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"Fidelio" von 1989 wieder im Spielplan der Semperoper

"Fidelio" von 1989 wieder im Spielplan der Semperoper

Die Freiheitsoper war beliebt in der DDR. Natürlich galt der Ruf nach Freiheit nicht den eigenen Machtverhältnissen, sondern sollte mächtig hinaus schallen, über die Grenzen des kleinen Landes, und jene ermuntern, die unter kapitalistischen Diktatoren gefesselt in Kerkern schmachteten.

Progammatische Deutungen solcherart nahm man gerne in Kauf, wenn z.B. wie in Harry Kupfers Weimarer Inszenierung, die später im Dresdner Großen Haus zu erleben war, die Beziehungen der Menschen subtil herausgearbeitet waren und in entsprechender Weise ihren musikalischen Ausdruck fanden.

Als die wesentlich plakativere Deutung von Christine Mielitz in der Ausstattung von Peter Heilein am 7. Oktober 1989 erstmals in der Semperoper über die Bühne ging, erschallten die "Freiheitschöre" schon lautstark außerhalb der Theater, und es blieb keine andere Wahl, als den Inhalt der Oper auf die aktuellen Verhältnisse zu beziehen.

Inzwischen sind 23 Jahre vergangen, das Stück wurde in immer neuen Besetzungen 115 Mal gespielt und nun - wie beziehungsreich - am 17. Juni wieder ins Repertoire genommen.

Nach längerer Zeit steht John Fiore am Pult der Sächsischen Staatskapelle. Er liebt es forsch und zügig, das bekommt dem Stück gut, so sind auch die läppischen Dialogtexte rasch vergessen, drängt doch die Musik voran, zum hymnischen Chorfinale, mit dem in kühner Vorwegnahme die DDR schon am 7. Oktober 1989 lautstark auf der Opernbühne unterging. Heute gehen die Stimmen der Sänger manchmal unter, es sei denn, sie verfügen über Kraft und Lautstärke wie Evelyn Herlitzius in der Titelpartie. An beidem gebricht es ihrem gefangenen Gatten. Dem Tenor Jürgen Müller mag in einer Fiebervision im Kerker seine Gattin als Freiheitsengel erscheinen, die Beethovenschen Höhen der Freiheit im himmlischen Reich erreicht er nicht.

Den Schurken Don Pizarro singt Matthias Henneberg, ein Kleinbürger mit zu hohem Maß an Selbstüberschätzung. Sonderbar indifferent bleibt Christoph Pohl als rettender Minister, der seinem Aktenkoffer nach der selben politischen Klasse angehört wie Florestan und Pizarro, nur hat er offensichtlich rascher begriffen, dass sich der Wind gedreht hat.

Bevor Beethoven hochdramatische Geschütze auffährt, gilt seine Aufmerksamkeit der Welt des "kleinen Mannes", jenen Menschen, die sich eingerichtet haben, hinter Beton und Stacheldraht ihrer Arbeit nachgehen, wenn es sein muss im Gefängnis. Charakterisiert wird diese kleine Welt durch die Mittel des Singspiels. Carolina Ulrich als Marzelline und Timothy Oliver als Jaquino lassen aufhorchen ob der Frische ihres jugendlichen Gesanges, darstellerisch überzeugen sie ebenfalls.

Das solistische Ereignis des Abends ist Georg Zeppenfeld als Rocco, ein guter Rechner, ein geschickter Mitmacher, ein kleiner Gewinner, der jeweils das Lied derer zu singen weiß, die den Ton angeben. Zeppenfeld spielt das gänzlich unaufdringlich, daher so glaubwürdig, er singt seinen Part dazu mit edlem Klang, keine Attitüde eines Spielbasses, so ergeben sich etliche Möglichkeiten der Assoziation über den inneren Zwiespalt dieses klugen und doch so angepassten Menschen.

"Fidelio", der Chor der Gefangenen, das erste Finale, wenn der Ausgang noch ungewiss ist, der hymnische Schluss, wenn die Frauenstimmen dazu kommen, wenn ein ganzes System zerbricht an dem, was sich offensichtlich jeder politischen Willkür entzieht, nämlich der unerschütterlichen Gattenliebe, ist eine der Opern für den Chor der Sächsischen Staatsoper, verstärkt durch den Dresdner Sinfoniechor. In der Einstudierung von Pablo Assante und Christof Bauer ist das ein außerordentliches Erlebnis.

Weitere Aufführungen: 21., 24. und 29.6.; 5.7. in der Semperoper

www.semperoper.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.06.2012

Boris Michael Gruhl

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