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Distanzierte Gesellschaftssatire: Kabarett im Foyer der Landesbühnen

Distanzierte Gesellschaftssatire: Kabarett im Foyer der Landesbühnen

Im gläsernen Foyer des Stammhauses Radebeul spielen die Landesbühnen Sachsen in dieser Saison im kleineren Rahmen zu Vollmondnächten, Sonntagsvormittagsmatineen oder Liederabenden auf.

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Eine Schauspielerin, acht Frauenfiguren: Anke Teickner.

Quelle: Martin Reißmann

Schauspielerin Anke Teickner holt mit der Premiere von "Du bist nur der Arsch oder leicht ist das Leben" am Freitag nun erstmals auch das kabarettistische Theater ins Glashaus. Das Stück mit dem etwas drastischen Titel erobert in der Regie von Jost-Ingolf Kittel die Landesbühne. Es stammt aus der Feder von Herkuleskeulen-Autor Philipp Schaller und stellt acht verschiedene Frauentypen - von der Hartz IV-Mutti bis hin zur ungeliebten Reichen - vor, die auf schonungslose Weise aus ihrem allzu menschlichen Alltag erzählen.

In Windeseile wechselt Anke Teickner diese Rollen und Typen, bringt von der Bild-Leserreporterin Bärbel in Lederjacke und Basecap bis hin zur frech-vulgären Müllfrau Silvi mit rot-grün gesträhnten Haaren in Leuchtweste gekleidet (Ausstattung: Irina Steiner) viele Facetten auf die Bühne. Davor sitzen die Zuschauer in lockerer Atmosphäre, kabaretttypisch um die kleinen runden Tische gruppiert, die sonst vor den Vorstellungen hier als Treffpunkt dienen. Hin und wieder senkt sich ein Weinglas leise klappernd auf einen der Tische, während Teickner die verschiedenen Frauenfiguren in etwa zehn Minuten langen Auftritten ins Rampenlicht vor die weiße Wand holt.

"Satirisches Theater" lautet die Genrebezeichnung auf dem Programmzettel für diesen Abend. Das Ganze erscheint jedoch ganz klar im Gewand des Kabaretts. Und tatsächlich dürfte die eine oder andere Geschichte gelegentlichen Herkuleskeulenbesuchern im Publikum sogar bekannt vorkommen. Zu den Höhepunkten des Abends gehören ganz sicher die Chirurgin Posselt mit Tropf, Mundschutz und nervösem Augenzucken, die ihren Beruf "in diesem Gesundheitssystem" kaum nüchtern ertragen kann. Auch die sächselnde Hartz IV-Hausfrau Ina in den leuchtpinken Klocks, die nach der Pause mit Lidl-Tüten im Einkaufskorb über ihre diversen Auftritte in Privatfernseh-Reality-Shows schwadroniert, sorgt für Lacher.

Anschießend fällt das Ganze jedoch im Vergleich zum ersten Teil deutlich ab. Viele Pointen wirken schlicht veraltet, sind als gesellschaftlicher Diskussionszündstoff nicht mehr wirklich relevant. Immerhin ist der Überwachungsskandal beim Einkaufsdiscounter Lidl - der obendrein in vier von acht Nummern eine mehr oder weniger tragende Rolle spielt - mittlerweile ganze fünf Jahre alt, auch über die Hartz IV-Reform von Rot-Grün kann so kurz nach der nunmehr dritten Merkel-Wahl wohl kaum noch jemand wirklich herzhaft lachen. Gelingen kann der Kabarett-Abend im Glashaus daher nur dort, wo der Text halbwegs zeitlos bleibt.

Doch hier schließt sich noch ein zweites Problem an, denn dem Kabarett bleibt heute - anders als in der DDR - kaum mehr Raum für spitze Zwischentöne. Das wiederum führt zu ganz anderen Anforderungen an die Kabarettisten, die sich jetzt noch viel weniger auf einen Text und dessen Wirkung verlassen können als damals. Das Gefühl für Stimmungen im Publikum, Situationskomik, Eingehen auf Reaktionen der Zuschauer gehören daher mehr denn je zu einem gelungenen Kabarett dazu. Allerdings fehlt diese Komponente in der Premiere fast völlig.

Anke Teickner bleibt hier - und das kann man ihr als Schauspielerin gar nicht übel nehmen - zu sehr in der Rolle der klassischen Theatermimin verhaftet, wahrt meist die Distanz zum Publikum, sodass ihre Auftritte besonders nach der Pause oft monologisch wirken. Obwohl sie sich engagiert und voller Komik in die verschiedenen Frauenrollen begibt, ist zudem immer spürbar, dass ihr der Text nicht auf den Leib geschrieben wurde.

Insgesamt ist das Stück in sich zu zerklüftet, um Theater zu sein, für ein richtiges Kabarett fehlt es jedoch an Biss. Die nette Atmosphäre im Theaterfoyer kann dabei zwar über so mache Länge hinwegtrösten, trotzdem wünscht man den kommenden (Kabarett-)Produktionen in diesem lauschigen Ambiente noch mehr Treffsicherheit in Bezug auf Genretreue und gesellschaftliche Relevanz, zumal das Motto der aktuellen Landesbühnenspielzeit doch "Empört euch!" lautet.

nächste Aufführungen: 11.10. und 20.10., 21 Uhr; 13.11., 19.30 Uhr, 14.12. und 28.12., 21 Uhr

www.dresden-theater.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 07.10.2013

Nicole Czerwinka

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