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Gunther Emmerlichs jüngstes Buch „Spätlese“

Erinnerungen eines Entertainers Gunther Emmerlichs jüngstes Buch „Spätlese“

Gunther Emmerlich hat schon zwei Erinnerungsbände vorgelegt: „Ich wollte mich mal ausreden lassen“ und „Zugabe“. Nun hat er nachgelegt, mit „Spätlese – Rücksicht ohne Vorsicht“. Darin hat er einiges an Erfahrung und Lebensweisheit. Vor allem gilt: Ohne Humor wird’s ganz schwer.

Familie Emmerlich im Garten hinterm Haus.

Quelle: Schwarzkopf & Schwarzkopf

Dresden.  „Mit Humor kann man Frauen am leichtesten verführen, denn die meisten Frauen lachen gerne, bevor sie anfangen zu küssen“, versichert einmal der Komiker Jerry Lewis. Wenn die These stimmt, dann könnten, ja sollten zumindest Frauen Gefallen an dem Buch „Spätlese – Eine Rücksicht ohne Vorsicht“ von Gunther Emmerlich finden, denn es ist geradezu durchtränkt von unterschwelligem bis offen daherkommendem Humor. Im Vorwort versichert Hugo Wieg, sein Kumpel Gunther, dem er 1967 an der Franz-Liszt-Hochschule in Weimar erstmals begegnete, habe Humor, dieser „war und ist bis heute feinsinnig witzelnd bis tiefgründig heiter, aber nie flach oder verletzend“. Wieg hält fest: Emmerlich „ist von einer beneidenswert ansteckenden Aura der Heiterkeit umgeben, mit der er sich auf die Suche von Lösungen alltäglicher und weltbewegender Dinge begibt“.

Nachdem seine Bücher „Ich wollte mich mal ausreden lassen“ und „Zugabe“ ein ziemlicher Erfolg waren, nicht nur in der Damenwelt, hat Emmerlich nun also nachgelegt. Einmal mehr erzählt aus seinem Leben: Erlebtes und Gedachtes, Denk- und Erinnerungswürdiges, Freudiges und Heiteres, aber auch Trauriges und Wehmütiges. Ein ganzer Abschnitt mit dem Titel „Geschüttelt und nicht gerührt“ bezeugt Emmerlichs Faible für den freudvollen Umgang mit Worten, für flotte Vierzeiler, Limericks, Palindrome, Schüttelverse und andere formalistische Sprachspielereien wie etwa „Lieber gute Ein- als schlechte Auskünfte“ oder „Jeder, der auf Lob versessen, / hält dies auch für angemessen. / Erfahrung aber lehrt indessen, / Lob und Tadel zu vergessen.“

Eine Episode mit seiner damals 20-jährigen Enkelin, die viele bei einem Neujahrskonzert im Leipziger Gewandhaus doch tatsächlich zunächst für seine Geliebte hielten, gibt Emmerlich die Gelegenheit zu konstatieren: „Das Boulevardreporter-Syndrom schlummert in vielen von uns. Wir müssen nur zur Kenntnis nehmen, dass die Wahrheit meist bedeutend unspektakulärer ist, als unser Skandalinteresse hofft.“ Wer aufs Skandalöse erpicht ist, der geht in diesem Buch leer aus. Allzu Privates bleibt außen vor. Soll man es bedauern? Nein.

Immer wieder erinnert Emmerlich an einstige Weggefährten, etwa an Joachim Herz, der von 1981 bis 1991 Chefdramaturg an der Semperoper war, wobei Herz’ „Freischütz“ zur Wiedereröffnung des Hauses kein Volltreffer gewesen sei, wie der Autor anmerkt. Ein anderes Kapitel ist in memoriam Peter Herden gewidmet, dem Grandseigneur des Dresdner Staatsschauspiels. Unvergessen sein Higgins in dem Musical „My Fair Lady“ an der Staatsoperette. Herden sei der Rex Harrison der DDR gewesen, schreibt Emmerlich, was verblüfft, denn an sich reagieren gelernte DDR-Bürger ja meist ziemlich allergisch auf Zuschreibungen à la „Belmondo des Ostens“ oder „Bardot des Ostblocks“. Einmal lässt der „linke CDUler“ Emmerlich einen Bühnenkollegen, den „konservativen SPDler“ Ilja Richter, zu Wort kommen, weil es Riesenspaß mache, „mit ihm zu streiten – kantig und kultiviert“.

