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Ein echter Dumas über dem Altar - Malerin adelt Annenkirche

Neues Altarbild Ein echter Dumas über dem Altar - Malerin adelt Annenkirche

Nach über 70 Jahren hat die Dresdner Annenkirche wieder ein Altarbild. Das Werk, das die 3,60 Meter mal 7,80 Meter messende verwaiste Wand füllt, ist außergewöhnlich. Der von Marlene Dumas geschaffene Lebensbaum greift die großen christlichen und menschlichen Themen ganz aktuell auf.

Die südafrikanische Künstlerin Marlene Dumas arbeitete seit 2014 an dem Auftragswerk für die Barockkirche.

Quelle: Georgios Kefalas/KEYSTONE/dpa

Dresden. Flüchtlingsboot und schwarzer Christus: Nach über 70 Jahren hat die Dresdner Annenkirche wieder ein Altarbild. Das Werk, das die 3,60 Meter mal 7,80 Meter messende verwaiste Wand füllt, ist außergewöhnlich. Der von Marlene Dumas - einer der bedeutendsten Gegenwartskünstlerinnen - geschaffene Lebensbaum greift die großen christlichen und menschlichen Themen ganz aktuell auf und bricht mit den Sehgewohnheiten sakraler Kunst. Das sorgt für Debatten in- und außerhalb der Gemeinde, wie Pfarrer Christian Weirauch sagt. Der am Sonntag geplanten Enthüllung sieht er dennoch „in freudiger Erwartung“ entgegen - und rechnet mit einer vollen Kirche.

Die 1953 in Kapstadt geborene und in Amsterdam lebende documenta-Künstlerin arbeitete seit 2014 an dem Auftragswerk für die Barockkirche mit Jugendstil-Innenraum, die im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt wurde. Nach der Restaurierung suchte die Gemeinde einen „Meister der Gegenwartskunst“ - und entschied sich wegen ihrer Porträts geschundener Menschen für Dumas. Deren Lebensbaum mit Medaillons fand nicht nur Gefallen. Auch viele Gemeindemitglieder mussten sich erst damit beschäftigen, es gibt Anfeindungen im Netz und Kritik per E-Mail, wie der Pfarrer berichtet. Aber auch Freude, vor allem in der Kunstwelt.

Es ist das erste Altarbild und zugleich großformatigstes Werk der Südafrikanerin, das sie gemeinsam mit ihrem Mann Jan Andriesse und ihrem Künstlerfreund Bert Boogaard realisierte. Boogaard malte den überdimensionalen Lebensbaum auf die Wand, dessen Äste sich zu den sechs im Atelier entstandenen und gehängten ovalen oder runden Ölgemälden auf Holz verzweigen, Andriesse den abstrakten Regenbogen als krönenden Abschluss und Versöhnungszeichen.

Bei Dumas aber ist der Gekreuzigte ein Auferstandener, der zu schweben scheint, mit schwarzem Körper, das Kreuz malte sie weiß vor blauem Grund als Fenster, die Pietà ist ein eine Frau tragender Mann und das Schiff des Lebens ein Flüchtlingsboot. „Es steckt das ganze Evangelium drin, die Frohe Botschaft“, sagt Weirauch. Dazu kommen weltliche Themen wie Freundschaft, Humanität und Hoffnung. „Es ist ein freundliches und leichtes Bild, aus dem man immer wieder Neues herauslesen kann.“

Für das vom Bund geförderte Projekt sammelte die Kirchgemeinde rund 37 000 Euro an Spenden. Dumas hat zum Selbstkostenpreis gearbeitet und verlangt kein Honorar. Laut Weirauch werde die Summe im unteren sechsstelligen Bereich liegen. „Es ist ein Stück zeitgenössische Kunst und ein Bild, das immer neu zum Nachdenken anregt.“ So manchen Skeptiker hat es überzeugt und auch die älteren Damen um die 70, laut Weirauch der größte Teil der Gemeinde, befürworteten es. „Wer sich auf so etwas einlässt, erfährt Bereicherung.“

Dumas macht das weniger bekannte Gotteshaus zugleich zu einer Adresse für Kunstinteressierte, sagt Martina de Maizière, Vorstand der Stiftung Kunst und Musik für Dresden. Die hofft, dass künftig der Weg der Kunstfreunde aus den Museen auch an den Rand der Innenstadt führt. Es ist nach dem Altar von Anish Kapoor in der Unterkirche der Frauenkirche das zweite Werk einer international bedeutenden Künstlerin in einem Gotteshaus der Stadt. „Für mich beides wunderbare Arbeiten, wobei mich an Marlene Dumas Altarbild besonders die Bescheidenheit, ja Demut und tiefe Menschlichkeit berühren“, sagt Albertinum-Direktorin Hilke Wagner.

Die Gemeinde stellt das vor neue Herausforderungen. „Wir wollen es schaffen, die Kirche am Wochenende offen zu halten“, sagt Pfarrer Weirauch. Das Altarbild sei aber auch von der Eingangshalle aus sehr gut zu sehen. Dessen Entstehungsprozess zeigt eine Galerie in der Neustadt anhand von etwa zwei Dutzend Aquarellen von Dumas, die die Künstlerin selbst arrangiert, wie Galerist Frank Lehmann sagt. „Es ist ein intimer Einblick in ihre Schaffensweise.“

dpa

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