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Ein torpedierter Herrenabend

Rezension Ein torpedierter Herrenabend

„Unsere Frauen“ an der Comödie Dresden glänzt durch Tiefgang und überragende Schauspieler.

Ein Männertrio und ein paar unbequeme Wahrheiten: Paul (Jochen Horst), Max (Ingolf Lück) und Simon (Mathias Herrmann, v.l.).

Quelle: Jennifer Zumbusch

Dresden. Männer sind ja eigentlich nicht dafür bekannt, untereinander großartig über Gefühle, Ängste und Träume zu sprechen. Und schon gar nicht bei einem echten Männerabend. Da heißt es Schnaps, Kartenspiele und gemeinsames Lästern über die jeweiligen Damen daheim. Doch eine klitzekleine Tatsache verändert plötzlich den Verlauf der geplanten Erholungsstunden von Paul, Max und Simon. Die drei Freunde werden am Ende des Abends viel mehr voneinander wissen, als ihnen eigentlich lieb ist. Und ja, sie werden auch über jede Menge Gefühle gesprochen haben.

Aber der Reihe nach. In der Komödie „Unsere Frauen“ des tunesisch-französischen Theater- und Drehbuchautors Eric Assous gaben Jochen Horst (Paul), Mathias Herrmann (Simon) und Ingolf Lück (Max) ihre Dresden-Premiere in der Comödie – mit Bravour und minutenlangem Applaus. Inszeniert hat das Stück Ute Willing, die bereits 2013 mit „Toutou“ und Winfried Glatzeder in der Comödie zu Gast war und für astreine Unterhaltung sorgte. Das gelingt ihr mit „Unsere Frauen“ definitiv erneut.

Die rein als Konversationsstück ausgelegte Komödie produziert zwar keine Lacher am Fließband, glänzt aber durch tiefsinnigen, schwarzen Humor, wuchtige Sprüche und überragende Schauspieler. Allen voran Jochen Horst als Paul, Rheumatologe, Mitte 50, verheiratet und zweifach als Vater gesegnet. Etwas frustriert über seine Karin, die „von neun bis neun schläft“ (gelegentlich auch beim Sex, wie man erfährt), freut er sich auf eine entspannte Männerrunde. Gemeinsam mit Max, Radiologe, ebenfalls über 50 und bekennender Junggeselle, jedoch gerade liiert und mit deftigen Beziehungsproblemen, wartet er in dessen Pariser Loft auf den dritten im Bunde: Simon.

Es wird viel geredet, natürlich über Frauen. Die kommen in dem Stück zwar leibhaftig gar nicht vor, dennoch weiß man nach 90 turbulenten Minuten alles über Karin, Marion (Max’ aktuelle Perle), Pauls Töchter und jede Menge von Max’ Ex-Freundinnen… und auch über Estelle, die Freundin von Simon, der eigentlich nie zu spät kommt. Natürlich nutzen Paul und Max die Wartezeit, indem sie beispielsweise den Allerwertesten von Estelle bewerten, der zwar „schon geil“ wäre (Paul), aber „bei weitem nicht abendfüllend“ (Max).

Dann klingelt es endlich, Simon steht vor der Tür, und fällt auch gleich mit selbiger ins Haus: „Ich habe Estelle umgebracht!“ – Natürlich muss er das dreimal wiederholen, bis Max und Paul verstehen, dass es sich eben nicht um einen schlechten Witz handelt.

Von hier an nimmt das Stück reichlich Tempo auf, entwickelt sich zu einer Art Sozialstudie – à la „Sollen wir die Polizei rufen oder unserem Freund ein Alibi verschaffen?“ –, vernachlässigt aber dabei nicht die Tugenden einer Komödie. Die im Vorfeld eingeführten Running Gags – der pedantisch rüberkommende Max, der mit einem Stofftaschentuch ständig hinter den Jungs her putzt, als wäre er ein neurotischer Waschbär, und Paul, der nicht so recht mit den Sitzsäcken klarkommt, leider oft etwas vorhersehbar mit seinen chronischen Rückenschmerzen über die Bühne stolpert und holpert – sind auch dringend notwendig, um die ernste Geschichte aufzulockern.

