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Gescheitere Wagner-Jelinek-Collage in der Frauenkirche

Musikfestspiele Dresden Gescheitere Wagner-Jelinek-Collage in der Frauenkirche

Dresdens Musikfestspiele können sich in ihrem 40. Jahr mit besten Zahlen schmücken: rund 54 000 Besucher und ein Einnahmeplus durch Ticketverkäufe von 30 Prozent. Die abschließende Kooperation mit dem Staatsschauspiel, eine Jelinek-Wagner Collage unter Leitung von Christian von Borries, ging aber daneben.

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Szene mit Alexander Angeletta.

Quelle: Matthias Horn

Dresden. „Wut – Jelinek, Wagner und ‚Jesus von Nazareth‘“ steht auf dem Programm, darunter „eine Orchesterperformance von Christian von Borries basierend auf dem Text „Wut“ von Elfriede Jelinek und „Jesus von Nazareth“ von Richard Wagner.“ Die letzte Premiere der akuten Staatsschauspielzeit ward eingebettet in die Musikfestspiele und geriet am wohl ereignisreichsten Samstag des Jahres zur Uraufführung in der Frauenkirche.

Auf dem Programmplakat findet sich eine Art Zwiegespräch zwischen Initiator und Programmierer Andreas Dzialocha, aus dem hervorgeht, dass der Rechner, 10 000-fach schneller als der gemeine Laptop, mit 800 Stunden einfach zu viel Zeit hatte, um die Musik von Wagner, Beethoven, Händel, Bach, Mendelssohn Bartholdy plus „durch künstliche Intelligenz-Algorithmen hergestellte Musik“ in taktweise Fragmente zu zerlegen, um sie nach der Logik deren eigener innerer Zusammenhänge wieder zusammenzusetzen und nun – in eine neue Orchesterpartitur gegossen – zu spielen.

Eigentlich sind die Kooperationen von Musikfestspielen und Staatsschauspiel immer ergiebig und bereichern als Höhepunkt beiderlei Programmatik. Nach dieser Uraufführung, gleichzeitig Premiere und Dernière, bleibt der Eindruck eines unausgegorenen Schnellschusses, der aufgrund der Aufreihung berühmter Autoren und Komponisten ein unbefangenes Publikum zog, welches sich vor allem auf die Künste eines Großteils des Schauspielensembles freute – 19 von 24 erleben just ihre letzte Dresdner Premiere. Diese begrüßen, gekleidet in blaue Kittelschürzen über Jeans und Turnschuhen, das Publikum schon am Einlass und man ist gespannt auf Jelineks „Wut“-Ausbruch nach den Kulturmorden bei Charlie Hebdo und im Bataclan, in der sie in ihrer Art zwischen den Seiten springt und aus dem Terror die religiösen Vorwände saugt.

Warum dies just in diesem Symbol neuer Friedensherrlichkeit mit der weiten Anmutung einer erigierten Amazonenbrust, so die Drohne dafür hoch genug schwebte, und dessen Inneres für freiberufliche Terroristen, so es sie gäbe, das perfekte Grab wäre? Die Frage bleibt unbeantwortet, denn der ranke Mann am Pult, mit Nerdbrille und bunten Knöchelturnschuhen unter der blauen Kittelschürze, die ihn optisch zum 25. Akteur erhebt – verantwortlich für Idee, Konzeption, Gesamtleitung und Ausstattung – hatte offenbar genug mit der Musik zu tun, obwohl sein meist einarmiges Dirigat ganz ohne Taktstock sehr leger wirkt.

Dass aber der Kuppelbau akustisch für chorisches Schauspiel trotz aller Tontechnik noch schwerer als die St.-Pauli-Ruine nach der Überdachung zu bespielen sein wird, dürfte bekannt sein. Dem Regisseur in ihm fällt nun nichts weiter ein, als eine Art Messe mit Choristen (alle fast immer ans Textbuch gefesselt) zu zelebrieren. Nur ganz kurz gibt es einzelne Szenen, in denen eine Art Spiellust schimmert, ansonsten ist Proklamieren angesagt: akustisch heikel, teilweise unverständlich, teilweise lächerlich. Hier sind Smartphoner klar im Vorteil: Die könnten auf Jelineks Homepage mitlesen.

