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Eröffnungsausstellung für neuen Standort am Goldenen Reiter

Galerie Gebr. Lehmann Dresden Eröffnungsausstellung für neuen Standort am Goldenen Reiter

Die Galerie Gebr. Lehmann ist an den Neustädter Markt umgezogen. Mit dem Standortwechsel sind nicht nur größere Räumlichkeiten verbunden, sondern auch frischer Wind in der Präsentation der Galerie. Zum programmatischen „Neustart“ passt die Ausstellung „Don’t Let the Boys Win“ mit textilen Skulpturen und Collagen der niederländisch-amerikanischen Künstler-Aktivistin Lara Schnitger.

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Blick in die Ausstellung mit den eigenwilligen Objekten von Lara Schnitger.

Quelle: David Pinzer

Dresden. Jedem (Neu)Anfang wohnt ein Zauber inne – und viel Arbeit. Die Galerie Gebr. Lehmann hat ihren Standort gewechselt und präsentiert sich seit September in neuen Räumlichkeiten am Neustädter Markt. Die Ausstellungsfläche ist um ein Viertel größer und vielfältiger als am alten Ort, das Hinterland für Büro- und Lagerräume hat sich deutlich vergrößert. Der Ortswechsel sei ein Neustart, befindet Frank Lehmann, der die Galerie Gebr. Lehmann zusammen mit seinem Bruder Ralf Anfang der 1990er-Jahre offiziell gründete und seither gemeinsam leitet.

Die Wurzeln der international erfolgreichen Galerie für zeitgenössische Kunst, die bis 2016 für acht Jahre zusätzlich zum Dresdner Stammhaus auch eine Dependance in Berlin unterhielt, reichen zurück in die Endzeit der DDR: In der Traditionslinie privat organisierter Ausstellungen in Dresden begannen Frank und Ralf Lehmann in den späten 1980er-Jahren in ihrer Wohnung in der Institutsgasse zeitgenössische Kunst zu zeigen, von 1988 bis 1990 unter dem Namen „Galerie Artefakt“, seit 1990 als „Galerie Gebr. Lehmann“. Im Jahr 1994 bezogen sie jene Räumlichkeiten im Hinterhaus auf der Görlitzer Straße 21, wo sie anfangs umgeben waren von Künstlerateliers und Werkstätten, aber allmählich zur Kunst-Insel zwischen Parkplätzen und dem Abenteuerspielplatz Panama wurden. So bestärkte der Aufkauf des Geländes durch einen Münchener Investor im vergangenen Jahr die Galeristen endgültig darin, in neue Gefilde aufzubrechen.

Am neuen Ort sind die Plattenbauten, die nun die Galerieräume beherbergen, zwar in die Jahre gekommen, doch sie haben es in sich. Denn hier residiert neben der Galerie Gebr. Lehmann auch die Produzentengalerie Ursula Walter, so dass nun zwei Ausstellungshäuser in direkter Nachbarschaft liegen, die qualitätvolle zeitgenössische Kunst in überzeugenden Ausstellungen präsentieren. Hinzu kommt die Nähe zum Kunsthaus, der städtischen Galerie für Gegenwartskunst, und zum „Archiv der Avantgarden“ mit der Sammlung Egidio Marzona, die im Blockhaus untergebracht werden soll, ferner die fußläufige Entfernung zu den Ausstellungsflächen der Staatlichen Kunstsammlungen jenseits der Augustusbrücke. Der Umzug stellt daher eine Öffnung in mehrerlei Hinsicht dar. Vormals White-Cube-Galerie im Hinterhaus auf halber Treppe, öffnen sich die Räumlichkeiten der Galerie Gebr. Lehmann nun durch breite Schaufensterflächen ebenerdig nach draußen, vom weiten begrünten Platz aus direkt einsehbar. Bleibt zu hoffen, dass die Stadt endlich auch den die Platzmitte markierenden, 1979 von Karl-Heinz Adler und Friedrich Kracht entworfenen Betonbrunnen am Neustädter Markt nach 15 Jahren Verfall saniert und die ihn umgebenden Grünflächen herrichten lässt.

Die Galeristen Frank (l) und Ralf Lehmann

Die Galeristen Frank (l.) und Ralf Lehmann.

