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Götz Schubert verkörpert im Dresdner Schauspielhaus das „Leben und Sterben des Dr. Karl May“

Theateruraufführung Götz Schubert verkörpert im Dresdner Schauspielhaus das „Leben und Sterben des Dr. Karl May“

„Der Phantast“ folgt den Lebensspuren des Radebeuler Schriftstellers in seinen letzten Jahren, in denen er unter dem Eindruck dieser Schicksalsschläge zu der Überzeugung gelangte, sein Hauptwerk erst noch schreiben zu müssen. Für Regisseur Philipp Stölzl ist es eine erneute Beschäftigung mit dem Mythos Karl May, denn er verantwortet auch die Neuverfilmung der Winnetou-Trilogie. Eine Uraufführung des Dresdner Staatsschauspiels.

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Götz Schubert (Dr. Karl May) und Ahmad Mesgarha (Winnetou)

Quelle: Krafft Angerer

Dresden. Karl May lebt … in seinen Büchern, jedenfalls so lange sie gelesen werden. Will heißen, May existiert heute wohl vor allem als Mythos, in Legenden, Halbwahrheiten, Klischees, zu denen er selbst beigetragen und damit offenbar bis heute zahlreiche Epigonen ermuntert hat. Binsenweisheiten, ein weites Feld, das aber nach wie vor ganz ordentliche Erträge abzuwerfen verspricht. Ohne äußeren Anlass, wie aus reiner Liebhaberei hat sich nun auch Regisseur-Tausendsassa Philipp Stölzl darauf getummelt, trotz oder wegen seiner erklärten Ansicht, dass die Jugend von heute mit den Büchern des Phantasten aus Hohenstein-Ernstthal bzw. Radebeul nichts mehr anzufangen wisse. Kurz nach der mit einigem Erfolg im Privatfernsehen gelaufenen Winnetou-Trilogie folgte die Uraufführung einer szenischen Auseinandersetzung mit dem geistigen Schöpfer des berühmtesten aller deutschen Indianer. Unter dem Titel „Der Phantast. Leben und Sterben des Dr. Karl May“ bot sich im Dresdner Schauspielhaus – im Unterschied zu den Radebeuler Landesbühnen bislang eher Karl-May-freie Zone – ein für die meisten Zuschauer immerhin unterhaltsamer Versuch einer Auseinandersetzung.

Bevor das ominöse „ICH“ sinnierend deklamierend im liebevoll ironisch zeitgerecht ausgestatteten Guckkasten-Arbeitszimmer der Villa Shatterhand an seinen Phantasien spinnt, tritt es in arabischer Verkleidung auf, hoch auf hölzernem Ross: Kara Ben Nemsi in einem der ewigen Bekehrungsgespräche, die er mit seinem Freund und Diener Hadschi Halef zu führen pflegt, bis ihn eine Spur im Wüstensand geradewegs ins tückische Salz des Schott el Dscherid führt.

Eine einigermaßen texttreu inszenierte Episode, leicht ironisch gebrochen auch von der typischen, das eigene Ich nicht unbedingt aussparenden mayschen Diktion, steht am Anfang von etwas, das sich freilich nicht als originäres Stück oder gar Drama erweist, sondern als mehr oder weniger stimmige szenische Collage nach der Idee des Regisseurs, der auch (gemeinsam mit Heike Vollmer) für die Bühne verantwortlich zeichnet. Insofern ist es auch stimmig, das, ganz entgegen der Gepflogenheit des Hauses, im Programmheft über den Autor Jan Dvorak rein gar nichts zu erfahren ist.

Über Karl May schon einiges, was zur Ergänzung der Szenen dienen kann, denn da liefern eigentlich nur die in bester, will hier heißen unaufdringlich sächsischer Mundart vorgebrachten Kommentare von Emma May, geb. Pollmer eine Orientierung. Aber so einfühlsam und verständnisvoll Nele Rosetz auch die Zustände ihres zunächst noch Gatten und ihr merkwürdiges Zusammenleben beschreibt, in sein Inneres schauen kann sie nicht. Auch Götz Schubert letztlich nicht, denn es fehlt ihm an den geeigneten Worten, im „Leben und Sterben des Dr. Karl May“ mehr als nur oberflächlich auch sein Denken und Streben, sein Leiden und Kämpfen zu zeigen. Ebensowenig ist es ihm gegeben, das Verhältnis zu seinen beiden Frauen, die er zeitweise „als Harem“ hielt, zu reflektieren. Trotzdem macht der Schauspieler innere Widersprüche und Zerrissenheit greifbar in einer wie neu erfundenen Figur, von der phasenweise eine starke Faszination und Energie ausgeht, bevor sie in nur zu nahe liegender Verzweiflung zu versinken droht.

Das ist kein Abziehbild, sondern ein Mensch von Fleisch und Blut, einer mit hoch fliegenden Ideen, unglaublichem Fleiß, mit einzigartigen Eingebungen und mal tragischen, mal eher peinlichen Verirrungen. Hier allerdings „überwindet“ er sie auch und gerade durch zunehmende Entfernung vom Original. Ist May bei der Pose für einen so berühmten wie ehrfürchtigen Fotografen (Simon Käser) noch kaum in der Lage, den Bärentöter im Anschlag zu halten, zeigt ihn Schubert, wenn alsbald wieder die Kunst vor das Leben tritt, geradezu im dichterischen alter ego mit der berühmten Schmetterhand, die über jeden Feind zu triumphiert. Dabei handelt es sich hier allerdings nicht um hinterhältige Beduinen oder Indianer, sondern um sächsische Polizisten bzw. übelwollende Kritiker – eine Art Donquichotterie, die der These folgt, May habe auch in seinen frei erfundenen Reiseberichten seine Probleme in der sächsischen Provinz verhandelt.

Zum Hauptmotiv wird letztlich die sentimentale, in religiösem Kitsch ertrinkende Sterbeszene Winnetous. Dieser bzw. Ahmad Mesgarha erscheint allerdings zunächst am Radebeuler Stammtisch, in Gehrock und Zylinder, aus dem er zur Freude der Fans sein falsches langes Haar fallen lässt, und fordert seinen Freund Charlie auf zur ersten wirklichen Reise nach Ägypten. (Deren Ertrag reduziert sich allerdings scheinbar auf Beziehungskrisen und Übelkeit, auch die durchweg recht konservative Maskerade (Kostüme Kathi Maurer) lenkt den Blick bestimmt nicht auf Mays seinerzeit revolutionäre Vorstellungen von der islamischen Welt.)

Die eigentliche „Idee“ an dieser surrealen Begegnung ist, dass Winnetou bereits hier Bekanntschaft mit dem Männergesangsverein und dem Ave Maria macht, die dereinst sein letztes Stündlein begleiten sollen. Was er hier noch angemessen trocken kommentiert, zelebriert er am Ende selber, indem er May geradewegs von seinem berühmten letzten großen Vortrag in Wien abruft, um dann die Szene nochmals, nun mit vertauschten Rollen und gewissermaßen als indianisches Sterberitual für den inzwischen gerichtsnotorischen Dichter zu zelebrieren.

Es hat wohl wenig Sinn, über die tiefere Bedeutung all dessen nachzudenken. Am meisten mit May zu tun hat wahrscheinlich, dass die Inszenierung bei entsprechender Disposition bzw. Bereitschaft wirkt wie eine Droge, die das kritische Urteil weitgehend ausschaltet zugunsten wachsender Begeisterung auch für die unwahrscheinlichsten Wendungen und hier auch eigentlich makaber-ironischen Brechungen. Zum Teil vergleichbar mit früheren Werken von Karl May, die ja durchaus auch einiges an Bildung vermitteln und die Phantasie beflügeln können. Das wage ich zu sagen als jemand, der in seinem zweiten Lebensjahrzehnt weit mehr Zeit in diesen Landschaften als etwa im Theater verbracht hat und auch im reiferen Alter noch die eine oder andere Prise besagter Droge nimmt. Über das „Eigentliche“, das May tatsächlich mit seinem Spätwerk niedergelegt hat, wird nur in Allgemeinplätzen referiert, als sei es beim Vorsatz geblieben. So spart man sich eine Denkarbeit, eine Auseinandersetzung, die freilich mit knapp zwei Stunden Eventtheater auch nicht zu leisten wäre.

Das Premierenpublikum war im Durchschnitt hoch zufrieden, honorierte wohl in erster Linie die Leistung und das sprühende Engagement von Götz Schubert. Das übrige Ensemble, zu dem noch Laina Schwarz als Mays zweite Ehefrau sowie Sebastian Pass und Alexander Angeletta in jeweils verschiedenen Rollen zählen, machte noch das Beste aus den mehr oder weniger attraktiven Chancen, sich vorteilhaft in Szene zu setzen.

Aufführungen: 16., 22., 24. und 31.1.; 2., 9. und 18.2., Schauspielhaus

Von Tomas Petzold

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