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Doppelpack mit „Homo faber“ und „Harlequin und Harlequin“

Theater Chemnitz Doppelpack mit „Homo faber“ und „Harlequin und Harlequin“

Keine leichte Entscheidung für Chemnitzer Theatergänger. Sowohl Hasko Weber als auch Bogdan Koca bescheren mit „Homo faber“ und „Harlequin und Harlequin“ eine Art Doppelpack: Die angenehme Qual der Wahl.

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Notlandung auf mexikanischem Acker: Walter Faber (l.) muss mit dem Deutschen Herbert in den Urwald (Szenenfoto mit Philipp Otto (l.), Magda Decker als Stewardess und Dirk Glodde).

Quelle: Dieter Wuschanski

Chemnitz. Eine schwere Entscheidung ereilt die Chemnitzer Schauspielfans derzeit öfter: Denn seit vergangenem Wochenende läuft zeitgleich ein schweres Publikumsduell zwischen großem Saal und Ostflügel, zwischen Schweizer Klassiker und polnischer Uraufführung, zwischen Dresdner und Warschauer Schule – also zwischen Hasko Weber und Bogdan Koca in jeweils pausenlosen einhundert Minuten Kurzweil. Doch das alles heizt nur an und greift natürlich viel zu kurz – doch beide Inszenierungen offenbaren selbst für Vielgucker große wie seltene Reize.

Zuerst Webers „Homo faber“ – die Geschichte einer Spontanliebe zwischen schlauer Zwanzigjähriger und einem 50-jährigen Weltingenieur mit Erklärung für alles und jeden sowie Automobil und Spontanfreizeit für Südeuropatour in den Fünfzigern, als noch per Schiff über den Ozean gesetzt wurde. Als Roman gelang dem just 46-jährigen Züricher Max Frisch, der drei Jahre zuvor „Stiller“ und sieben Jahren später „Gantenbein“ und eigens fürs Theater Biedermann und Öderland erfand, ein harter Bericht am Totenbett. Denn Walter Faber trifft auf der Überfahrt nach Europa seine eigene, ihm bislang in ihrer Existenz unbekannte Tochter und verliebt sich spontan bis spätpubertär in sie, was beiden sichtbar guttut. Ihm zur Seite der Deutsche Herbert, dessen Bruder ihm einst die Frau ausspannte, aber sich nun im lateinamerikanischen Dschungel das Leben nahm.

Seine blutjunge Elisabeth, die er in seiner Ingenieurpoesie nur mit Sabeth abkürzt, will in Europa gen Osten trampen, was er durch Autoleih und Mitfahrt verhindern kann. In Griechenland warten nicht nur herrliche Statuen mit riesigen Göttinnenköpfen (Ausstattung: Sarah Antonia Rung), sondern auch Schlangen und andere Überraschungen... Ausgestattet mit diesem gediegenen Textfutter bietet Hasko Weber, gebürtiger Dresdner, hier von 1990 bis 1998 als Schauspieler mit Spielverpflichtung engagiert und schnell zum Schauspieldirektor ernannt, der nach acht Jahren Stuttgart nun seit 2013 in der Schillerstadt Weimar als Intendant wirkt, neben der dramatischen Story en passant noch einen köstlichen Pudels Kern für Kenner.

Denn er hat das Vorspiel auf dem Theater, also des Chemnitzer Theaterdirektors mit Titel „Faust I“ im Mai, genau beobachtet. So wirken die jetzigen Besetzungsparallelen so geistig durchdrungen wie eine eigene Geschichte: Philipp Otto, damals Faust, heuer Walter, liebt Seraina Leuenberger alias Gretchen-Sabeth – ähnlich frisch-forsch-fordernd, quasi unwiderstehlich für Männer in der zweiten Lebenshalbzeit, jetzt nur (als Schweizerin) gebildeter und selbstbewusster – fast an der selben Stelle, nur kürzer und heftiger.

Ottos Walter ist hingegen nun als Technikus wesentlich naiver und ohne jede Vision – jenseits der hypophysischen Gensteuerung. Dabei spielt er – sowohl im Anfangsmonolog als auch zum Schluss – die ganze Verzweiflung über seinen Verlust groß heraus. Auch sonst hat er, für die Ingenieure im Saal, rein logisch meistens Recht.

