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Facettenreiches Programm unter dem Motto „Aus Liebe zur Wahrheit steht“

Heinrich Schütz Musikfest Dresden Facettenreiches Programm unter dem Motto „Aus Liebe zur Wahrheit steht“

Ob Luther die Musik von Heinrich Schütz (1585-1672) geschätzt hätte? Der Wittenberger Reformator und der Dresdner Hofkapellmeister waren nicht Zeitgenossen, aber es ist eine Luther-Sentenz, nämlich „Aus Liebe zur Wahrheit“, die das Motto für das diesjährige Heinrich Schütz Musikfest hergibt.

Heinrich Schütz Musikfest 2017

Quelle: Archiv

Dresden. „Musik ist ein reines Geschenk und eine Gabe Gottes, sie vertreibt den Teufel, sie macht die Leute fröhlich und man vergisst über sie alle Laster“, versicherte einmal Martin Luther, dem vor 500 Jahren gelang, mithilfe eines Thesenkatalogs Menschen von einer Idee zu überzeugen.

Ob Luther die Musik von Heinrich Schütz (1585-1672) geschätzt hätte? Der Wittenberger Reformator und der Dresdner Hofkapellmeister waren nicht Zeitgenossen, aber es ist eine Luther-Sentenz, nämlich „Aus Liebe zur Wahrheit“, die das Motto für das diesjährige Heinrich Schütz Musikfest hergibt. Luther schlug anno 1517 vor, „aus Liebe zur Wahrheit und in dem Bestreben, diese zu ergründen“ über die 95 Thesen zu disputieren. „Wir bieten den Soundtrack zum Jubiläum der Reformation“, sagt Christina Siegfried, Intendantin des Schütz Musikfestes. Die Aktualität so mancher These sei ungebrochen, etwa These 92, die da lautet: „Darum weg mit allen jenen Propheten, die den Christen predigen: ,Friede, Friede’ und ist doch kein Friede.“

Auch Schütz, der wie kaum ein Zweiter seine Zeit und die Musikergenerationen nach ihm geprägt hat, musste sich damit auseinandersetzen, dass er nicht zu knapp in kriegerischen Zeiten lebte. Während in Deutschland der Dreißigjährige Krieg tobte, gelang es dem in Venedig ausgebildeten Schütz das Niveau deutscher Musik in bis dahin ungekannte Höhen zu heben, auch indem der Hofkapellmeister auf das Luther-Deutsch der Bibel virtuos einging. Dresden wurde damals größtenteils verschont, aber aus Schütz’ Briefen – etwa an den Kurfürsten, seinen Förderer und Geldgeber – klingt durchaus auch Verbitterung und Resignation an angesichts der miserablen Umstände, unter denen er in Kriegszeiten arbeiten musste. Wie Siegfried im umfangreichen Programmfaltblatt schreibt, musste der „leidenschaftliche Streiter für die Lebens- und Arbeitsbedingungen seiner Musiker“ die politischen Ereignisse mit Tönen ausstaffieren – und habe dies für „eindringliche Friedensbotschaften“ genutzt.

Waren es im vergangenen Jahr 32 Veranstaltungen, so sind es in diesem Jahr 37, die zwischen dem 6. und 15. Oktober in Bad Köstritz, Gera, Weißenfels, Zeitz und insbesondere auch Dresden über die Bühne gehen sollen, wobei sich die Anzahl der reinen Konzerte auf 24 beläuft. Alte Musik und historische Klangbilder treffen auf zeitgenössische Aneignungen und stilistische Grenzgänger zwischen Frühbarock, Weltmusik und Neuer Musik. Auch Werke für opulente Reformationsfeiern von 1617 kann man sich zu Gemüte führen. Mal abgesehen davon, dass sage und schreibe 540 Künstler erwartet werden, hofft man wie im Vorjahr wieder auf um die 5000 Besucher. Einer der vielen großen und kleinen Förderer des Festivals ist einmal mehr die ostdeutsche Sparkassenstiftung. Ohne Hilfe solcher Förderer wäre das Budget, das bei 210 000 Euro liegt, nicht zu stemmen. Damit nicht nur eher ältere Semester im Publikum sitzen, erhalten junge Menschen mit einem Schülerausweis für fast alle Veranstaltungen Eintrittskarten zum Taschengeldpreis in Höhe von fünf Euro.

Es gibt – ungewöhnliche und exklusive Räume, die dazu einladen, sich der Verbindung von Raum und Zeit hinzugeben, waren schon immer ein Markenzeichen des Schütz Musikfestes – drei neue Veranstaltungsorte, allesamt in Dresden: Erstens die Hochspannungshalle der TU, zweitens den Kleinen Schlosshof und drittens die Rüstkammer in der Residenz. Dafür fällt die Schlosskapelle als Spielort aus, denn dort ist gegenwärtig die Ausstellung „Alles in allem“ zu sehen, die in die Gedankenwelt des mystischen Philosophen Jacob Böhme (1575-1624) eintaucht.

„Ich bin überzeugt, wir haben in diesem Jahr ein sehr umfangreiches, kulturhistorisch interessantes wie variantenreiches Programm “, sagt die Intendantin Christina Siegfried. Dazu gehörten auch Angebote für Familien. Mit dem Programm „Die Abenteuer des Simplicissimus“, einer musikalischen Reise durch die Welt des 17. Jahrhunderts mit Mareike Greb (Tanz) und Thomas Streipert (Erzähler), will das Musikfest am 13. Oktober, 16 Uhr, im Dresdner Stadtmuseum diese Tradition fortsetzen.

Einer der Höhepunkte: Die Konzerte der Gambistin Hille Perl, die mit ihrem Instrument Musik des 17. und 18. Jahrhunderts interpretiert. Die Künstlerin ist in diesem Jahr der sogenannte artist in residence des Heinrich-Schütz-Musikfestes. Sie wird im Programmfaltblatt u.a. mit den Worten zitiert: „Wahrscheinlich müssen wir selbst die Augen und Ohren und das Gewissen des Schöpfers der Welt sein.“ Perl ist auch beim mit dem Titel „Wir glauben all an einen Gott“ bedachten Eröffnungskonzert am 6. Oktober, 20 Uhr, in der Annenkirche mit von der Partie. Zusammen mit diversen Mitstreitern, etwa Klaus Eichhorn an der Orgel, bringt die Gamben-Virtuosin Werke von Balthasar Resinarius, Johann Pachelbel, Johann Thiele und natürlich Heinrich Schütz zur Aufführung.

„Der Wahrheit auf der Spur“ ist man dann am darauffolgenden Tag, 20 Uhr im Mathematisch-Physikalischen Salon. Ilaria Fantin (Erzlaute) und Katerina Ghannudi (Barockharfe und Gesang) bringen Kompositionen von u.a. Marchetto Cara, Luigi Rossi und Claudio Monteverdi zu Gehör, Musik, die „von Zeit, Wetterzyklen und Mondphasen inspiriert“ und nah am Geist des Ortes sei. Allein in der barocken Symbolik ihrer Instrumente mit der Harfe als Sonne (dem männlichen Element) und der Laute als Mond (dem weiblichen Element) verbindet sich Vieles – bis hin zu einem tschechischen Lied über die Vergänglichkeit der Welt … Zudem ist ein Gespräch angesetzt: Peter Plaßmeyer (Direktor des Mathematisch-Physikalischen Salons) und Oliver Geisler (Dramaturg und Musikwissenschaftler) disputieren über die Zeit wie einst Luther über den rechten Glauben.

Am 8. September, 19 Uhr, wird in der Hochspannungshalle der TU Dresden unter dem Motto „ Gott ist mit der guten Sache“ der Blick auf Religion, Politik und Musik im England des 16. und 17. Jahrhunderts gerichtet. „Herausgefordert durch die Gegenwart und inspiriert von der Vergangenheit“, bezieht das gefeierte englische Gambenconsort Phantasm Stellung und reflektiert mit dem feinsinnigen Klang der Gambe „die Absurdität religiöser Sippenhaft und Politisierung von Religion“.

Am 10. Oktober, 19.30 Uhr, wird im Palais im Großen Garten ins „Fegefeuer der Eitelkeiten“ entführt, wobei neben Musik der Reformationszeit auch Texte, Puppenspiel sowie szenische Aktionen jene Welt lebendig werden lassen sollen, aus der heraus die Reformation ihren Lauf nahm. Protagonisten treten auf und ab, historische Stimmungshintergründe werden in faszinierender Weise erfahrbar. Chansons, Frottole, Motetten – Klänge, die mit Kaiser Karl V. oder Papst Leo X. verbunden sind, aber auch die beißenden Satiren eines François Rabelais finden Platz und stehen der Musik von Komponisten wie Heinrich Isaac, Josquin des Prez oder auch Antonio Scandello gegenüber.

Es geht auch sonst nicht nur akustisch zu: So soll am 11. Oktober im Weißenfelser Heinrich-Schütz-Haus ein gemeinsames Forschungsvorhaben der Gedenkstätte und Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg vorgestellt werden. Anhand von Hoftagebüchern des Kurhauses Sachsen wurde die Kultur höfischer Feste in Weißenfels, Zeitz und Merseburg unter die Lupe genommen.

Der Vorverkauf läuft über Tel. 0351/439 3939 (Konzertkasse der Kreuzkirche) oder online: www.schuetz-musikfest.de.

Von Christian Ruf

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