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Günter Philipp – Pianist, Maler, Improvisator, Komponist, Pädagoge und Autor – wird 90

Die Welt der Töne Günter Philipp – Pianist, Maler, Improvisator, Komponist, Pädagoge und Autor – wird 90

Am 13. September begeht Günter Philipp – Pianist, Maler, Improvisator, Komponist, Pädagoge und Autor – seinen 90. Geburtstag. Diesem Anlass widmet das Bautzener Stadtmuseum eine Ausstellung „Die Welt der Töne. Günter Philipp – Gemälde“. Sie wird am 17. September, 15 Uhr, im Beisein des Künstlers eröffnet.

Pianist, Maler, Improvisator, Komponist, Pädagoge und Autor: Günter Philipp

Quelle: Günter Philipp

Dresden. Vor reichlich fünfzehn Jahren begegnete ich Günter Philipp zum ersten Mal. Ich hatte ihm geschrieben, weil ich mehr über seinen ehemaligen Pianisten-Kollegen Manfred Reinelt (1932–1964) wissen wollte. Wir trafen uns in Philipps Weinböhlaer Haus. Dort erlebte ich Stunden voller Inspiration. Weit über Reinelt hinaus öffnete mir der vielseitige Künstler neue Türen zu unterschiedlichsten Fragen von Kunst und Leben. Nicht selten widersprachen seine Ansichten dem, was ich glaubte zu wissen. Zugleich spürte ich, wie sehr sich der damals Fünfundsiebzigjährige selbst noch als Suchender fühlte. Immer wieder interessierte ihn meine Meinung. Auch zu den Gemälden überall im Haus: Lausitzer Landschaftsstimmungen, Farbimprovisationen, Traumfantasien, minutiös gearbeitete Spiele mit Elementen, Bilder mit Notenfragmenten. Je länger ich mich einsah, desto stärker fingen sie an in mir zu klingen. Mir wurde bewusst, dass Musik und Bildende Künste in Philipps Schaffen niemals zu trennen sind.

Schon als Schüler begeisterte er sich für beide Metiers. Er lernte Klavier, spielte Tanzmusik und Jazz und vertiefte sich malend in die Seele der Lausitzer Heimat. Seine doppelte Begabung half ihm dann auch, als er sein Musikstudium in Leipzig wegen einer Handbeschädigung unterbrechen musste, eine tragische Folge von Zwangsarbeiten in der Nachkriegszeit. Er konnte einstweilen an die Hochschule für Grafik und Buchkunst wechseln. Das Klavierexamen schloss er später noch ab. Die Probleme mit der Hand sollten ihn aber weiterhin verfolgen. Die Not verwandelte er in eine Tugend: Er lernte, effektiver als die anderen zu üben. Darüber hinaus begann er, sich mit vielen Gewohnheiten des Klavierspiels kritisch auseinanderzusetzen. Dabei entwickelte er sich zu einem gefragten Pianisten, Kammermusikspieler, Korrepetitor, Liedbegleiter. Selbst in kürzester Zeit studierte er schwierigste Werke ein. Zeitgenössische Komponisten wie Denissow, Schnittke und Christfried Schmidt vertrauten ihm Musik zur Ur- oder Erstaufführung an.

Philipps besondere Leidenschaft galt aber der Improvisation. In unzähligen Konzerten und Rundfunkproduktionen gelangte er in Ausdrucksbereiche, die nur spontan entstehen können. Wiederholt beteiligte er Musikerkollegen wie Barbara Dollfus, Siegfried Dammert und Ute Pruggmayer-Philipp. Das Improvisatorische schätzte er aber auch als Brücke zu den Bildenden Künsten. Durch Kataloge seines Freundes Eberhard Dutschmann lernte er in den frühen 1960er Jahren informelle Bilder von Pollock, Schultze, Wols, Winter und anderen kennen. Sie wurden für Philipp zu Wegweisern und erschlossen ihm gleich dem Stegreifspiel neue Ausdruckssphären, ohne damit konstruktive und gegenständliche Malweisen auszuschließen.

Günter Philipp

Günter Philipp. Wilde Landschaft

Quelle: Günter Philipp: klangbilder bilderklang. Malerei der letzten 15 Jahre. Zum 80. Geburtstag. Weinböhla 2007 (Selbstverlag)

Bei diesen vielfältigen Aktivitäten sah sich Philipp in einem Spannungsfeld von inneren Möglichkeiten und äußeren Begrenzungen. Der Verband der Bildenden Künstler der DDR nahm ihn nicht als Mitglied auf. Es war nicht vorgesehen, zugleich Musiker und Maler zu sein. Dadurch blieben ihm viele Ausstellungen verschlossen. Der Angebotskatalog der DDR-Künstleragentur führte ihn nur kurze Zeit. Konzertreisen wurden ihm verweigert, oft sogar in osteuropäische Länder. Besonders aber bedrückte ihn, dass es lange nicht gelingen sollte, Improvisation als Unterrichtsfach einzuführen. Erst als Philipp 1972 von Leipzig nach Dresden wechselte, konnte er das Stegreifspiel in der Ausbildung verankern. 1978 wurde es sogar an den Hochschulen der DDR obligatorisch.

Seine reichen Erfahrungen schrieb Philipp in dem umfangreichen Bekenntnisbuch „Klavierspiel und Improvisation“ nieder (1984/2003). In seinem universellen Charakter und persönlichen Blickwinkel ist das Werk bis heute unersetzbar. Zugleich wird es von Philipps pädagogischem Ethos getragen, das er mit einem Zitat von Heinrich Jacoby umschreibt: „Ich erziehe Sie nicht zu irgend etwas. Ich möchte, daß Sie bewußt erleben und erkennen, was Sie in sich tragen.“ So versteht es sich von selbst, dass Philipp seine Studenten niemals im Sinne einer „Schule“ in ein Schema presste. Von eigener rastloser Neugier getrieben, half er ihnen vielmehr, ihre Individualität zu entdecken und ihren Möglichkeiten zu vertrauen.

Unvergessen bleibt mir mein letzter Besuch in Philipps Atelier vor anderthalb Jahren. Das jüngste Gemälde duftete noch nach frischer Farbe. Wir nannten es spontan „Farbenrausch“. Die Blumen im Garten hatten es inspiriert, aber für die Deutung bleibt dies unerheblich. Der Betrachter soll eigene Assoziationen wachrufen. Philipp hat stets den Dialog des Verschiedenartigen gesucht.

Am 13. September begeht er seinen 90. Geburtstag. Diesem Anlass widmet das Bautzener Stadtmuseum eine Ausstellung „Die Welt der Töne. Günter Philipp – Gemälde“. Sie wird am 17. September, 15 Uhr, im Beisein des Künstlers eröffnet.

Von Thomas Schinköth

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