Wie im „Faust“ ist Dirk Glodde sein würdiger, kühler Gegenpart: Als Herbert muss er nicht hexen oder teuflisch paktieren und strahlt dennoch eine gelassene Souveränität aus, so dass beide Stücke selbst im Rollentausch Otto/Glodde gut vorstellbar wären. Auch Susanne Stein, bei Faust als Gott (sowie Marthe und Hexe) im Einsatz, hier als Jüdin Hanna, die übers kommunistische Ostberlin ins antike Athen gelangt und einst als Elisabeths Mutter ihrem Ex Walter dessen Vaterwerdung aus logischen Gründen verschwieg, ist schlicht eine Optimalbesetzung.

Erst als klar wird, dass sie beide ihr in unterschiedlicher Art geliebtes Kind verlieren werden, offenbart sie ihren Zwiespalt und Walters Verhängnis, nachdem sie ihm gehörig emanzipiert die Leviten las – und zwar noch genauer als im Roman.

Auch Martin Valdeig, hier vor allem Sabeths gehörnter Ex-Freund, war im Faust als Alter Ego und Schüler dabei, nur Magda Decker, hier unter anderen als Ivy die Ex von Walter, war im Mai nicht dabei. Beide überzeugen – und ihnen wird von Weber, der in Chemnitz aufgrund seiner „Dramatischen Brigade“ aus der Vor- bis Wendezeit Kultstatus genießt und erstmals zurückkehrt, auch ein Techtelmechtel via Quickie gegönnt.

Nebenher erzählen Frisch wie Weber (die Spielfassung wird dem ganzen Kollektiv zugeschrieben) in ihrer abstrakt-zeitlosen Liebesgeschichte, die den Eliten unter den heimatlosen Neuzeitnomaden jederzeit passieren kann, ganz sensibel ein Stück europäischer Leidensgeschichte mit, die sich nebenher eingräbt: Herkunft, Religion, vielleicht auch Alter sind völlig (schweinefreie!) Wurst, wenn man sich im babylonischen Sprachgewirr der Liebe findet. Wer im ergriffenen Premierenschlussapplaus noch nicht genug geheult hat, kann das gern nachholen.

Ergriffenen bis begeisterten Applaus gab es auch tags zuvor im etwa 30 Meter westlich der Großen Bühne gelegenen Ostflügel – allerdings aus anderen Gründen. Denn Bogdan Koca schuf mit „Harlequin und Harlequin“ per Uraufführung eine kluge, aber vor allem optisch und spielerisch satte Ode an die klassische Commedia dell’arte als Spiegel der gesellschaftlichen Verlogenheit in allen Zeiten, hier klassisch in Paris verortet und mit bekannten Figuren wie Gerontes (Christian Ruth), dessen Diener Harlequin (Ulrike Euen) und seiner Columbine (Konstantin Weber), deren Herrin Isabella (Marko Bullack).

Der flotte Vierer würde rasch per Doppelhochzeit auf Gerontes Kosten zu Potte kommen, tauchte nicht plötzlich der nichtswissende, aber kampferprobte Zwillingsbruder Harlequins namens Harlequin (Dominik Puhl) aus Italien auf… Sicher keine simple Kost, aber der absolute Gegenentwurf zu Kocas Kafkaspiel „Der Prozess“ (wieder am 28.10. sowie 1. & 4.11.) auf der Kleinen Bühne, das genau heute ersten Geburtstag feiert.

Fazit: Ein Fest für echte Theaterfreunde (und -kenner), bei der alle fünf Spieler überzeugen. So ist die Chemnitzer Wahl der Qual mangels Verlierer keine Qualwahl fürs Publikum.

„Homo faber“ im Schauspielhaus Chemnitz am 21. & 26. Oktober sowie 10. & 19. November und 1. Dezember (je 19.30 Uhr); „Harlequin & Harlequin“am 21. & 26. Oktober sowie 9. & 19. November und 9. Dezember.

www.theater-chemnitz.de

Von Andreas Herrmann

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