Simons Idee, ihm einfach ein Alibi zu verschaffen („Bei Estelle hätte ja auch jemand einbrechen können“), finden die Freunde nicht ganz so toll, worauf Simon sich erst einmal eine Flasche Wodka gönnt und dutzende Pillen einwirft. Logische Konsequenz: K.o. nach 30 Minuten. Von nun an haben Max und Paul genug Zeit, um sich mal so richtig auszusprechen. Simons Tragödie dient als Anstoß für verschiedenste Diskussionsebenen und rückt immer wieder in den Hintergrund.

Was bleibt, sind zwei Männer, die die vergangenen Jahre aufarbeiten. Es folgt die Erkenntnis, dass der jeweils andere mit seiner unterschwelligen Kritik vielleicht doch ab und zu einen Nerv trifft und nicht alles so einfach ist, wie man es sich sonst beim Kartenspiel vormacht. Als dann plötzlich mitten in der Nacht Pauls volljährige Tochter auf Simons Handy anruft, fällt es den beiden schwer, nicht die falschen Schlüsse zu ziehen – was, wie sich am Ende herausstellt, auch falsch gewesen wäre.

„Unsere Frauen“ ist deshalb so tiefgründig und ernst, weil es Klischees bedient, die eigentlich gar keine sind. Männer, so will Autor Eric Assous vermitteln, sind zwar auch die alkoholtrinkenden Gefühlsnarren, die lieber alleine auf dem Klo heulen, anstatt mit ihren Freunden über Probleme, Ängste und Träume zu reden, halten aber – zumindest bei echten Freundschaften – auch in den schlimmsten Situationen zusammen. Die wuchtigen Vorstellungen der Schauspieler, die auch mal als Rapper glänzen oder im Hintergrund Pantomime üben, während die anderen beiden diskutieren, unterfüttern den schwarzen Humor mit reichlich Lachern.

Und eine Erkenntnis drängt sich auf: Wenn man einen Herrenabend einfach mal mit einer Gretchenfrage torpediert, scheinen Männer auch zu echten Gefühlen, Aussöhnungen und tiefgründigen Gesprächen bereit. Das Stück lebt dabei – und das muss es auch, weil die Bühne außer den drei Sitzsäcken und einem Telefon nicht viel zu bieten hat – von der großartigen schauspielerischen Leistung.

Jochen Horst mimt, gestikuliert und stolpert überragend. Ingolf Lück ist derweil in eher ungewohnter Rolle zu sehen. Statt lauthals Witze in die Welt zu posaunen und selbst darüber zu lachen, zeigt der frühere „Wochenshow“-Anchorman seine Fähigkeit, als seriöser Bühnendarsteller zu funktionieren. Mathias Herrmann komplettiert mit hochrotem Kopf und einer Mischung aus Lethargie und Verzweiflung die temporeiche und kurzweilige Vorstellung.

Und für ihre aufopferungsvolle Nacht haben sich die drei Freunde natürlich ein Happy End verdient. Kurz vor acht Uhr morgens, die drei Protagonisten sind noch meilenweit davon entfernt, nun endlich eine Lösung für Simons Problem zu eruieren, klingelt plötzlich das Telefon. Estelle ist dran, sie sei gerade aufgewacht, könne sich an nichts erinnern und denke, sie sei überfallen worden. Erleichtert, mit viel gutem Vorsatz für die Zukunft und dutzenden Erfahrungen reicher, gehen die Herren also ihrer Wege. Ein Männerabend der etwas anderen Sorte geht zu Ende.

Wer jetzt nach der entscheidenden Pointe sucht, der sei vertröstet. Denn die Handlung wendet sich am Ende noch einmal recht unerwartet.

nächste Aufführungen: täglich morgen bis Sonntag

www.comödie-dresden.de

Von Sebastian Burkhardt

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