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Five-String-Banjos beim Bluegrass Jamboree-Festivals

Five-String-Banjos beim Bluegrass Jamboree-Festivals

Möge die Macht mit uns sein, denn wohin man auch schaut: Überall existiert das Böse. In der Fußball-Fanszene gilt es als ausgemacht, dass es zur Zeit in Leipzig sitzt, getarnt als RB.

Dresden. Dass aus Hollywood nur Kommerz-Schund kommt, gilt wiederum in der Independent-Filmszene Amerikas und Autorenfilmgemeinde Europas als ausgemacht. Und unter manchen Hardcore-Country-Fans ist Nashville in Tennessee ungefähr das, was Mordor, das "schwarze Land" Saurons, ist: Sitz des Bösen. East-Nashville allerdings, das geht. Das regiert noch nicht der Kommerz, und genau aus dieser Schmuddelecke des Country-Mekka kommen Howlin' Brothers her, drei Musiker, die einen rauen rhythmusstarken Stil pflegen, in dem sie ihr Publikum mit der Besetzung Banjo-Bass-Fiddle aufs Heftigste mit allem rocken, was der Süden der USA an Rootsmusic zu bieten hat.

Zu erleben waren die Howlin' Brothers im Rahmen des Bluegrass Jamboree-Festivals, das derzeit durch die Republik tourt und jetzt die in der Dreikönigskirche versammelte Bluegrass-Gemeinde Dresdens entzückte. Für alle, die in Dresden und Umgebung dem Bluegrass mit dem nostalgischen Klang von Geige und Banjo, Gitarre, gezupftem Bass und mehrstimmigem Gesang verfallen sind, sind europäische Bands ja "nice to have and hear", aber letztlich halt doch nur eine Ersatzdroge für Musiker, die tatsächlich aus den südlichen Appalachen oder auch den Blue Mountains kommen, von dort, wo sich die Musik irisch-schottischer Einwanderer mit schwarzen Grooves und Blue Notes infizierte. In den Eigenkompositionen werden von den Howlin' Brothers nicht zu knapp persönliche Erfahrungen verarbeitet, das "Tennessee-Blues"-Stück hat der Sänger in einer "sehr traurigen, sehr einsamen Nacht" geschrieben.

Eröffnet wurde der Abend, der sehr banjo-lastig war, was aber definitiv keinen störte, von Richie Stearns, der in bester Clawhammer-Technik sein Banjo von 1880 bearbeitete und von der deutlich jüngeren Geigerin und Sängerin Rosie Newton begleitet wurde. Für mich die Entdeckung des Abends. Was für ein mitreißendes Spiel, was für ein in den Bann ziehender Gesang, ob es nun um alte Traditionals oder Eigenkompositionen geht. Ein Gedicht auch die Adaption und sehr melancholisch ausfallende Interpretation von Townes van Zandts "If I Needed You". Gelegentlich blitzt auf, weshalb Banjo-Legende Stearns bei den Alternativ-Folk-Rockern von Horse Flies unverzichtbar ist, für seine Verhältnisse war Stearns aber ziemlich traditionsbewusst, was dem Einfluss von Newton geschuldet sein könnte.

Nach der Pause heizte die fünfköpfige, aus drei Frauen und (lediglich) zwei Männern bestehende Formation der Railspitters ein. Rocky Mountain Blues nennt sich das Gebräu, das die Band aus Boulder in den Rockies kredenzt. Die Besetzung um die kleine, aber mit einer großen Stimme gesegneten Frontlady Lauren Stovall ist weitgehend klassisch, also Fiddle, Five-String-Banjo Mandoline, Gitarre und Kontrabass, aber man ist so frei - man kommt ja aus dem vergleichsweise liberalen Colorado und nicht aus dem konservativen Süden - stilistisch irgendwo zwischen Newgrass, Roots-Americana und Country zu pendeln.

So ist mittlerweile: Heutige Bluegrass-Musiker mögen zwar mit dem "Hillbilly"-Etikett kokettieren, de facto sind sie aber offen für vieles. Man ist ja kein Hinterwäldler, der eine oder andere allenfalls so aussehend. Auch das ist das Schöne an dem alljährlich wiederkehrenden Bluegrass Jamboree: Gängige Ansichten, was vermeintlich typischer Bluegrass ist, werden aufs Angenehmste widerlegt, frei nach dem Motto "Gib Vorurteilen keine Chance"! An diesem Abend lernte man unter anderem: Banjos, deren Image mieser kaum sein könnte, können verdammt cool sein.

von Christian Ruf

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