Volltextsuche über das Angebot:

28 ° / 15 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
„Emilia Galotti“ am Staatstheater Cottbus

Inszenierung von Jan Jochymski „Emilia Galotti“ am Staatstheater Cottbus

Eine ebenso janusköpfige wie mitreißende Inszenierung von Lessings „Emilia Galotti“ hat Jan Jochymski am Cottbusser Staatstheater geliefert. Während einerseits die Figuren in seiner Spielfassung sehr heutig erscheinen in ihren Emotionen und Vorsätzen, bleiben sie andererseits im Ganzen sehr nahe an der Sprache Lessings, be- und gefangen im vorgegebenen System.

Im Drehbühnen-Karussell entfaltet sich Lessing kleiner Kosmos.
 

Quelle: Marlies Kross

Cottbus.  
 

Vom ersten Augenblick an vermittelt es sich durch einen rockigen, animierend-assoziativen Soundtrack: dieses Strudeln der Leidenschaften, das unaufhaltsame Fließen der Handlung, der gnadenlose Sog hin zu einem Ende, das niemand so wollte. Über die Herkunft der hier tatsächlich essenziell wirksamen Musik schweigt sich das Theater, wie leider allgemein üblich, aus. Sie passt jedoch genau zu dem zeitlos modernen, poetischen Bühnenbild von Ausstatterin Simone Steinhorst, das im traditionellen Sinn eigentlich gar keines ist. Der schwarze Bühnenhorizont begrenzt die Sphäre des Prinzen, ein farblich je nach Stimmung ausgeleuchtetes Rechteck erscheint als Pforte zur äußeren Welt. Die erscheint wie in der Kugel einer Seherin über dem langsam rotierenden, anfangs kahlen Drehbühnen-Karussell, eine Stolperfalle, die Dinge und Begebenheiten zusammenführt, wie sie so eigentlich nicht stattfinden oder sichtbar sind. Nicht die von ihr gemalten Porträts, sondern die Urbilder in Fleisch und Blut lässt die Malerin Conti (guruhaft Heidrun Bartholomäus) hier sehen und wieder verschwinden.

Von nun an wird das Rund belegt wie ein Pizza, mit allen anfallenden Resten. Auf die Bittstellerbriefe an den Prinzen folgt die Kleiderpuppe von Emilias Brautkleid, bald darauf der Leichnam des Grafen Appiani, die verführte Emilia und endlich sogar der falsche Marinelli. Und auf alles fällt schließlich, wieder wie auf einen Wink der Malerin, roter Schnee. Da steckt die Gräfin Orsina den Dolch, an dem Emilia verblutet ist, zurück in ihr Handtäschchen und sinkt in die Arme des Prinzen.

Wie schon beim „Woyzeck“ vor einigen Jahren oder zuletzt beim „Hamlet“ ist es auch hier nicht schwer, die berühmten fünf Unterschiede zum Original auszumachen.

Es beginnt damit, dass der Prinz und Marinelli gleich gemeinsam erscheinen, noch vor dem Eisernen Vorhang, zwei verspielte, etwas gelangweilte Freunde, die beide wohl oder übel auch ihren Job machen müssen. Wobei der eine, der Prinz, für seinen eher ungeeignet erscheint, nicht nur weil er schwer verliebt ist in eine gewisse Emilia. Die muss er haben oder keine, allerdings ohne selber für jede Schandtat bereit zu sein, um sie in letzter Minute ihrem anverlobten Grafen zu entreißen. So jungenhaft, wie er hier erscheint, lässt der Prinz bzw. Johannes Kienast kaum an echten Gefühlen Zweifel, womöglich glaubt er gar an Ideale. Aber er ist konfliktscheu und bei allen Skrupeln hat er doch ein recht weites Gewissen.

Marinelli dagegen hat gar keins; was seinem Kumpan dank hoher Geburt zufällt, muss er durch Intrige schaffen, und das tut er mit Lust. Schmal und giftig, kommt Henning Strübbe sehr italienisch daher, ein rechter Mafioso und unbeirrbarer Wortverdreher, dessen Fäden unsichtbar im Hintergrund laufen.

Während Orsina (Lisa Schützenberger) ihre Hysterie überwindet und am Ende als kluge emanzipierte Frau triumphiert, bleibt Emilia ein „zeitgenössischer“ Ausweg versperrt, mit der letztlich doch widerlegten Begründung, der Tod sei hier das kleinere Übel angesichts scheinbar völliger Hilflosigkeit gegenüber herrschendem Unrecht und ungehemmtem Machtmissbrauch. Da muss Lucie Thiede doch ein bisschen sehr lavieren zwischen naivem Backfisch und klar denkender junger Frau, die in der Verwirrung ihrer Gefühle nur die sogenannte Tugend als Ratgeber findet.

Michael von Bessigsens Graf ist hier ein zwar zu Wärme fähiger, aber doch schon vom Gefühl der Sicherheit angekränkelter wie insgesamt etwas blasser Typ, fast eine Art Aussteiger, der Emilia nicht mehr als ein behütetes Leben auf dem Lande bieten will und sich letzten Endes nicht hätte wundern dürfen, wenn irgendein glühender Verehrer sie stärker beeindruckt

Jochymski konterkariert das Bild ein wenig, indem er sie – während sie dem Vernehmen nach doch in der Kirche betet – genüsslich eine Zigarette rauchen lässt. Die Eltern (Rolf-Jürgen Gebert und Sigrun Fischer) lassen sich zwischendurch beinahe zu einem ähnlich „anachronistisch“ anmutenden Liebesspiel gehen. Aber abgesehen von diesem Glaskugelspuk bleibt sie die besorgte Matrone, die vor allem der Form genügen und ihrem Mann alles recht machen will, er wiederum kennt bei aller Einsicht vor allem seine Grenzen und überwindet sie, wohl eine Spur zu geradlinig, am Ende in die falsche Richtung.

nächste Vorstellungen: 27. April, 2. Mai, 2. Juni und 10. Juni jeweils 19.30 Uhr, Staatstheater Cottbus, Großes Haus am Schillerplatz, Karten ab 25 Euro

www.staatstheater-cottbus.de

Von Tomas Petzold

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr