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"Es ist die Musik!" - Abschied von Dresdens "Blaumeise" Edith Kopatz

"Es ist die Musik!" - Abschied von Dresdens "Blaumeise" Edith Kopatz

Zarte, ja zerbrechliche Figur, aber unglaubliche Energie. Klein, aber doch nicht zu übersehen. Ein Gesicht, das sich über die Jahre nicht wirklich veränderte.

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So bleibt Edith Kopatz in Erinnerung - Video-Still aus Aufnahmen von Ernst Hirsch 2000 von einem Konzert der Philharmonie in der Dresdner Frauenkirche.

Quelle: Ernst Hirsch

Dunkle Augen, die insistieren konnten, aber manchmal auch durch einen hinweg zu schauen schienen. Rock, Strickjacke, Filzschuhe, Handtasche. Die ewig gleiche Frisur und Hände, deren Finger inneres Empfinden nach außen zu tragen schienen. Wenn die "Blaumeise" - unter diesem Namen kannten sie wohl die meisten Musiker und Konzertbesucher - Musik hörte, war sie ent-rückt. Enthoben dem, was sie im sonstigen Dasein belastete, ganz drinnen bei sich, dennoch mit kritischem Gehör, am Ende oft euphorisch. Was sich durchaus auch mal in unpassendem Jubel entäußern konnte. Kaum einer, der regelmäßig in Konzerte geht, wird ihr nicht begegnet sein. Der kleinen, eigentümlichen Frau, die immer ganz nah dran sein wollte an den Musikern, die sich gern direkt in der ersten Reihe hinterm Dirigenten - und das auch energisch gegen Widerstand - platzierte und ihren eigenen Takt angab. Mitsang. Mitdeklamierte. Ein Mensch, der Musiziertes in einer unglaublichen Intensität zu fühlen schien und dies zu zeigen sich nicht scheute. Viele haben das mit Faszination gesehen, mit Toleranz, gleichwohl auch etliche mit Verstörung, andere sogar mit Verärgerung.

Die Blaumeise, die eigentlich Edith Kopatz hieß, war ein Original. Eine, die wie die vor zwei Jahren verstorbene Helga Schmitz, die alle als "Alice" kannten, Kultur als den eigentlichen Sinn ihres Lebens fand und empfand. Ein Mensch, der in seinen (von vielen wohl auch "verschroben" genannten) Eigenarten nicht ins übliche Raster unserer Zeit passte. Dem es dennoch gelang, sich zu behaupten. Indem er, ohne Grenzen zu sehen, den Kontakt zu anderen Menschen suchte. Viele der hiesigen Musiker - aus Staatskapelle, Philharmonie, von den Landesbühnen, Studenten, Sänger, Choristen, Dirigenten, Kantoren, Blaue Einhörner, auch Orgelbauer - haben sie gekannt, ihr Konzert- und/oder Opernkarten bezahlt, mit ihr gesprochen, nach den Aufführungen gemeinsam Bier oder Wein getrunken, diskutiert, gefachsimpelt, ihr von Tourneen Karten geschrieben, sie nach Hause gefahren. Manche haben ihr über die ganzen Jahre auch in ihren persönlichen Belangen geholfen, sie nicht allein gelassen. Denn ein familiäres Umfeld hat Edith Kopatz nur unter ihren Helfern gefunden. Bis zum Schlussakkord ihres Lebens. Am 12. Januar 2012 ist sie im Pflegeheim friedlich eingeschlafen.

Wie ihre Kinder- und Jugendjahre verliefen, darüber hat sie nicht wirklich sprechen wollen. In diese Welt hinein geboren wurde sie am 11. Februar 1941, die Familie verschlug es in den Kriegwirren aus Pommern ins sächsische Coswig. Es muss eine unglückliche Kindheit gewesen sein. Aus der das Kind, das Mädchen, die junge Frau schon von Beginn an Zuflucht in der Musik suchte und fand - und im christlichen Glauben. Da die Blaumeise - so nannten sie Musiker wohl nach ihrem lange getragenen blauen Kostüm, sie selbst hat von diesem Namen erst kurz vor ihrem Tod erfahren - nur sehr sporadisch und eher ungern ihre privaten Lebensumstände preisgab, formt sich ihr Bild wie ein Puzzle aus zahllosen persönlichen, auch anekdotischen Erinnerungen.

