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Gastbeitrag: Restaurator Christoph Schölzel über die Entstehung von Raffaels "Sixtinischer Madonna"

Gastbeitrag: Restaurator Christoph Schölzel über die Entstehung von Raffaels "Sixtinischer Madonna"

Raffaels Kultbild wird 500!: Die DNN - Partner der großen Jubiläumsausstellung vom 26. Mai bis 26. August 2012 in der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister, Semperbau am Zwinger - begleiten dieses Ereignis mit einer Serie, die von der Geschichte des Bildes, seiner Präsentation, seinem Ruhm bis hin zu seiner Vermarktung erzählt.

Die Sixtinische Madonna.

Die Sixtinische Madonna - Raffaels Kultbild wird 500!: Die DNN - Partner der großen Jubiläumsausstellung vom 26. Mai bis 26. August 2012 in der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister, Semperbau am Zwinger - begleiten dieses Ereignis mit einer Serie, die von der Geschichte des Bildes, seiner Präsentation, seinem Ruhm bis hin zu seiner Vermarktung erzählt. Heute widmet sich Diplom-Restaurator Christoph Schölzel der Entstehung des Gemäldes.

Karl Friedrich von Rumohr, einer der wichtigsten Kunstgelehrten des 19. Jahrhunderts, charakterisierte mit diesen in der Überschrift zitierten Worten den Entstehungsprozess der "Sixtinischen Madonna". Er sah insbesondere das Fehlen von vorbereitenden Studien - Skizzen oder Kartons - und das Nichtvorhandensein von Korrekturen während des Malprozesses als Indizien eines besonders stringenten und wohl auch nur relativ kurze Zeit währenden Malvorgangs des Gemäldes an.

Der noch nicht dreißigjährige Raffael erhielt 1512 von Papst Julius II. den Auftrag, die "Sixtinische Madonna" als Hochaltargemälde für die Klosterkirche San Sisto in Piacenza zu malen. Raffael hatte sein Atelier in Rom, und es wird vermutet, dass er sich wegen des weiten Transportes des Gemäldes von Rom nach Piacenza dafür entschied, das Gemälde nicht wie üblich auf eine Holztafel, sondern auf eine sehr fein gewebte Leinwand zu malen. Die Feinheit dieser Leinwand, die erst aus drei Bahnen zusammengenäht das gewünschte Bildformat von 265 x 196 cm ergab, überrascht und erinnert etwas an die Leinwandstruktur der Bildträger, die beispielsweise der berühmte Hofmaler aus Mantua Andrea Mantegna für seine sogenannten Tüchleinmalereien verwendete. Die Leinwand stellte bei entsprechend guten Aufbewahrungsbedingungen für die "Sixtinische Madonna" einen hervorragenden, 500 Jahre haltbaren Bildträger dar. Im 19. Jahrhundert erhielt diese Leinwand lediglich eine Stabilisierung, indem auf die Rückseite eine zweite Leinwand geklebt - der Restaurator sagt doubliert - wurde. Damit konnte einerseits ein Riss in der Leinwand repariert werden, den eine umfallende Kopistenstaffelei um 1820 verursacht hatte. Auch die obere Bildkante mit der Vorhangstange, die im 17. Jahrhundert in Piacenza umgeklappt worden war, ließ sich im Zuge dieser Restaurierungsmaßnahme wieder zurückgewinnen.

Bevor Raffael zu malen begann, spannte er das Textil auf einen Holzrahmen und präparierte es mit einer weißen Grundierungsfarbe, die offenbar mit einem Grundiermesser oder einer Spachtel aufgetragen wurde. Diese Grundierungsschicht, die hauptsächlich das brillante Bleiweiß-Pigment enthält, glättete zusätzlich noch die Struktur der Leinwand. Jetzt konnte der Maler die Komposition seines Gemäldes in zeichnerischer Form entwickeln. Mit den modernen Methoden der Infrarotreflektografie ist es möglich, diese Unterzeichnungslinien, die unter den Farbschichten liegen, wieder sichtbar zu machen. Dazu wird das Gemälde mit einer langwelligen infraroten Strahlung belichtet. Eine spezielle Infrarotkamera vermag nun den von den Farbschichten und von der Grundierung reflektierten Strahlungsanteil aufzunehmen und in ein sichtbares Bild umzuwandeln. Das Untersuchungsverfahren, dessen Ergebnis von einer Reihe von Faktoren abhängt, erwies sich besonders im Bereich des Oberkörpers der Madonna und des Christuskindes als sehr erfolgreich. Hier treten souverän mit dem Pinsel gezogene Umrisslinien hervor. Die Haare, Augen und Brauen des Kindes sind mit kurzen, schwungvollen Strichen angelegt, und selbst auf die zeichnerische Angabe der Hautfalten an Brust, Bauch und Armen verzichtete der Künstler nicht. Marias Oberkörper legte Raffael zunächst unbekleidet an und versicherte sich somit der weiblichen Anatomie, bevor er das Gewand darüber malte.

Die eingangs zitierte Beobachtung Rumohrs bezog sich besonders auf den Malprozess. Selbst mikroskopische Untersuchungen und winzige punktuelle Proben, die aus der Malschicht des Gemäldes 1983 entnommen worden sind und in ihrem Schichtenaufbau und ihrer chemischen Zusammensetzung im Labor der Hochschule für Bildende Künste Dresden von Professor Dr. Hans-Peter Schramm untersucht wurden, bestätigen den zügigen Entstehungsprozess des Gemäldes. In vielen Bildbereichen genügten dem Künstler ein oder zwei Schichten der in Öl gebundenen Farbe, um die beabsichtigte malerische Illusion zu erzielen. Beispielsweise entstanden der grüne Vorhang und der Himmelshintergrund mit den 40 Engelsköpfen in weitgehend einschichtigem Farbauftrag. Bei den Köpfchen vergewisserte sich Raffael an der rechten Seite der Größe und Position dreier Köpfe, indem er sie mit dünnem Pinselstrich ganz zart skizzierte und dann mit breitem Pinsel malte. Diese Vorarbeit unterließ er bei den anderen Engeln und malte die Gesichter offenbar frei "in unmittelbarem Wurf".

Im Unterschied zu diesen weniger bildwichtigen Bereichen erfolgte die Ausarbeitung der Gesichter und Hände der Hauptfiguren in fein differenzierten Farbtönen, in deren Mischungen immer wieder Bleiweiß zur Anwendung kam. In der bereits 1983 angefertigten Röntgenaufnahme des Gemäldes treten diese dichten Modellierungen deutlich in Erscheinung, so beispielsweise in den Stirnpartien der Madonna und des Kindes. Für die feinen Farbübergänge und Nuancen im Gesicht der Madonna setzte Raffael die Farbe in Braun- und Rottönen stupfend über hellere untere Malschichten, um schließlich den Mundstrich mit mehreren hellen und dunklen Rottönen aufzumalen. Die subtil abgestuften Hauttöne des Gesichtes sind weich ineinander gemalt, und selbst Akzente wie Augen, Nase und Mund wurden in diese Formbildungen mit einbezogen. Schon Rumohr war 1832 aufgefallen, dass das linke Auge der Madonna leicht verschoben ist, und er meinte, der Maler habe bei der Arbeit nach einem lebenden Modell für diese Figur einen "Naturfehler" übernommen. Bereits in der Röntgenaufnahme und noch deutlicher mit Hilfe der Infrarotreflektografie kann diese leichte Verschiebung beider Augenachsen gut erkannt werden. Sie stellt eine Korrektur - ein sogenanntes Pentimento - innerhalb des Malprozesses dar. Indem Raffael die Augen etwas nach oben verschob, verlieh er dem Gesicht der Madonna einen etwas ernsteren, weniger kindlichen Ausdruck.

Die berühmten beiden Engel, die sich auf die Brüstung an der Bildunterkante aufstützen, entstanden in einem verhältnismäßig späten Stadium des Malens an dem Bild. Dies gab wiederholt Anlass zu der Vermutung, sie seien nicht von Raffael, sondern von einem Nachfolger hinzufügt worden. Die genauen mikroskopischen Untersuchungen des Gemäldes können jedoch zeigen, dass sie zwar auf den bereits angelegten Wolkengrund gemalt worden sind, allerdings erkennt man am Oberarm des linken Engels, wie die weiße Wolkenfarbe präzise an den bereits fertiggestellten Engelskörper herangezogen ist und die Umrisslinie festlegt.

Auch die differenzierte, mit fein abgemischten Farben ausgeführte Malerei der beiden Engelsköpfe entspricht genau der Behandlung in den anderen Figuren des Bildes. Die Augen der Engel mit ihrer bildwichtigen Funktion erfuhren eine besondere Akzentuierung, indem Raffael beispielsweise beim rechten Auge des linken Engels mit hellgrauer Farbe die Iris anlegte und darauf schwarzgrau stupfend die Pupille ausführte. Mit einem dicken pastosen Glanzlicht auf der Iris und einem zweiten, abgeschwächten weißlichen Licht auf der Pupille erzielte er den unvergesslichen, lebendigen Ausdruck dieses Kindergesichtes.

Für die offiziell Eröffnung der Ausstellung "Die Sixtinische Madonna - Raffaels Kultbild wird 500" am 25. Mai ab 19 Uhr im Lichthof des Albertinums verlosen die DNN exklusiv drei mal zwei Freikarten. Interessenten können am Montag zwischen 13 und 13.10 Uhr unter Tel. 01805 21 81 00 (0,14 Euro/Minute aus dem Festnetz, Mobilfunk max. 0,42 Euro/Minute) ihr Glück versuchen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.05.2012

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