Quelle: Teresa Ende

Die neuen Galerieräume funktionieren ausnehmend gut für die überwiegend großformatigen skulpturalen Objekte und Installationen der 1969 in Haarlem geborenen, in Los Angeles und Amsterdam tätigen Künstlerin Lara Schnitger, die mit „Don’t Let the Boys Win“ derzeit den neuen Standort einweiht. Im vorderen, großen Ausstellungssaal sind Skulpturen und Objekte aus unterschiedlichen textilen Geweben, Holz, Plastik und Schaumstoff ausgestellt. Bei Schnitger entstehen aus auf großen Holzgerüsten aufgezogenem Paillettenstoff in Gold und Silber („Express Yourself“, 2015), rosafarbenem Samt und antiquiert anmutenden Lagen von Spitze („Killed by Ornament“, 2007) bewegt-bizarre Gebilde, die menschliche Gestalten oder Körperteile, Tiere oder fantastische Maschinenwesen assoziieren lassen. In diesen hybriden Werken jenseits traditioneller Bildhauerei kommt unterschiedlichstes Referenzmaterial zusammen: die Geschichte der ersten Frauenbewegung der Suffragetten, Theater und Kostümdesign, Popkultur und Videospiele. Schnitger schafft assoziationsreiche, raumgreifende textile Abstraktionen, die sich an Seh-, Tast- und Körpersinn gleichermaßen richten. Die ‚Figur’ als älteste Form der Plastik wird hier zwar permanent aufgerufen, Schnitgers gesellschaftskritisch aufgeladene Mutanten aus Stoff aber übersteigern und hinterfragen sie zugleich.

Mit den drei hoch aufragenden „Slut-Sticks“ sind Elemente von „Suffragette City“ zu sehen, einer Performance zwischen ritueller Prozession und feministischem Protest, die Lara Schnitger zum Auftakt der Ausstellung im September in der Dresdner Altstadt aufführte. Auf Stangen hat sie wiederum Holzgerüste installiert, die mit Reizwäsche oder an verletzte menschliche Haut gemahnendem Seidenstoff überzogen sind, die während der Kunstaktion als disparate, zwischen sexueller Anspielung, Protest und Stereotypisierung changierende Bilder von Weiblichkeit hochgehalten wurden, wie Fetische der Widerständigkeit.

In Schnitgers Werk vermischen sich traditionelle Ausstellungspraktiken und Aktionskunst, Kunst und Theater, Außen und Innen. Im kleineren Format und in beinahe intimer Atmosphäre ist dies auch im hinteren, schmalen Kabinett der Galerie erfahrbar: Dort hängen längsovale Stoffcollagen an den Wänden, die in Schnitgers Atelier als Gedankenskizzen und vorbereitende Arbeiten zu den Skulpturen fungieren und bislang nie öffentlich gezeigt wurden. Zumeist stellen die Stoffcollagen menschliche Gesichter dar; die elliptische Form der dicken Holzrahmen erinnert an Stickrahmen und ruft damit weiblich konnotierte Handarbeit auf. Die anthropomorphe Ästhetik wird weiter unterstrichen durch Harzflächen oder aufgenähte Stoffstücke, die Hautvernarbungen andeuten („Scar Tissue“, 2015), maskenhafte weibliche Antlitze suggerieren oder zeichnerisch andeuten, wie in dem berührend reduzierten Porträt „Elizabeth (Cady Staton)“, eine durch sensible Materialität gebrochene Hommage an die frühe US-amerikanische Frauenrechtlerin.

Mit dieser Ausstellung der hierzulande immer noch viel zu wenig beachteten Arbeiten von Lara Schnitger ist der Auftakt in den neuen Räumlichkeiten der Galerie Gebr. Lehmann gelungen. Man darf gespannt sein auf künftige Präsentationen.

„Lara Schnitger. Don’t Let the Boys Win.“ Bis 11. November in der Galerie Gebr. Lehmann, Neustädter Markt 11/12, 01097 Dresden. Geöffnet Dienstag bis Samstag, 11 bis 19 Uhr. Siehe: http://www.galerie-gebr-lehmann.de

Von Teresa Ende

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