Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 4 ° Sprühregen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland RND

Navigation:
Google+
Dresdner Friedenspreis für Domenico Lucano, den Bürgermeister des Willkommensortes Riace

Auszeichnung Dresdner Friedenspreis für Domenico Lucano, den Bürgermeister des Willkommensortes Riace

Die Verleihung des Dresdner Friedenspreises in der Semperoper ist zu einem bewegenden Plädoyer für Mitmenschlichkeit geworden. Der mit 10 000 Euro dotierte Preis ging an Domenico Lucano, Bürgermeister des italienischen Dorfes Riace in Kalabrien. Er nahm in den vergangenen Jahren viele Flüchtlinge auf und integrierte sie ins Dorfleben.

Der süditalienische Bürgermeister Domenico Lucano nahm in der Semperoper den Dresdner Friedenspreis 2017 entgegen

Quelle: Oliver Killig

Dresden. Europas derzeit größter Friedhof dürfte sich im Mittelmeer befinden. Dort, wo die Menschen nicht beigesetzt werden, sondern in ihren letzten Atemzügen verzweifelt ums Überleben ringen, bis sie die letzte Lebenskraft verlässt. Tausende Menschen – Frauen, Männer und Kinder – , tausende Einzelschicksale haben in den Wellen des Mittelmeers ihr vorzeitiges Ende gefunden.

Aus dem Dresdner Theaterplatz ist dieser Tage um den 13. Februar ein temporärer Friedhof geworden. „Lampedusa 361“ zeigt Fotografien der Gestrandeten, die ihre Flucht nicht überlebt haben, aber auch nicht im Meer versunken sind. Es ist ergreifend, wie viele Menschen hier schweigend die Schicksale studieren, die man niemandem wünscht: Eine Mutter ist mit ihren drei Kindern ertrunken, Dutzende Menschen sind im Unterdeck eines Schiffes erstickt, zahlreiche Tote wurden ohne Namen beigesetzt wurden, nur mit einer Nummer.

Der Theaterplatz, ein Ort der Tränen. Sonntag Vormittag bot er die bezwingende Assoziation zur Verleihung des Dresdner Friedenspreises an Domenico Lucano, den Bürgermeister des kalabresischen Städtchens Riace. Diese Entsprechung von draußen und drinnen betonte auch Hausherr Wolfgang Rothe, als er in seiner Begrüßungsrede darauf hinwies, dass nichts trauriger sei als ein namenloses Grab. Die ganze derzeitige Flüchtlingssituation sei geprägt durch eine große Abwesenheit von Mitgefühl.

Domenico Lucano, „Mimmo“, wie er von seinen Freunden genannt wird, geht in Riace den entgegengesetzten Weg und lebt Mitgefühl ganz selbstverständlich im Alltag. Seit Jahren gilt Riace als Willkommensort und steht vorbildhaft für eine Kultur des menschlichen Miteinanders. Da wird nicht gefragt, woher jemand kommt, ob er an irgendwelche Götter glaubt oder nicht, da wird gemeinsam gelebt. Der lange von Armut und Abwanderung geprägte Ort im Süden Italiens ist dadurch wieder im Wachsen begriffen, leerstehende Häuser füllen sich mit Leben, hier wohnen die unterschiedlichsten Menschen einträglich miteinander. Riace ist von Wim Wenders in einem Film porträtiert worden, der deutlich macht, wie wohltuend das Lachen von Kindern auf Straßen und Plätzen sein kann. Und was es bedeutet, wenn es in und zwischen den Häusern verstummt.

Bürgermeister Lucano erkannte beizeiten, dass die Menschen, denen der weltweite Sammelbegriff „Migranten“ anhängt, kein Problem seien, sondern eine Chance. Die Ärmsten der Armen, die vor Krieg und Elend fliehen, werden an vielen Orten als „illegal“ klassifiziert und verfolgt. Was aber ist ihre „Straftat“, fragt Wenders, wenn nicht ihr blankes Leben, ihr Dasein?

Amalia und Guiseppe Gelardi erhielten in der Semperoper einen Sonderpreis, weil sie ein 17-jähriges Mädchen aus Eritrea, das auf der Flucht im

Amalia und Guiseppe Gelardi erhielten in der Semperoper einen Sonderpreis, weil sie ein 17-jähriges Mädchen aus Eritrea, das auf der Flucht im Mittelmeer ertrunken war, in ihrer Familiengrabstätte auf einem Friedhof in Agrigento (Sizilien) beigesetzt haben.

Quelle: Arno Burgi, dpa

In Riace haben etwa 500 Menschen ein neues Zuhause gefunden. Sie kommen aus verschiedensten Ländern der Welt und machen nun etwa ein Drittel der Einwohnerschaft aus. In der Semperoper bekannte der 59-jährige Lucano, dass Riace in alle Welt eine Botschaft der Menschlichkeit aussenden wolle.

Laudator Martin Roth, der für diese Preisverleihung sehr gern wieder nach Dresden zurückgekommen sei, wo er lange als Museumschef gewirkt hatte, brachte es so auf den Punkt: „Domenico Lucano hat sein Dorf gerettet“. Mit einer solchen Haltung könne die Welt gerettet werden. Freilich braucht es dafür viele Menschen, die sich anstecken und mitreißen lassen, um anderen zu helfen.

So soll der Dresden-Preis, den Domenico Lucano in der Folge von Michail Gorbatschow, Daniel Barenboim und zuletzt Whistleblower Daniel Ellsberg erhielt, auch als Zeichen für künftiges Engagement verstanden werden. Ganz konkret soll in Riace ein Dresden-Haus eröffnet werden, wo Menschen von hier Hilfe vor Ort leisten können, um die Initiative Lucanos aktiv mit Leben zu erfüllen.

Ex-Innenminister Gerhart Baum, dem Verein Friends of Dresden Deutschland eng verbunden und von der Hoffnung durchdrungen, dass „aus Fremden Nachbarn werden“, er sparte gewohntermaßen nicht mit deutlichen Worten. „Es sind nicht nur die Lebenden, die unserer Fürsorge bedürfen, auch die Toten.“ Damit zielte er weniger auf die „Lampedusa“-Installation vor der Semperoper (die in dieser Drastik so fern seiner Heimat auch Domenico Lucano stark berührt hat), als auf das Ehepaar Amalia und Giuseppe Gelardi aus dem sizilianischen Agrigento. Sie haben ein 17-jähriges Mädchen aus Eritrea aufgenommen – in ihrer Familiengruft! –, um der Toten eine würdige Ruhestätte zu geben. Dafür erhielten sie einen Sonderpreis der Veranstalter in Dresden. Für die Gelardis war ihr Tun eine Selbstverständlichkeit.

Die Musik zur Preisverleihung war passenderweise Etta Scollo mit ihrer Band anvertraut worden. Die Sizilianerin mit der großen Stimme wählte stilvoll Vertonungen alter Dichtkunst aus, die das Zusammensein von Menschen unterschiedlicher Nationen und Religionen zum Inhalt hatten. Extra für Dresden steuerte sie die Uraufführung „Sconsciuto“ bei. Dieses Wort, „Unbekannter“, steht auf zahlreichen Grabsteinen im Süden Italiens. Zwischen den Küsten von Afrika und Europa sind Tausende solcher Unbekannten gestorben. Sie dürfen keinem mitfühlenden Menschen egal sein.

Von Michael Ernst

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr