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Fingerflug eines Freibeuters: John Medeski im Dresdner Jazzclub Tonne

Fingerflug eines Freibeuters: John Medeski im Dresdner Jazzclub Tonne

Was für ein Ganove: Gut zweihundert Anschläge gehen auf sein Konto! Er brüstet sich nicht damit, bekennt sich aber dazu. In aller Öffentlichkeit! Und sitzt trotzdem nicht hinter Gittern.

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Er muss am Piano keinem mehr etwas beweisen, tut's aber aus lauter Freude trotzdem immer wieder: John Medeski in der Tonne.

Quelle: Matthias Creutziger

In Dresden wurde er vorsorglich in den Keller gesteckt. Da gehört er auch hin. Wenn nicht gar auf die Bühne der Semperoper. Mit seinen Raubzügen würde er hier wie da überzeugen, denn John Medeski, der am Sonntag im Jazzclub Tonne solistisch am Piano debütierte, der stiehlt und kopiert, verfremdet und fälscht, ist mit seinen Aneignungen ein Hehler und schart jede Menge Mitwisser um sich. Ein Freibeuter des Jazz, der plündernd über die Themen herzieht. Durch und durch Spieler.

Man kennt dieses Tastengenie von seinem Mitwirken an den Keyboards bei Martin & Wood sowie von legendären Platten etwa mit John Scofield und John Zorn. Dass der 1965 geborene US-Amerikaner jetzt auf Solotour unterwegs ist, hat selbst einige seiner eingeschworenen Fans überrascht. Nach drei Konzerten in Österreich und einem bei den Nachbarn in Tschechien folgte sein einziger Deutschland-Auftritt im Tonnekeller. Wer mit dabeigewesen ist, durfte sich und die Veranstalter beglückwünschen. Dieses Konzert war ein Ereignis! Denn die zweihundert Anschläge, die absolviert John Medeski pro Minute. Sein knallharter Fingerschlag ist treffsicher und steckt trotzdem voller Libido. Sein orgiastisches Spiel klingt sowas von lustvoll, ja triebhaft - ein Vergewaltiger aller biederen Hörgewohnheiten. Wo "Schlands" Bundespräsidentenpfarrer herdenselig von Freiheiten faselt, formuliert Medeski am Klavier wortlos die absolute Libertinität. Hier ist vollbracht, wovon sonst nur gescheinheiligt wird.

Die Voraussetzung dafür ist natürlich ein technisch perfektes Vokabular. Das hat sich Medeski über die Jahre hinweg im Ensemblespiel aneignen und exzellent ausfeilen können. Nun tastet er es solistisch aus und zeigt, dass er sie drauf hat, die ekstatischen Handgriffe, ganz tief in die Tasten hinein. Ein Abtauchen, das auch mal hingebungsvoll fingernd weit auf die offenen Saiten hinausgeht, die einerseits bezupft werden, längsgestrichen ganz anders schwingen, darüber hinaus sogar mit Pedal und Melodika in Einklang gebracht werden können - und andererseits federnde Basslast ertragen, als wären sie feste Matratzen. Was sie nicht sind.

Wie auf linnenen Laken wälzt der Freibeuter mit fliegenden Fingern seine Geliebte, die Musik. Bringt sie mit fester Hand in Form, lässt knappen Raum wie zum Entfliehen, packt sie wieder, legt sie hin, hechelnd, nimmt sie aus, bis er ganz eins mit ihr ist. Bei aller Härte, die nur ein einziges Ziel kennt, hat Medeski aber auch die langsamen Tempi drauf, in die er Poesie steckt, Fantasie und Inbrunst; da wie dort ganz tiefe Ernsthaftigkeit. Teilweise geht er atemlos attacca durch die Stücke, mal gibt's den Blues danach, der ein klein wenig spinnert klingt und schon wieder An-Macher ist, Auf-Stachler für die nächste Nummer. Der Mann spielt wie im richtigen Beben - ein Auf und Ab mit waghalsigen Rhythmuswechseln, mal fordernd, mal gebend, und auch nach zwei Stunden scheint sein Klangspektrum nicht ausgereizt. Die Experimente beim Flügeln kennen keine Grenzen und gehen über alles Gewohnte weit hinaus. Jugendfrei ist das nicht, was er tut, aber fruchtbar ohne Ende!

CD-Tipp: John Medeski, A Different Time, OKeh Records (Sony)

www.jazzclubtonne.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.10.2013

Aldo Lindhorst

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