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Dresdner Ostrale 013 startet am 5. Juli mit verändertem Konzept - Zeit des Underground ist vorbei

Dresdner Ostrale 013 startet am 5. Juli mit verändertem Konzept - Zeit des Underground ist vorbei

Gegenüber ihren Vorgängerinnen wird die am 5. Juli beginnende Ostrale 013 mit einem deutlich veränderten Gesicht aufwarten. Dieser Satz stand lange fest als Konsequenz aus der relativen Stagnation der letzten Jahre - trotz deutlich verlängerter Laufzeit konnten die Besucherzahlen kaum noch gesteigert werden - und wurde glücklicherweise auch nicht durch das Hochwasser ins Ironische gekippt.

Im engeren Sinne ist das neue Gesicht das von Moritz Stange. Seit Anfang des Jahres ist er Künstlerischer Leiter der Ostrale, der Kunstwissenschaftler bildet nun eine Doppelspitze mit der Künstlerin Andrea Hilger, die mit ihrem unersetzlichen Engagement das Unternehmen auf den Weg gebracht hat, so dass ohne sie eine siebente Ausgabe der Internationalen Ausstellung zeitgenössischer Künste im Ostragehege kaum denkbar wäre. Moritz Stange kam also weniger als gesuchter Retter und auch nicht, wie vielleicht mancher angesichts eines noch weitgehend unbekannten Namens vermuten wird, von "einem anderen Stern". Stange, der für ein international gewichtigeres Profil sorgen soll, ist vielmehr gebürtiger Dresdner, was man dem gerade 32-Jährigen nicht gleich anmerkt, ein bisschen smart, ohne hörbaren Dialekt, mit freundlicher Offenheit zeigt er sich im Gespräch, konzentriert, verbindlich und durchaus bestimmt. Mit Manager-Routine hat das nichts zu tun, sicherlich aber mit dem etwas längeren Bildungsweg. Der hatte ihn eben erst bis zum Masterabschluss in Kunstgeschichte an der TU Dresden geführt, und eigentlich hatte Stange auch bereits das Stipendium für seine Promotion in der Tasche, als er die Offerte von den Ostrale.Freunden, dem Förderverein der Kunstausstellung, erhielt. Die wollten mit der Ostrale 013 eine Trendwende einleiten, ohne das bisher Geleistete in Frage zu stellen.

Größere Professionalität und Glaubwürdigkeit

Ungeahnt empfohlen hatte sich Stange nicht als besonders eifriger Student, sondern vielmehr durch seine Neben- tätigkeit in der noch jungen Dresdner Galerie m2a, wo er an der Auswahl der Künstler beteiligt war und auch durch Eröffnungsreden auf sich aufmerksam machte. Dabei hatte er seinen beruflichen Weg anfangs eher im Stillen gesucht, nämlich als gelernter Buchhändler beim Aufbau einer Spezialbuchhandlung Grafik/Kunst. "Doch dann merkte ich, dass mich der Inhalt der Bücher eigentlich viel mehr interessierte als deren Verkauf", gesteht Stange, und so holte er denn am Freiberg-Kolleg sein Abi nach, studierte anschließend an der Freien Universität Berlin Kunstgeschichte, Geschichte - und katholische Theologie. Weil ihm nur zwei Fach- richtungen "als zu schmalspurig" erschienen wären, und weil in der Glaubenslehre nicht nur der Schlüssel zum Verständnis alter Kunst liegt, sondern seiner Ansicht nach auch der zum Verständnis bis heute wirkender kultureller Prägungen.

Als Student bewegte er sich thematisch in vergangenen Jahrhunderten, war an einem Projekt über Matthias Oesterreich (1716-78) und dessen Dresden-Persiflagen beteiligt, hat bei Prof. Werner Busch über Adolph Menzel (1815-1905) gearbeitet und seine Masterarbeit über Sascha Schneider (1870-1920) geschrieben. Während er sich also hier erst allmählich an die Gegenwart heranarbeitet, lag der private Fokus auch in der Berliner Zeit schon auf Netzwerkarbeit und zeitgenössischer Kunst, auf dem Kontakt mit Galeristen und Sammlern.

Für den Wechsel nach Dresden gab es in erster Linie "persönliche, familiäre Gründe". Bereut hat Moritz Stange ihn auch deshalb nicht, weil er von der Verbindung zwischen der TU und den Staatlichen Kunstsammlungen profitieren konnte - vom Porzellanseminar bei Prof. Pietsch in der Kunstbibliothek bis zum Seminar mit Prof. Bischof im Albertinum. Der Kulturbetrieb in der kleineren Stadt erwies sich für ihn nicht nur als leichter überschaubar, sondern auch als offener, voller Möglichkeiten, ins Gespräch zu kommen. Das gilt auch für eine "verhältnismäßig kleine Fakultät", der er ein sehr gutes und vielfältiges Lehrangebot bescheinigt und bei einer "überschaubaren Anzahl von Kommilitonen mehr ,Persönlichkeit'", und speziell für den Freundeskreis des Kupferstich-Kabinetts, wo er inzwischen der Geschäftsführung assistiert.

Bevor er bei der Ostrale einstieg, brachte er erst einmal seine kaufmännische Vorbildung zur Geltung. "Für einen Tag in der Woche da zu arbeiten, wäre letztlich verbranntes Geld gewesen", schätzt Stange ein. So sehr er sein Team auch lobt, so wohl er sich da von Anfang an fühle - es hätte nicht ausgereicht, um wirklich etwas zu bewegen. Also fiel die Entscheidung für einen Fulltimejob (für den sich dann sogar eine Finanzierungsquelle fand) mit der Option, später etwas kürzer treten und nebenher die Zeit für die Promotion zu finden.

Größere Professionalität und damit auch Glaubwürdigkeit sollen für die Ostrale künftig im Vordergrund stehen - die Zeit des sympathischen Aufbruchs aus dem Underground ist endgültig vorbei. Das zeigte sich zuerst bei der Auswahl der Künstler, muss sich nun bald bewähren bei der Vermittlung gegenüber der Öffentlichkeit, die nicht zuletzt für eine breitere ideelle wie materielle Unterstützung gewonnen werden muss, denn sonst ist das hoch gesteckte Ziel einer Ausstellung von internationalem Rang kaum erreichbar. Dabei bleibt es bei der "zweigleisigen" Auswahl der Künstler, die sich zum einen über entsprechende Netzwerke bewerben können, zum anderen gezielt eingeladen werden. Neben dem Künstlerischen Leitungsduo Hilger/Stange waren erstmals auch Galeristen, nämlich Patrick-Daniel Baer (Dresden), Knut Hartwich (Sellin/Rügen) und Friedrich Loock (Berlin) unmittelbar daran beteiligt. Gemeinsam mit dem Dresdner Architekten, Sammler und Kunstförderer Jens Zander sowie der vorjährigen Ostrale-Preisträgerin Chloé Coomans aus Belgien zeichnen sie in unterschiedlichen Konstellationen als Einlader, Kuratoren und Juroren für die Ostrale 013 verantwortlich, die über zehn Wochen mehr als 90 Gruppen- und Einzelpositionen aus 17 Nationen vorstellen wird.

Man habe auf Kritik von Kunstkennern und -liebhabern reagiert, wolle sich auf das Kerngeschäft konzentrieren, Extras und Begleitprogramm "eindampfen", erklärt Stange, was sich aber beim Blick auf die derzeit noch provisorische Internetseite etwas relativiert. So werden die Gebrüder Lehmann sowie die Galerien Baer und m2a mit ihren Vernissagen einen Tag nach der Eröffnung (u.a. mit der Soundinstallation "Applaus" des Ex-Dresdners Via Lewandowsky) auch inhaltlich Brücken zur Ostrale schlagen und unter dem Motto ART WALK zum Pilgern ins Ostragehege einladen. Parallel zur Ostrale und von dieser ausgerichtet läuft das Finale des Cool Silikon Art Award mit zehn Kandidaten, wozu auch ein kleiner Katalog entsteht.

"Wir überschreiten den Rubikon" lautet das Motto der siebten Ostrale, die einen unumkehrbaren Aufbruch zu neuen Ufern einleiten soll. Stange sieht dabei die Kooperation mit kommerziellen Galerien, die ihre Kompetenz und wertvolle Kontakte einbringen, durchaus auch als "Drahtseilakt". "Wir wollen uns nicht dem Mainstream verschreiben, keineswegs auf junge, sperrige, nicht markttaugliche Kunst verzichten", verspricht er. Wer wiederholt an einer Ostrale teilnehmen will, müsse künftig jedes Mal eine ganz andere Seite seiner Arbeit zeigen oder deutlichen Qualitätszuwachs erkennen lassen. Gleichwohl ist Stange die Notwendigkeit der Einbeziehung regionaler Künstler bewusst. Künftig wird es noch weniger um die Behauptung bzw. Inszenierung von Räumen und Arbeiten vor Ort gehen, und so wird der andere Drahtseilakt für die Ostrale-Macher, die nicht als Eigentümer, sondern nur als Mieter agieren können, darin bestehen, dem Kunstereignis in den alten Futterställen auch seinen Charme zu erhalten und dennoch aufzubessern.

Dabei geht es nicht um Nobelsanierung, wie nebenan an der Schweinehalle zu sehen, sondern "vorrangig um Konservierung, denn mit White Cubes wäre uns nicht wirklich geholfen. Wir müssen Zwischenwege finden, um auch teure Arbeiten zeigen, mit wirklich großen Namen aufwarten zu können", erklärt Stange, der sich - auch das ein Novum - längst auch mit der Ausgabe 014 beschäftigt, die den Blick gezielt in die östlichen Nachbarländer richten soll. Doch erst einmal gilt es, die letzten großen Herausforderungen des Jahrgangs 013 zu meistern, bis hin zu dem kleinen Kunststück, den Katalog pünktlich zur Eröffnung vorzulegen, für den Tobias Pfeifer-Helke von den Staatlichen Kunstsammlungen einen Aufsatz geschrieben hat. Es ist auch der erste, der ausführliche Artikel zu den gezeigten Kunstwerken in Deutsch und Englisch enthalten wird sowie ein Grußwort der Sächsischen Kunstministerin und Schirmherrin Sabine von Schorlemer.

Auch wenn die - erstmals öffentliche - Jury mit der Qualität der Einreichungen auch Ernüchterung erlebte, sind "wahnsinnig gute Künstler unter unserem Dach versammelt", verspricht Stange. Fehlt nur noch, dass sich das Wasser aus dem alten Pumpenhaus an der Marienbrücke zurückzieht, in dessen Nähe die Bildhauerin Brele Scholz bereits an der Skulptur einer Tänzerin arbeitet, die dann mit weiteren ihrer Arbeiten und einer Videoarbeit von Biscaya zu sehen sein soll. Die Aachener Künstlerin wird außerdem am und im Maritim, in der Ostsächsischen Sparkasse am Altmarkt und bei Oberüber-Karger gegenüber vom Pumpenhaus präsent sein. "Ich hoffe, die Leute werden staunen und sich auch so freuen wie wir."

i5. Juli bis 15. September im Areal Futterställe und an externen Örtlichkeiten, bis 25. August auf dem Areal der Messe Dresden, Einzeltickets ab 8 Euro (Schüler bis 18 Jahre 5 Euro)

www.ostrale.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27.06.2013

Tomas Petzold

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