Mitunter ist der Autor so frei, auch Schluss mit lustig zu machen. Der Möchtegern-Modernität des Regietheaters kann er gar nichts abgewinnen, da macht er keinen Hehl draus. Entsprechende Regisseure lässt er klipp und klar wissen: „Löst eure Probleme in Selbsthilfegruppen oder beim Arzt, aber belästigt nicht die erwartungsfrohe und gebildete Theaterkundschaft!“ Auch sonst wird so einiges thematisiert, was den Autor stört: etwa Talkshows, in denen ihm von anderen die DDR oder auch nur die Dresdner Eierschecke erklärt wird; oder wenn er Leute trifft, die nicht zur Wahl gehen mit dem Argument: Meine Stimme ändert doch sowieso nichts. Solchen bescheidet Emmerlich, nicht nur als Sänger definitiv kein Blatt vor den Mund nehmend: „Ich möchte nicht in einem Land leben, wo eine Stimme alles ändert. Aber keine Stimme macht sprachlos.“ Was den Künstler auch stört, sind Leute, die sich „durch vereinfachende Verallgemeinerung die Welt scheinbar begreifbar machen“, die glauben, „mit dem Kampf gegen die jeweils (vermeintlich) Schuldigen die Welt in Ordnung bringen zu können“. Überhaupt stellt Emmerlich klar, dass ihm „ein Denken in den Grenzen der DDR zu begrenzt und auch beschränkt“ ist. Die Dominanz altbundesrepublikanischer Zeitzeugen, Fachleute, Sportler und Künstler in vielen Sendungen nervt ihn – dass er ein Quotenossi war und ist, mache die Sache nicht erträglicher. Aber Ostalgie ist nicht sein Ding. Schon auf dem Schutzumschlag lässt der Autor potenziellen Lesern vermitteln: „Ältere Leute gucken gern nach hinten und werden dabei melancholisch. Ich gucke gern nach vorn und freue mich des Lebens, auch des weiteren Lebens und des Weiterlebens.“

Eine Lanze bricht Emmerlich für den Semperopernball. Störer nennt er Sozialneidhammel. „Wo sich’s der Mensch gut gehen lässt, sollte anderen, die es sich woanders gut gehen lassen, völlig egal sein“, schreibt der Autor, dem durchaus klar ist, dass das Programm dieses gesellschaftlichen Großereignisses ebenso Geschmacksache ist wie die Robe einiger weniger Damen.

Zuletzt wagt sich Emmerlich unter der Überschrift „Die Welt und ich“ an eine Art historischen wie biografischen Abriss. Persönlich. Musikalisch. Politisch. Auch da finden sich sehr hübsche, in ihrer Prägnanz wie Süffisanz einfach hinreißende Formulierungen, wie etwa: „1973 wird Dean Reed eingebürgert. 1976 wird Wolf Biermann ausgebürgert. Es war ein Kommen und Gehen. Wobei das Gehen überwog.“

Gunther Emmerlich: „Spätlese – Eine Rücksicht ohne Vorsicht, Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, 208 Seiten, 16 Seiten Bildteil, 17,90 Euro, ISBN 978-3-86265-624-0

Gunther Emmerlich mit „Spätlese“ am 6. März um 18 Uhr und am 7. März um 20 Uhr auf dem Theaterkahn, Terrassenufer 1. Tickets und Preise: www.theaterkahn.de

Von Christian Ruf

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