Ungefähr zur Hälfte plötzlich ein Regieeinfall: Drei fernsehergroße Projektionsflächen, von hinten per portablen Beamer mit verschiedenen Filmchen („kompiliert“ vom Meister) bespielt, werden hochkant wie eine Prozession durch die Kirche getragen. Das Problem: Der Großteil des Publikums, vor allem auf den Emporen, kann es nicht erkennen – besonders angeschmiert: Rollstuhlfahrer, die nicht einfach mal so wenden können.

Auch das dauert und bringt nur kurz Erregung, man wartet vergeblich auf irgendeine Intervention, auf irgendeinen Bruch – die Verteilung von Taschentüchern oder Textzetteln bleibt das Spannendste. In den langen, schlurfenden Zwischenwegen, in dem immer mal wieder Publikum aus dem wütenden Schiff verschwindet, passiert nichts.

Das alles passt sehr gut zur Musik: „Wie eine Suppe“, vergewissert sich ein kulturbeflissenes Ehepaar hernach an der Kathedralenhaltestelle gegenseitig der Wahrnehmung über den zahmen Klangbrei, wobei den Sinfonikern (in T-Shirt zu Jeans und Turnschuhen, also ohne Kittelschürze), abgesehen von ein paar verqueren Bläsertönen, nichts vorwerfen kann. Auch diese kann man dank Methode dem Kollegen Computer zuschieben.

Doch all das wusste man vorher: „Die Musik klingt wie nichts zuvor, sie ist relativ dünn und verstörend, weil ihre inhärente Logik keiner menschlichen gehorcht“, so von Borries im besagten Gespräch. Vielleicht hätte sie ja Computern gefallen? Doch wären Algorithmen echt schlau, hätten sie die Musik wieder so zusammengesetzt, wie sie vorher war – so ist der Thor so schlau wie je zuvor: Schöpfer wie Störfaktor bleibt allein der Mensch.

Die Welt (als Zeitung) beschrieb Christian von Borries, der als Künstler keine Genregrenzen scheut, mal als „Schlingensief der Klassik“. Nach seinem Dresdenausflug ist das wohl hinfällig, denn Schlingensief, der dem deutschen Theater aufgrund von Charisma und Dynamik mehr denn je fehlt, hat selbst beim Nerven nie gelangweilt. Auch zu welchem Zwecke hier Jelineks „Wut“ mit Wagners Textfragment verschnitten wird, das einige als Vorstudie für den Parsifal sehen, aber schon musiklos in der Siegfried-Zeit entstand, erschließt sich nicht. Vielleicht, weil Wagner damals Dresdner war?

Weshalb der ob Klang, Verständnis, Visualität und Dramatik so mangelhafte Abend statt geplanter 105 plötzlich ewige 130 Minuten dauert, erschließt sich ebenso wenig wie der organisatorische Rahmen. Warum beginnt man erst zur Sandmännchenzeit mit Einlass plus Taschenkontrolle, wenn es 19 Uhr beginnen soll? Dennoch spendet das Publikum vier Minuten herzlichen Applaus, bei dem man in den hinteren Reihen erstmals den mitwirkenden Bürgerchor bemerkt.

Draußen dafür heitere, warme Abenddämmerung, die Musikfestspiele hatten zum Glück ihr erstmalig auf dem Neumarkt stattfindendes „Dresden singt“ mit dem Festspielorchester samt barocken Instrumenten auf die Zeit nach der Sonne um Neun verschoben, während die mehr oder minder unbürgerliche Jugend in Scharen und vollen Bahnen rüber zur Bunten Republik auf die gute Elbseite strömte. Dort, im Kleinen Haus, stieg auch die letzte Premierenfeier im Kleinen Haus, womit hoffentlich die Zeit endet, in der man gefaltete A3-Plakate (hier mit Schwarz-Weiß-Foto vom Altar der leeren Frauenkirche) statt informativen Programmheften geboten bekommt, was vor allem bei Uraufführungen einfach ärgerlich ist.

Da die Frauenkirche bei weitem nicht voll geriet – ein Blick in den Kalender hätte die große lokale Konkurrenz aller Orten für die rare Zielgruppe (schließlich gehen nur drei Prozent aller Deutschen jährlich ins Theater) verraten – ist die Einmaligkeit des Experimentes im Nachhinein nicht schlimm, es ist nur schade um den enormen Aufwand. So weicht schnell die Wut über verschenkte Lebenszeit der Mut machenden Erkenntnis, dass große Musik den echten Komponisten braucht – also Genius wohl unberechenbar bleibt. Bravo!

Wut-Text: www.elfriedejelinek.com

Von Andreas Herrmann

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