Es war ein Leben, arm an materiellen Dingen. Aber reich an Immateriellem. Lange Zeit blieb sie in Coswig, von wo aus ihr kein Weg zu weit schien, um an Konzerten, Kirchenmusikaufführungen, Gottesdiensten, Opernaufführungen teilzuhaben. Petra Andrejewski, Oboistin an den Landesbühnen Sachsen: "Uns faszinierte ihr phänomenales Gedächtnis. Sie kannte jeden Musiker mit Namen und meist auch dessen Familienmitglieder. Gern begrüßte sie ,ihre' Musiker mit Küsschen. Über Komponisten konnte sie stundenlang erzählen. Sie hatte stets ihre eigene Meinung. Interpreten, die nur sich selbst, nicht aber die Musik in den Vordergrund stellten, mochte sie nicht. Winters wie sommers war sie immer unterwegs zu einem Konzert. Sie schien überall gleichzeitig zu sein. Die Kollegen nahmen sie oft mit zum nächsten Auftrittsort."

Die Blaumeise verfügte in all ihrer kindlichen Zartheit aber auch über eine einfordernde Kraft, der sich viele schwerlich entziehen konnten. Ihre Meinung war immer dezidiert - und von ihr auch äußerst dezidiert geäußert, verwies aber bei aller Subjektivität auf eine unglaubliche Kenntnis von Musikgeschichte, Komponisten, Werken, Interpretationen, Künstlern. Wie sie dieses Wissen erworben hat, blieb ihr Geheimnis, wie so manches andere auch.

Geheimnis indessen war nicht, wen sie besonders schätzte und wen nicht. War die Opernaufführung vorbei, stand sie oftmals mit einem Sträußchen am Bühnenausgang und wartete auf einen bestimmten Sänger. Kay Frenzel beispielsweise, Tenor an den Landesbühnen, wusste ihre Erfahrung und Meinung zu achten. Schon aus der Zeit seines Studiums an der Dresdner Musikhochschule kannte er Edith Kopatz, und es ist nicht bei einer ersten Begegnung geblieben: Der Sänger und seine Frau kümmerten sich gemeinsam mit anderen darum, dass sie schließlich aus Coswig nach Kleinzschachwitz umziehen konnte, eine Spendenaktion für ihre neue Wohnung half dabei.

Lange konnte sie diese nicht mehr genießen, einer schweren Krankheit folgte die Unterbringung im Pflegeheim. "Ich war lange in der Klinik. Die Ärzte haben gesucht, was ich habe", erzählte sie einmal Petra Andrejewski. "Aber sie finden nichts. Alles, was sie sehen, ist, dass ich längst tot sein müsste. Aber ich weiß, warum ich lebe: Es ist die Musik! Nur die hält mich am Leben. Ich brauche kein Essen und mir ist nie kalt. Ich lebe durch die Musik!"

Stephan Pätzold, auch einer von den Musikern, die sich immer wieder und kontinuierlich um Edith Kopatz kümmerten, hat nun dafür gesorgt, dass es eine würdige Trauerfeier geben wird. Der Bratscher der Sächsischen Staatskapelle wird dabei gemeinsam mit einigen Kollegen in der großen Feierhalle des Krematoriums Tolkewitz musizieren - Kompositionen von Bach und Mozart. So wie sie es sich wohl gewünscht hätte in ihrer Nähe zum Glauben und zur Musik.

Trauerfeier mit anschließender Urnenbeisetzung am Montag, 14 Uhr in der Feierhalle des Krematoriums Tolkewitz

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.02.2012

Kerstin Leiße

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