Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Google+
„Doktor Faust“ von Ferruccio Busoni nach über 90 Jahre wieder an Dresdner Semperoper

Späte Rückkehr „Doktor Faust“ von Ferruccio Busoni nach über 90 Jahre wieder an Dresdner Semperoper

Ein Faust-Stoff nach ungewöhnlicher Vorlage ist nun wieder zurück an der Semperoper Dresden. 1925 hatte hier das Werk „Doktor Faust“ von Ferruccio Busoni seine Uraufführung. Das „Vorbild“ des Komponisten: ein Puppentheater-Stoff.

Voriger Artikel
Ein torpedierter Herrenabend
Nächster Artikel
DJ Ötzi kommt nach Dresden: Vorverkauf startet am Freitag

Szene aus „Faust“ an der Semperoper

Quelle: Foto: Jochen Quast

Dresden. Wenn sich der Komponist Ferruccio Busoni als Dichter an die Zuschauer richtet, noch bevor in der Neuproduktion der Semperoper der erste Ton seiner 1925 hier uraufgeführten, unvollendeten Oper „Doktor Faust“ erklingt, dann sieht man sechs junge Menschen. Sie lesen. Und sie lesen „Faust“, das jedenfalls müsste nahe liegen, denn auf den Vorhang wird projiziert, wie sich Busoni, der auch den Text zu seiner Oper gedichtet hat, an die Zuschauer wendet: „Von Kind auf hat ein Stück mich hingerissen, darin der Teufel was zu sagen hat“. Dass, „des Kindes Ahnung“ dann im Mann zum Wissen wird, dass Wissen allein aber nicht hilft, „würd’ es nicht Tat“, entfaltet Busoni ausführlich, bevor sein Spiel lebendig wird, in dem er aber weder Goethes „Urfaust“ noch dessen Dichtungen der Teile eins und zwei folgt, sondern einem alten Puppenspiel, und er legt Wert darauf, dass dieser „Puppenursprung“ offenbar sein müsse.

Schon die Dramaturgie dieser „Dichtung für Musik“, deren Text Busoni (geb. 1866 in Empoli bei Florenz, gest. 1924 in Berlin) in wenigen Tagen verfasste, mit deren Komposition er 1916 begann, dann immer wieder unterbrach, veränderte und erweiterte, zeigt an, wie schwer es ihm gefallen sein muss, sich diesem Spiel der Puppen in biografischen Korrespondenzen auszusetzen. Wie beginnen, wie zu einem Ende finden. Zwei Vorspiele braucht der sensible Künstler, ein Intermezzo, bevor als „Hauptspiele“ drei Bilder folgen, von denen das letzte musikalisch unvollendet blieb. Für die Dresdner Uraufführung hatte sein Schüler Philipp Jarmach eine Fassung erstellt. Nach intensiver Arbeit, gründlicher Recherche und Verwendung des hinterlassenen Skizzenmaterials präsentierte der englische Dirigent Antony Beaumont 1984 seine kritische und zu Ende geführte Ausgabe der Partitur, die jetzt in Dresden aufgeführt wird.

Am Pult der Staatskapelle Dresden steht Tomáš Netopil vor keiner so ganz leichten Aufgabe. Wie bringt man eine „unalltägliche, halbreligiöse, dabei anregende und unterhaltsame Zeremonie“, so Busoni, so zum Klingen, dass allzu bedeutungsvolle Beschwörungen des Anliegens nicht zu musikalischen Zeremonien werden. Netopil findet weithin das Maß, um immer wieder, bei aller grüblerischen Nachdenklichkeit der Musik, bei stark melancholisch grundierter, immer aber tonaler Melodik, auch Höhepunkte zu setzen, die sogar Anflüge mitreißender Dramatik vernehmen lassen, etwa die Studentenchöre, das reformatorische Gegeneinander der Katholiken und Protestanten, hier „Te Deum“, da „Ein feste Burg“. Aber mit dem vornehmlich monologisierenden, dabei auch ausufernden und nicht immer spannungsreichen Grundcharakter des Werkes muss man hinkommen. Kommt man auch, vor allem, wenn so vorzüglich musiziert wird mit wachem Klangverständnis für ein grüblerisches und auch recht rätselhaftes Werk in musikalischen Rückbesinnungen des spätromantischen Nachklangs und vorsichtigen Erkundungen anklingender Moderne des letzten Jahrhunderts.

Der Regisseur Keith Warner kommt in seiner Bilderflut, mit der er Faust durch die Zeiten bis in die Gegenwart suchend und irrend entsendet, auch schon mal fast zu ersticken droht, doch immer wieder auf die Vorlage des Puppenspiels zurück und macht vor allem sichtbar, dass der auch tänzerisch bewegliche Mephisto des beeindruckenden Charaktertenors Mark Le Broq als Sehnsuchtsfigur die zweite Seele in der Brust des Baritons Lester Lynch mit seinem immer stärker berührenden Gesang ist.

