rosenhauer über A.R. Penck, Peter Herrmann, Willy Wolff, Peter Makolies und Helmut Heinze bis hin zu Stefan Plenkers, Günther Hornig, Evelyn Richter, Karl-Heinz Adler und Siegfried Klotz.

Einer der seit der „Wende“ immer aufs Neue, offen und verdeckt erhobenen Vorwürfe gegenüber den ostdeutschen Künstlern lautet, sie seien aus der Zeit gefallen und hätten somit ihre kreativen Energien anstatt auf dem Terrain der Nachkriegsavantgarden in einer Sackgasse des regressiven Historismus vergeudet. Moderne Künstler seien sie deshalb nicht, sondern allenfalls Wiedergänger, Kopisten und artifizielle Nachahmer aus dem Fundus der Kunstgeschichte. Nur im genialischen Ausnahmefall, etwa beim Leipziger Werner Tübke, so die bis heute im Kunstbetrieb geltende Argumentationskette, sei aus dieser antimodernen Geste eine Art von postmodernem Manierismus entstanden, der zwar fasziniere, aber im Grunde doch nur die unüberbrückbare Entfernung der Ostkunst zu den Epizentren der Westkunst unterstreicht.

Es ist einer der vielen Vorzüge dieser Potsdamer Ausstellung, dieser Deklassierung gerade ein kunsthistorisch fundiertes Contra zu erteilen. Die Kuratoren Valerie Hortolani und Michael Philipp zeigen unaufgeregt und deshalb spektakulär, wie tumb solche Haltung erscheint, wenn man sehen kann, mit welcher Kraft hier Neues aus Altem entstand. Nach großen Ausstellungen zur Kunst in der DDR, zuletzt in Los Angeles, Nürnberg, Berlin (2009) und Weimar (2012), auf die Bildauswahl und Katalog produktiv rekurrieren, zeigt sich in Potsdam die ostdeutsche Kunstentwicklung als ein originärer Nebenweg der Moderne, der seine Kraft gerade aus der produktiven Reibung mit der europäischen Kunstgeschichte bezieht anstatt sich im Clinch mit der affirmativen Oberflächenästhetik des Sozialistischen Realismus zu verbrauchen – wenn man so will, entfaltete diese Kunst ihre tiefwurzelnde Zeitgenossenschaft gerade deshalb, weil sie die flachwurzelnde verweigerte, bevor der Wind of Change sein Urteil sprach.

Die überzeugende Methodik dieser Ausstellung liegt im konstellativen Gespür des Vergleichs. Nicht zur zeitgleichen Westkunst, sondern zu Formen, Mustern und Inspirationsquellen der Kunstgeschichte, die durch Adaption und Anverwandlung in der ostdeutschen Kunst eine zeitgenössische Wirkkraft entfalten. Um nur bei einigen Dresdnern zu bleiben, bei denen, wie Carolin Quermann in ihrem Katalogessay betont, eine spielerische und lustvoll-kreative Aneignung älterer Kunst geradezu als Strategie zu beobachten sei. Strawalde etwa, der Magier und Balanceur, bezieht sich in seinem in Potsdam gezeigtem Bild („Nach Giorgione“, 1954) auf Giorgiones „Ländliches Konzert“ (1508). Das vielen Besuchern im Albertinum schmerzhaft fehlende „Selbstbildnis mit Papagei“ (1971) von Peter Graf zeigt sich inspiriert von Parmigianinos „Selbstbildnis im Konvexspiegel“ (1523). Und Jürgen Schieferdecker, der vitale Experimentator und Grenzüberschreiter, greift in seinem Triptychon „Das Lächeln der Mona Lisa oder Kann Hoffnung scheitern?“ (1976/77) gleich auf zwei Pretiosen zurück – auf Caspar David Friedrichs „Das Eismeer“ (1823/24) und Leonardo da Vincis „Mona Lisa“ (1503) – und zeigt nebenher zugleich in der gewählten Form der Assemblage, dass auch der Surrealismus eine Kraftquelle der unabhängigen „Dresdner Kunstausübung“ (Thomas Rosenlöcher) darstellte.

Kunst kommt aus Kunst und Neues teilt immer Bezüge. Umso jünger die gezeigten Werke Dresdner Provenienz, desto näher kommen sich die von der Mauer halbierten Kunstströme. Auch dieser Magnetismus einer geopolitische Blockgrenzen überschreitenden Kunstentwicklung wird deutlich. Der neoexpressive Aufruhr zu Beginn der 1980er Jahre ist im Osten wie im Westen fast zeitgleich zu finden – Angela Hampels „Selbst mit Flügeln“ (1987/88) gibt ein spätes Beispiel dafür – und der konzeptuelle Aktionismus der Dresdner Autoperforationsartisten (in Potsdam mit Arbeiten von Else Gabriel und Micha Brendel vertreten) ist nicht mehr zwischen Wien und Düsseldorf zu verorten, sondern zeigte gerade in der Elbestadt sein „innovatives“ Format. Diese seit langem von etlichen verdienstvollen Projekten bestätigte Beobachtung einer Parallelentwicklung zog allerdings keine gesamtdeutsche Aufwertung nach sich. In den jüngsten Retrospektiven zur Kunst der 1980er Jahre fehlten die ostdeutschen Künstler in einer längst schon zur Routine gewordenen Praxis der Ausgrenzung. Und auch die aktuell im Albertinum gezeigte Wanderausstellung „Geniale Dilettanten“ des Goethe-Institutes wäre ohne die (nur in der Dresdner Station integrierte) Darstellung des Ost-Phänomens ein geschichtsverzerrendes Ärgernis, weil sie ausschließlich auf die West-Entwicklung abhebt und den Osten nur alibihaft in Szene setzt.

Ein Alibi braucht diese Ausstellung in Potsdam hingegen nicht. Und schon gar keine Debatte darüber, ob das, was hier gezeigt wird, Kunst sei von Rang oder „relevant“ (der Lieblingsbegriff des heutigen Kunstbetriebes). Dabei geht es längst nicht mehr nur um Ost und West: Der Bundespräsident, ein Westdeutscher, hat die lange Sprachlosigkeit der Politik beendet und die Ausgrenzung der ostdeutschen Künstler in seiner Rede bei der Eröffnung der Potsdamer Ausstellung als fatalen Irrtum beklagt, während die Bundeskanzlerin, eine Ostdeutsche, kein Problem darin sehen will, den einseitig auf Westkunst gezirkelten Großschauen deutscher Nachkriegskunst, zuletzt in Berlin und jüngst in China, den staatsfraulichen Segen des Bundeskanzleramtes nicht zu verweigern.

Als bizarr mag dem Leser schlussendlich die Tatsache erscheinen, dass man als Dresdner nach Potsdam (oder nach Cottbus, Halle/S., Frankfurt/O., Rostock oder Leipzig) reisen soll, um diese Lernprozesse nun nachzuvollziehen. Dass das Albertinum seine Bestände mit Kunst aus der DDR seit langem – und nicht erst seit dem Amtsantritt der neuen Direktorin – dem Publikum weitgehend vorenthält, wie der Autor das an anderer Stelle beklagte, darüber ist ein heftiger Streit entbrannt. Am 6. November soll darüber eine öffentliche Diskussion im Lichthof des Albertinums befinden. Ohne die Probe aufs Exempel, ohne die sinnliche Präsenz der Werke wird dieser Konflikt allerdings unlösbar bleiben. Bis dahin bleibt nur ein Weg – nach Potsdam!

bis 4. Februar 2018, geöffnet täglich (außer Di) 10 bis 19 Uhr

www.museum-barberini.com

Diskussion „Wir müssen reden! - Blickkontakt statt Bilderstreit“, 6. 11., 19 Uhr, Albertinum

Von Paul Kaiser

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