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Dresdner musizieren zur „Bürgersingstunde“ im Albertinum

Musik verbindet Dresdner musizieren zur „Bürgersingstunde“ im Albertinum

Ein wenig verloren wirkten die etwa 150 Hörer der "Bürgersingstunde" im großen Lichthof des Albertinums am Mittwochabend. Die gekommen waren, ließen sich aber auf ein Experiment ein, auf ein zu erprobendes neues Format.

„Bürgersingstunde“ im Albertinum

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. Ein wenig verloren wirkten die etwa 150 Hörer im großen Lichthof des Albertinums am Mittwochabend. Dem ambitionierten Anliegen des jungen zeitgenössischen Vokalensembles Auditivvokal und seiner Förderer vom Bürgerverein Atticus bis hin zur Schirmherrin Kunstministerin Eva-Maria Stange (SPD) hätte man mehr Zuspruch für diese erste BügerSingStunde gewünscht. Die gekommen waren, ließen sich aber auf ein Experiment ein, auf ein zu erprobendes neues Format.

Es ging, wie Auditivvokal-Leiter Olaf Katzer einräumt, in erster Linie um die Vermittlung gegenwärtiger Vokalmusik, um eine Art Hörerschulung. Aber die interaktive Präsentation machte nicht den Eindruck, als habe man sich dazu nur einer modischen Demokratierettungsattitüde bedient, um an Fördergelder zu gelangen. Die charmanten Moderationen und die Titel der zwölf Uraufführungen wirkten jedenfalls nicht aufgesetzt oder bemüht.

Es sei die vorsichtige Behauptung gewagt, dass zeitgenössische Vokalmusik noch eher den Zugang zum Hörer findet als Instrumentalmusik, weil sie die jedem Menschen gegebenen natürlichen Möglichkeiten des Stimmapparates ausreizt.  Dieses Anliegen steckte auch hinter den  Kontexten des Programmhefts, das zu lesen ob der zwei durchweg inspirierenden und beanspruchenden Stunden gar keine Zeit blieb. Kein Frontalunterricht von einer Bühne herab, kein Konsumieren im Gefühlsstau, sondern demokratische Mitwirkung mit einem gewissen Gestaltungsspielraum. Es blieb darüber hinaus jedem freigestellt, sich bei den mitunter polemisch intendierten Kompositionen seinen Teil zu denken.

Im Dresdner Albertina wurde gesungen  nur diesmal nicht ausschließlich von Profis – sondern auch von ganz normalen Dresdnern. Wir waren mit dabei.

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Die wirkten oft höchst artifiziell, und ein Blick in die Partitur der Sirenengesänge von Michael Edward Edgerton beispielsweise erinnert eher an das Liniengewirr eines Strickmusters mit Resten klassischer Fünfzeilennotation. Gerhard Stäblers „Ausriss“ nach einem Gedicht von Heiner Müller war eine Aufforderung an das Publikum, sich selbst in den Gestus und Duktus halbfreier Vokalimprovisation zu begeben und damit das Strickmuster ein wenig zu entzaubern. Der andere teil des Publikums sorgte mit prononcierten Einwürfen von Konsonanten des Textes selbst für den „typisch zeitgenössischen“ Sound.

Braver und tonal ging es bei den anderen Mitsinggelegenheiten zu. Brechts Kinderhymne „Anmut sparet nicht noch Mühe“, von Bürgerbewegten 1990 als neue Nationalhymne vorgeschlagen, ließ sich trefflich mit den beiden bis dahin gebräuchlichen Hymnen verknüpfen. Und „Die Gedanken sind frei“ ist ein zeitlos emanzipatorisches Volkslied, das alle Leitkultur-Apologeten erst einmal auswendig vorsingen müssten. Im „DemocraCycle“ am Schluss griff der israelische Komponist Amir Shpilman eine Idee seiner „Malleable Images“ auf, dem musikalisch interessantesten Stück. Glissandi in die extremsten Stimmlagen werden verknüpft mit Crescendi und Decrescendi und zugleich von Sänger zu Sänger weitergereicht, so dass ebenso ein Klangteppich wie ein Rotorensound entsteht. Hier und bei Christian Kestens „Das Megaphon“ konnten sich Hörer mit vorab eingesandten Vorschlägen einbringen.

Agnes Ponizils „… über die Würde des Menschen“ ist eher pathetisch-humanistisch angelegt, während „mundgerecht“ oder „des volkes weise“ sich ätzend über populistische Sprachpflasterei lustig machen. Und die wieder entdeckten Hitlerchoräle Gerhard Stäblers von 1980 auf „Ein feste Burg“ bildeten den parodistischen Höhepunkt. Bewundernswert, stimmlich fit und engagiert nahmen die acht jungen Sänger von Auditivvokal die Gäste für sich ein, ergänzt vom Jungen Ensemble Dresden und den Senioren der Singakademie. Das ebenso amüsante wie ermutigende Format hätte eine Fortsetzung verdient.

Michael Bartsch

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