Dieser Faust ist Gottsucher und Gottverächter zugleich, Mephisto demzufolge ein Satanspriester, ein Spielmeister, einer der töten lässt, wie den wunderbar singenden Sebastian Wartig als Soldat und Bruder des von Faust hier ermordeten Gretchen. Die Kirche, das Gotteshaus, wird zum Schlachthaus. Das Theater, beim Hochzeitsfest in Parma, wenn Faust Manuela Uhl als Herzogin verführt, wird zur Lasterhöhle mit einer Revue von Mordsgeschichten blutrünstiger Paare wie Salome und Jochanaan oder Samson und Dalila.

Auf der Bühne von Tilo Steffens irrt Faust durch ein Labyrinth symmetrisch geordneter massiver Säulen. Hier verändern sich wie von Zauberhand die Orte dieser Reise, die freilich alle schon die Zeichen des Verfalls haben in einer Welt, die sogar einmal auf dem Kopf steht. Da ist begeistertes Staunen angesagt und größte Hochachtung vor den exzellenten Leistungen des technischen Personals der Sächsischen Staatsoper.

Julia Müer hat eine Unzahl prächtiger Kostüme entworfen, wie in Gewittern eines verhängnisvollen Blitzlichtes sind das Gewänder der Antike, des Mittelalters, der Renaissance, die Militanz des ersten Weltkrieges, Eleganz der Verblendung und Ausblendung am Hofe zu Parma etwa im Gegensatz zur Kriegsmaschinerie. Auch Hollywood lässt grüßen, und in einer Parade der „Fäuste“ mag man Ikonen der Wahrheitssuche erkennen, wie etwa Albert Einstein in der Wissenschaft, Andy Warhol in der Kunst und weitere. Auch die Blumenkinder kommen zu ihrem Recht und dies im Gegenüber zu fanatischen Studentenhorden. Und da kommt es in dieser Bebilderungswut dann doch auch zu Erschöpfungen der Regieleistung. Manchmal auch zu regelrechten Kurzschlüssen, wenn natürlich die Erscheinung Helenas für Faust Illusion ist, die geradewegs aus der Haschischpfeife aufsteigt, zu der sich selbstverständlich inzwischen doch sattsam bekannte Muster der Videoillustrationen von Manuel Kolip fügen.

Dass diese Bilder der Massenszenen, immerhin mit großem Chor und weit mehr als 20 weiteren kleineren und kleinsten Solistenrollen, die unsichtbaren kommen noch dazu, doch optisch nicht ohne Reiz sind, vor allem szenisch funktionieren, ist der choreografischen Mitarbeit von Karl Alfred Schreiner im geheimnisvollen Licht von John Bishop zu danken.

Die Figur des Mephisto als Nachtwächter lässt nach drei bilderreichen Stunden faustischer Sinnsuche auf Erlösung hoffen. Aber drei Mal muss er mahnen, um zehn, um elf und endlich dann zur Mitternacht. Dann erst verlässt Faust die Haut seines irdischen Seins, verlässt die „erdeingebissenen Wurzeln“ seiner scheidenden Zeit und wird sich erheben „in die luftig knospende Blüte deines werdenden Seins“.

Keine Frage, der Sänger des Faust, Lester Lynch, findet hier noch einmal berührende Töne, deren direkte Menschlichkeit über die Verkünstelung des Textes und über die sich immer mehr dahin ziehende Stagnation der Musik hinausweist. Und der Regisseur weicht auch bewusst ab von der Vorgabe des Autors. Die Bettlerin, in der Faust die Züge der Herzogin zu erkennen meint, übergibt ihm keinen toten Säugling, und an der Stelle, wo das tote Kind lag, steigt auch kein nackter, halbwüchsiger Jüngling mit blühendem Zeig in der rechten Hand auf, der dann durch den Schnee in die Stadt schreitet. Nein dieser Faust vollbringt wenigstens eine menschliche Tat, er bedeckt das Kind.

Und dann sind wir wohl doch bei Goethe. Gerettet! Denn da sind sie ja wieder, diese hoffnungsvollen jungen Menschen, die den „Faust“ lesen. „Faust“ hilft. Lesen sowieso. Und schon nimmt sich eine dieser jungen Frauen des Kindes an. Wie hatte der zum Nachtwächter mutierte Mephisto gesagt angesichts des am Boden liegenden Faust? „Sollte dieser Mann verunglückt sein?“

Aufführungen: 25.3.; 20. und 23. 4.; 7.5., Semperoper

www.semperoper.de

Von Boris Gruhl

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr