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„Eine Frau, die weiß, was sie will!“ in der Staatsoperette Dresden

Gastspiel Komische Oper Berlin „Eine Frau, die weiß, was sie will!“ in der Staatsoperette Dresden

Ein Gastspiel erster Wahl im ersten Jahr der neuen Staatsoperette und ein Ansporn, ein Maßstab sicher auch, wenn es gleichfalls in Dresden darum gehen wird, vergessene Komponisten wie zum Beispiel Oscar Strauss wieder zu entdecken.

Dagmar Manzel und Max Hopp wechselten fliegend ihre Identitäten.

Quelle: Iko Freese/drama-berlin.de

Dresden. Sie ist eine Diva und sie ist ihr eigener Verehrer. Sie ist ein verschrobener Typ, sie ist ein vertrottelter Kellner und sogar ihre eigene Garderobiere, aber vor allem ist Dagmar Manzel eben eine Frau, die weiß, was sie will, und eine Künstlerin, die weiß, was sie kann.

Er, ihr Partner Max Hopp, ist die Tochter der Diva und scharf auf deren Verehrer. Die Tochter weiß nicht, dass die Diva ihre Mutter ist, und weil die Mutter dem Glück der Tochter nicht im Wege stehen will, knüpft sie in rasantem Verwechselungsspiel die richtigen Fäden, hat am Ende die Tochter zurück, den Theaterdirektor fest im Griff und bestimmt, was sie alles im nächsten Stück bekommt: drei Chansons, einen Walzer, wallende Federn, drei Toiletten im dritten Akt und zur Krönung wird sie zum Finale, im vierten Akt, sogar nackt erscheinen.

Ohne auch nur einen Fetzen fallen zu lassen, machen sich Dagmar Manzel und ihr genialer Partner Max Hopp in dieser 1932 im Berliner Metropoltheater, der heutigen Komischen Oper, mit Fritzi Massary in der Hautrolle uraufgeführten musikalischen Komödie von Oscar Strauss mit dem Text von Alfred Grünwald verletzlich, in übertragenem Sinne schutzlos und nackt. So wie sie zwischen den Identitäten wechselt, so zündet er gleich ein sprühendes Feuerwerk der Verwandlungen, wenn er den Typen, den Fratzen, den Gewinnern und Verlierern, deren Seelen wohl alle in seiner kräftigen Brust wohnen müssen, für Momente freie Bahn lässt.

Höhepunkt dieser Enthüllungs- und Verhüllungskomödie ist ein Tennisspiel, in dem Max Hopp in blitzschnellem Seitenwechsel zugleich die schöne Lucy und Sportskanone ist. Die Manzel steht ihm da in nichts nach, ist selbstbewusste Diva und kauziger, lüstern lispelnder Verehrer zugleich. Wo sah man solches Spiel mit den zwei Gesichtern schon zuvor? Das ist so subversiv, so befreiend und utopisch zugleich: Sei, was du willst, und du bist ganz du selbst.

Nur wer bereit ist, die Richtungen immer wieder mal zu wechseln, kommt immer wieder bei sich selbst an, das geht mal so rum und manchmal auch andersrum in den Verhältnissen, die Mann oder Frau eben so hat im Leben auf dem Weg zum Verhältnis zu sich selbst. „Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben“, den schönen Schlager singt Dagmar Manzel, und das gilt natürlich in diesem Spiel auch für Max Hopp, denn beide werden immer dann ins sanfte Licht gestellt, wenn sie in den Chansons für Momente innehalten, um gleich darauf wieder loszustürmen, als sei das Leben leider viel zu kurz, um in alle Rollen zu schlüpfen, die man spielen möchte, und wirklich alles auszuprobieren, was man sein könnte.

Um seine Protagonisten in gut 30 Rollen agieren zu lassen, braucht Regisseur Barrie Kosky als Intendant der Berliner Komischen Oper nur eine kleine Wand mit einer Schwingtür auf der Vorderbühne, und schon läuft das in diesem Genre bewährte Tür-auf-und-Tür-zu-Spiel wie am Schnürchen. Denn die Typen sind knapp, aber knackig inszeniert, das Timing stimmt, den Rhythmus gibt auch die Musik vor. Blitzschnell wechseln die Brillen, die Perücken und die Bärte, die Schuhe und die Kleider, immer aber ist es die Genauigkeit der Charakterisierung, und sei sie noch so sparsam, das ist einfach gekonnt.

Manchmal muss es auch nur eine Hand sein, die etwas durch den Türspalt reicht, denn die Fantasie der Zuschauer läuft inzwischen dermaßen auf Hochtouren, dass man sich alles weitere denken kann. Die Pointen sitzen, die verbalen und die optischen, der Tonfall in den unterschiedlichen Lagen stimmt, das ist so lustige wie lustvolle Musikalität dieser 90 Minuten, die wie im Fluge vergehen. Ist doch mal etwas mehr Zeit nötig, dann macht zum Beispiel Max Hopp einen herrlichen Insiderwitz, wenn er behauptet, jetzt auch noch Cecilia Bartoli zu sein und chinesisch zu singen.

Und noch einer spielt kräftig mit und wechselt ebenfalls blitzschnell seine Rollen: der Dirigent Adam Benzwi, der das Orchester der Komischen Oper leitet und auch noch in die Tasten greift, witzige Extempores und Improvisationen beiträgt und dafür sorgt, dass es so richtig swingt und schwingt, im vollen Klang mit Streichersound oder im jazzigen Stil der Bläser mit Schlagzeug und zwei Klavieren.

Ein Gastspiel erster Wahl im ersten Jahr der neuen Staatsoperette und ein Ansporn, ein Maßstab sicher auch, wenn es gleichfalls in Dresden darum gehen wird, vergessene Komponisten wie zum Beispiel Oscar Strauss wieder zu entdecken, der ja immerhin mit seiner von den Nazis verbotenen burlesken Operette „Die lustigen Nibelungen“ ein so witziges wie ironisches Pendant zu Wagners monumentalem Ring zu bieten hätte.

„Eine Frau, die weiß, was sie will“ kam jedenfalls gut an bei den Dresdnern, stürmischer Applaus und Jubelrufe für Dagmar Manzel, Max Hopp und Adam Benzwi und natürlich für die unsichtbaren guten Geister hinter der Schwingtür, die alle dafür sorgten, dass alles stimmt, dass die Akteure im rechten Licht stehen, nicht zu vergessen, dass der Ton stimmt, das waren Meisterleistungen.

Von Boris Gruhl

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