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"Graf Öderland - Wir sind das Volk": Menetekel vom drohenden Bürgerkrieg

"Graf Öderland - Wir sind das Volk": Menetekel vom drohenden Bürgerkrieg

"Mach was!" fordert Ben Daniel Jöhnk als der zum Rebellen mutierte Staatsanwalt in seinem Solo auf, auch dazu, den "kühlen Soziologenblick" zu verlassen. "Jeder muss sich verhalten!", ruft er und findet damit die Entsprechung zu jener Originaltextpassage, in der die dumpf Aufbegehrenden fühlen, dass "etwas geschehen muss".

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Nichts Gutes dräut herauf: Ben Daniel Jöhnk und Lea Ruckpaul, dahinter der Dresdner Bürgerchor.

Quelle: Matthias Horn

Dresden. Ein Gefühl, das viel weiter verbreitet ist, als es Pegida-Anhänger zahlenmäßig fassbar machen, und das trotz des relativen Wohlstandes länger grummelt als Islam-Ängste und vermeintliche Flüchtlingsgefahren, die dem Unbehagen nur ersatzweise Namen geben. Der Bürgerchor deklamiert zum Prolog jene Beschreibung des Staatsanwalts von "Öderland", als er die Axt schon in der Hand hält: "- wo man aus Trotz lebt Tag für Tag, nicht aus Freude - es wächst uns die Muße nicht an Bäumen, die heitere, angstlose, freie -" Ersticken oder Ausbruch erscheinen als die Alternativen.

Auf diesem blubbernden Grund wabert es in den Katakomben des Geistes. Da flirren Orientierungslosigkeit, Sinnleere, enttäuschte Hoffnungen und Versprechungen der vermeintlichen Wende zum Besseren. Die bedrohlichen Videohintergründe von Clemens Walter illustrieren es oder der Rauch des Meilers und der omnipräsenten Zigarren. Es schwelt und es gärt, und deshalb wäre es eine verkürzte Sicht, die bundesweit mit Spannung erwartete Volker-Lösch-Inszenierung von "Graf Öderland" mit dem flankierenden Titel "Wir sind das Volk" allein auf das oberflächliche Pegida-Phänomen zu beziehen.

Fassungslosigkeit ob der Kälte

Das 1951 uraufgeführte Originalstück von Max Frisch mag seine Schwächen haben, insbesondere die Figurenentwicklung des Staatsanwalts betreffend. Der entdeckt seine Sympathie für einen Mörder, der scheinbar ohne Motiv nur aus Frust und Langeweile mordet, entdeckt dieselbe Leere in sich, bricht aus und wird zum Anführer der Unzufriedenen, die nur auf diesen "Graf Öderland" gewartet haben. Aber als Parabel auf Machtergreifungsmechanismen und die zyklische Rückkehr zum Dochwiederimmergleichen ist es eine denkbar passende Vorlage für das, was man von Lösch und seinen Bürgerchören erwarten musste: die polemische Auseinandersetzung mit den etablierten Mächten und den Mächten der Straße. Ein Menetekel, was passieren kann, wenn sich "Volk und Führer" finden. Den Betrug am revolutionären Geist inklusive. Sarkastisch lässt Max Frisch am Schluss den Präsidenten zum Staatsanwalt sagen: "Es gibt eine Reihe von Wörtern, von großen Versprechungen, die nie erfüllt worden sind und sich daher immer wieder eignen, um eine Machtübernahme als Fortschritt erscheinen zu lassen." Auf der Bühne des Dresdner Schauspielhauses ist es August der Starke alias Torsten Ranft, der mit diesen Worten ein albernes riesiges Kurschwert an den ehemaligen Rebellen übergibt.

Die Stückvorlage wird nicht dekonstruiert, sondern ungeniert benutzt, um zum Eigentlichen zu kommen. Das sind die eigenen, heutigen Texte von Chor und Spielern, welche die Aufführung auf beinahe zweieinhalb atemlose Stunden verlängern. Erstaunlich angesichts teils gemischter früherer Bürgerchor-Erfahrungen, wie wenig aufgesetzt diese Aus- und Einstiege wirken, ob sie sich nun anscheinend organisch aus dem Originaltext ergeben oder ob sich extra der Vorhang zum Monolog davor schließt. Was aus der düsteren Tiefe des Raumes oder bei gleißendem Licht an der Rampe mit äußerster Intensität an das Publikum adressiert wird, vermittelt verbreitete Bürgerängste, jenen von Alltagsrassismus durchsetzten "Extremismus der Mitte", Pegida-Originaltöne aus der Menge und von Rednern werden in den Saal geschleudert, Originalberichte von Opfern rechter Gewalt und eines syrischen Flüchtlings und persönliche Bekenntnisse der Schauspieler. Eine Mischung, die dem Anspruch journalistischer Ausgewogenheit genügen würde, setzten Regie und Akteure nicht auf das Prinzip der Selbstentlarvung durch Authentizität. Völker Lösch vertraut bei diesen Originalzitaten immer noch auf das gesunde Zuschauerempfinden, auf resistente Keime eines aufgeklärten und wachen Bewusstseins, darauf, dass sich eine natürliche Distanz zum grotesken Rütli-Schwur des Schweizers Ignaz Bearth auf dem Altmarkt oder zum hasserfüllten verbalen Sondermüll einer Tatjana Festerling einstellt. Auf der anderen Seite setzt er auf Empathiefähigkeit, wenn er die fürchterlichen Misshandlungen Jugendlicher und die schlichte Antwort des Syrers Yussef auf wüste Flüchtlingsbeschimpfungen einfach für sich sprechen lässt.

Für sich sprechen auch die Schauspieler. Und damit auch für andere, wenn auch zu wenige, wie immer wieder beklagt wird. Eindringliche Mahnungen, von Monologen aus der Nische endlich zum wirklichen Dialog überzugehen, zugleich aber die von Albrecht Goette bekundete Fassungslosigkeit ob der Kälte und Diskursunfähigkeit. Annedore Bauer ätzt am unverblümtesten gegen 25 Jahre Ignoranz und schweigende Toleranz der CDU gegenüber dem Nazi-Gift, die der Radikalisierung nur Vorschub geleistet habe, und gegen die Dickfälligkeit von Dresdens neuem OB Dirk Hilbert. Wie ein aufgescheuchtes Tier im Käfig pendelt sie an der Rampe hin und her und erhält den stärksten Szenenbeifall.

Wenig Subtiles, hier wird geklotzt

Ist das noch Theater oder nur Agitprop oder manchmal schon Kabarett, fragten sich Puristen auch schon nach Shakespeares "Maß für Maß" zum Spielzeitauftakt? Ja, es geht nicht sonderlich subtil zu, hier wird vorwiegend geklotzt. Aber besondere Situationen erfordern besondere Mittel wie die schon sprichwörtlich gewordenen Attacken des Bürgerchores. Der spricht selber vom Riss durch die Gesellschaft, von Angst und Ratlosigkeit. Nicht nur die ewig Gekränkten und Missmutigen fühlen sich an die späte DDR erinnert, als es in nächtlichen Disputen auch nur noch ein Thema zu geben schien. Insofern erscheint der Vergleich mit dem Leitspruch desselben Staatsschauspiels von 1989 legitim. "Wir treten aus unseren Rollen", hieß es damals.

Nun tritt das Schauspiel aber auch in gewisser Weise die Flucht nach vorn an. Am Haus wird um Antworten und um die passenden Mittel gerungen. Jahrelang hat man sich neben den üblichen Konzessionen an das Publikum auch um die moralische Anstalt bemüht und Positionen verdeutlicht. Die Bürgerbühne ist der institutionalisierte Selbstverständigungversuch. Verhindert hat man das Vordringen der Melange von Ressentiments und Ängsten in der Bevölkerung damit nicht. Die Mannschaft von Intendant Wilfried Schulz könnte auch in ihrer letzten Spielzeit oft an diesen Dresdnern verzweifeln.

Aber auch künstlerisch ist solches Empörungstheater zu rechtfertigen. Allein der Transport der Straße an diesen Ort schafft einen Überhöhungseffekt. Wenn gegen Ende der Kommissar mit Sigmar-Gabriel-Bauch und der Innenminister im violetten Tantenkostüm der Kanzlerin auftreten, ist das mehr als Kabarett. "Ihr gehört nicht zu uns!", rufen sie, aber in welch selbstgefälliger Weise sie sich teils schon im Führerduktus vom "Pack" distanzieren, schürt wiederum eher Empörung gegen "die da oben".

Nach langer Pause hat der Bürgerchor mit teils noch vertrauten Gesichtern einen leidenschaftlichen, aber in der bewährten Einstudierung von Bernd Freytag auch sprechtechnisch sehr geschlossenen und synchronen Auftritt. Ein großer Abend für Ben Daniel Jöhnk als Staatsanwalt, der zunehmend diabolische Züge annimmt. So dominant, aber auch so erschreckend hat man ihn lange nicht gesehen. An seiner Seite als Gräfin, Köhlertochter Hilde oder Kokotte Coco Lea Ruckpaul in ausgespielter Weiblichkeit. Einzig die von Thomas Braungardt zu sehr in Richtung Schwejk gezogene Mörderfigur hinterließ ein Fragezeichen. Cary Gayler hat mit wenigen Bühnenelementen Szenenbilder skizziert. Ein bühnenhoher schmaler Aktenschrank, ein rauchender Meiler oder einige Kronleuchter genügen.

Sechs Minuten stehende Ovationen nach dem Vorhang. Wenige blieben betroffen sitzen, noch weniger verließen schnell den Saal. Die Premiere war ein Heimspiel, bei den Repertoirevorstellungen könnte das Echo geteilter ausfallen. Was immer noch für diese fulminante Aufführung spräche, denn sie gestattet kein bequemes Zurücklehnen auf der "Reservebank", nicht einmal die im Erbauungstheater liebgewordene Beobachterposition. Eine "Moritat" nennt Max Frisch sein Stück. Wir sind umso mehr mittendrin in dieser Schauergeschichte, als die Truppe Lösch gar nichts löscht, sondern das Menetekel zu Ende spielt. Was ist, wenn die "Bewegung" tatsächlich zur Axt greift, der von Pegida heraufbeschworene Bürgerkrieg ganz Europa erfasst? Wer hält uns dann noch auf einer staatlich subventionierten Bühne den Spiegel vor?

von Michael Bartsch

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