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Festspielhaus Hellerau will erfreulichen Trend fortsetzen

Bilanz Festspielhaus Hellerau will erfreulichen Trend fortsetzen

Das sonnige Wetter in Hellerau korrespondierte zur Jahrespressekonferenz mit der Stimmung im Festspielhaus. Sowohl der künstlerische Leiter Dieter Jaenicke als auch die kaufmännische Direktorin Sabine Stenzel präsentierten sich in aufgeräumter Stimmung. Die wird gerechtfertigt durch ein in jeder Hinsicht erfolgreiches Jahr 2016.

Das vielfach ausgezeichnete Stück „Babel (words)“ des flämisch-marrokanischen Choreografen Sidi Larbi Cherkaoui.

Quelle: Koen Broos

Dresden. Erstmals schaut das Europäische Zentrum der Künste auf das abgelaufene Jahr mit einer 42-seitigen Broschüre zurück, deren Layout und Gestaltung selber einem kleinen Kunstwerk gleichkommt. Sie widmet sich in erster Linie den Kontinua am Haus, also der Künstler- und Jugendarbeit, den Ausstellungen und Diskursen, den Kooperationen und der Flüchtlingsarbeit. Feste Partner wie Derevo und die Dresden Frankfurt Dance Company sind vertreten, aber auch die speziellen Festivals des Vorjahres wie Projeto Brasil, RomAmoR oder die „Tonlagen“ werden gewürdigt.

Vor allem aber lassen nüchterne Zahlen die Kritiker leiser werden, die in Hellerau nur einen unvertretbar hoch subventionierten elitären Nischenbetrieb sehen. Verglichen mit großen Theatern wie etwa dem Staatsschauspiel erreicht Hellerau zwar nur etwa ein Viertel der Besucherzahlen. Die aber sind im Vorjahr gegenüber 2015 um etwa 9000 auf insgesamt 45 000 deutlich gestiegen. Diese Steigerung geht wiederum überwiegen auf Veranstaltungen zurück, für die man auch zahlen muss, und lässt die Ticketeinnahmen um ein Fünftel anwachsen. Daneben erreichte man mit kostenfreier Jugend- und Flüchtlingsarbeit auch 4000 Personen mehr. Die bessere Auslastung des Festspielhauses zog einen leichten Rückgang bei Vermietungen und Fremdveranstaltungen nach sich. Dieter Jaenicke führt die verbesserte Resonanz auf die deutlich gestiegene Akquise von Dritt- und Fördermitteln, insbesondere auf die halbe Million Euro aus einem Sonderprogramm des Bundes zurück, die sich im Vorjahr etwa zur Hälfte bemerkbar machte. Bei einem Gesamtetat von 4 Millionen Euro erwirtschaftet das Festspielhaus mit 1,33 Millionen ziemlich genau ein Drittel selbst. Wenn man also mehr hineinsteckt, kommt auch mehr heraus, meinte sinngemäß der Chef in Hellerau.

Im vorletzten Jaenicke-Jahr vor dem Amtsantritt der neuen Intendantin Carena Schlewitt hofft das Team auf eine Fortsetzung des Trends. Das Jahresprogramm 2017 setzt wie immer auf den Schwerpunkt Tanz. Er beginnt schon heute mit einem wahrhaft interkulturellen Gastspiel. Tänzer und Musiker aus 13 Ländern, vom flämisch-marokkanischen Choreografen Sidi Larbi Cherkaout geführt, rechtfertigen den Titel „Babel“ auf positive Weise. Am letzten Januarwochenende verfolgt die deutsche Erstaufführung „Ordinary People“ die Lebensgeschichten von tschechischen und chinesischen Künstlern. Jahrelanger Kooperation mit dem Tanzhaus Düsseldorf entspringt das erste Festival des Jahres Anfang Februar. „Shifting Realities“ ist untertitelt als tänzerischer Dialog zwischen Europa und Afrika.

Nur zwei Wochen später folgt erneut ein Festival mit libanesischen Partnern, das neben dem Tanz auch Musik und Kunst aus der arabischen Welt einbezieht. „Mashreq to Maghreb“ meint den Bogen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, der am Schlusstag 25. Februar umgekehrt bei einer langen Nacht bis zum Sonntagsfrühstück im Festspielhaus geschlagen wird. Das nächste einwöchige Tanzfestival vereint unter dem Titel „Dance Transit“ ab 21. April die Städte Prag, Leipzig und Dresden. Stammgäste sind außerdem Constanza Macras, das Cloud Gate Dance Theatre of Taiwan und die israelische Batsheva Dance Company.

Auch für die Dresdner Sinfoniker ist Hellerau so etwas wie ein Stammhaus. Sie haben sich auf die Spuren frühester Roma-Musik in Dörfern des indischen Rajasthan begeben, zu hören am 31.März. Im Mai wird das ensemble courage sein 20-jähriges Bestehen mit einer Stummfilmvertonung von Helmut Oehring im Festspielhaus feiern. Der Tribut an das Reformationsjubiläum verspricht mit Musiktheater von Karsten Gundermann am 13. Oktober Spannung, wenn die Kontrahenten Martin Luther und Erasmus von Rotterdam aufeinandertreffen. Das ganze Jahr wird auf einen gleich darauf folgenden Höhepunkt hingearbeitet. Das Festspielhaus betreibt so etwas wie eine Beschwörung der guten Geister seiner Gründerzeit und will die flexible und offene Bühne von Adolphe Appia rekonstruieren. Die damalige Abkehr vom traditionellen Guckkasten sollen Künstler heute auf ihre Weise interpretieren und wiederum dekonstruieren.

Fast müßig zu erwähnen, dass das Kunstzentrum seinen neuen Traditionen in Form diverser Reihen treu bleibt. Sie heißen Komponisten zum Frühstück, Dienstagssalon oder Feature Ring, und Dresdner Bands stellen sich im November beim „Bandstand“ wieder einer Art Challenge. Sehr dankbar registriert die Hellerauer Mannschaft, die ja deutlich überwiegend eine „Frauschaft“ ist, dass die Stadt mit den Haushaltbeschlüssen 2017/18 den entscheidenden Schritt für einen Baubeginn am Ostflügel gegangen ist. Mehr als dreieinhalb Millionen Euro stehen zunächst bereit, um Unterkünfte und einen über zwei Etagen reichenden Probensaal in der ruinösen ehemaligen Kaserne einzurichten. Ab 2021 könnte sich damit Hellerau als Künstlerresidenz einen einmaligen Status in Europa erwerben, meint Dieter Jaenicke.

www.hellerau.org

Von Michael Bartsch

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