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Dietrich Fischer-Dieskau, der wichtigste deutsche Bariton des 20. Jahrhunderts, ist tot

Dietrich Fischer-Dieskau, der wichtigste deutsche Bariton des 20. Jahrhunderts, ist tot

Der Jahrhundertsänger Dietrich Fischer-Dieskau ist tot. Der Bariton starb gestern kurz vor seinem 87. Geburtstag in Berg am Starnberger See. Er machte als Opernsänger, Musikpädagoge und Schriftsteller Karriere.

Untrennbar verbunden mit seinem Namen bleiben vor allem seine Interpretationen von Franz Schuberts "Winterreise".

Dietrich Fischer-Dieskau und Herbert von Karajan treffen sich in 80ern in Berlin. "Verehrter Meister", spricht Fischer-Dieskau Karajan an, "heute Abend dirigiere ich die Matthäus-Passion, möchten Sie nicht kommen?" Der Dirigent überlegt eine Weile und antwortet: "Ach nein, das tut mir leid, heute kann ich nicht. Ich singe die Winterreise."

Darf man einen Nachruf mit einem Witz beginnen? Gewiss. Denn erstens hat Dietrich Fischer-Dieskau sich in der Silvesternacht 1992 als Sänger mit einem Konzert von der Bühne verabschiedet, an dessen Ende die Schlussfuge von Verdis Falstaff stand; ihr Text: Tutto nel mondo è burla, alles auf der Welt ist ein Spaß. Und zweitens: Was könnte Popularität besser dokumentieren, als ein Witz? Denn wer zum Gegenstand eines Witzes wird, hat es ins kollektive Bewusstsein geschafft.

Damit ist Fischer-Dieskau in Deutschland ziemlich allein. Sänger, die zum Mythos wurden, stammten erstens meist aus Italien und waren zweitens Tenöre: Caruso, del Monaco, Pavarotti ... Sie konnten sich auf den Glanz ihrer unvergleichlichen Stimmen verlassen. Der (große) Rest spielt für ihre Unsterblichkeit eine eher untergeordnete Rolle.

Ganz anders Fischer-Dieskau. Er wird nicht als Stimme in Erinnerung bleiben, sondern als Gestalter. Und als der, der das Kunstlied zu neuer Blüte führte, eine Gattung, die nach dem Krieg aus dem Fokus geraten, die als wenig repräsentativ, ein wenig verstaubt, bisweilen tümelnd, allzu subjektiv verschrien war. Und wer sich Lied-Interpretationen der 50er anhört, wird verstehen, wie es zu dieser Einschätzung hatte kommen können: Eitle Sänger suchen da nach wohlfeilen Effekten.

Wie anders Fischer-Dieskau: 1948 sang er zum ersten Mal die Winterreise, den Liederzyklus aller Liederzyklen, für den Rundfunk ein. Bereits 1943 hatte er die 24 Lieder erstmals aufgeführt - im Kriegsgefangenenlager in Italien. Acht Schallplatten-Produktionen sollten folgen, und auch auf der Bühne begleite-ten ihn Franz Schuberts Sublimationen von Wilhelm Müllers für sich genommen keineswegs grandiosen Gedichten bis zum Ende seiner aktiven Laufbahn. Dass sie immer wieder im Mittelpunkt der Lehrtätigkeit eines der einflussreichsten Sängermacher des späten 20. Jahrhunderts standen, versteht sich von selbst.

Fischer-Dieskau hat der Stimme die Poesie zurückgegeben, indem er in der kleinen Form das Allgemeingültige aufspürte und fühlbar machte. In der Winterreise geht es eben nicht um eine konkrete unglückliche Liebe, eine konkrete Wanderschaft, ein konkretes emotionales Erlöschen. All das durchleidet Fischer-Dieskau singend exemplarisch, oft von Gerald Moore am Klavier kongenial begleitet. Jeder Ton, jede Silbe, jeder Atemzug, jede Nuance dient hier einem Ausdruck, der auf die Seele zielt - und Sentimentalitäten scheut wie der Teufel das Weihwasser.

Mit einer solchen Musizierhaltung musste er auch Opern zu mehr Tiefe verhelfen. Darum schrieben ihm die Großen des Jahrhunderts wichtige Partien in die Kehle: Hans Werner Henze etwa oder Aribert Reimann. Und wer einmal seinen Hans Sachs in Wagners Meistersingern gehört hat, 1976 auf Platte gepresst, dirigiert von Eugen Jochum, der wird sich mit jeder anderen Deutung dieser monumentalen Partie schwer tun.

Wie da im Flieder-Monolog Melancholie und Weisheit, Wärme und Tatendrang, Wissen, Ahnen und Fürchten zueinander finden; wie der Festwiesen- Ansprache alles vordergründig Heroische abgeht; wie im Duett mit Beckmesser (Roland Hermann) der Mutterwitz die Oberhand behält, das vibriert so vor Kraft und Wahrhaftigkeit, dass sich Wagners Theater auch ohne Inszenierung vor dem inneren Auge auf großer Bühne ereignet. Mit den realen Bühnen hat Fischer-Dieskau sich ohnehin zunehmend schwer getan: Der gerade in Deutschland die Szenen beherrschenden Regietheater-Doktrin wollte er nicht folgen.

Und so wird das Vermächtnis dieses Jahrhundertsängers - aller schauspielerischen Präsenz zum Trotz - ein vor allem akustisches bleiben. Rund 400 Platten hat er aufgenommen. Lieder, Oratorien, Opern. Diese Aufnahmetätigkeit fiel zusammen mit der goldenen Ära der Schallplatte. In den 60ern, 70ern, 80ern rückte man noch für Opern-Gesamteinspielungen ins Studio ein, während heute meist Aufführungen live mitgenommen werden. Darum sind die damals entstandenen Produktionen bis heute der Maßstab - und werden es, blickt man auf die desolate Situation auch am klassischen Tonträgermarkt, noch lange bleiben. Seit 1981, als Fischer-Dieskau in Leipzig Richard Strauss' Ariadne auf Naxos aufnahm, mit Kurt Masur am Pult, Jessye Norman als Ariadne, Edita Gruberova als Zerbinetta, seiner vierten Frau Julia Varady als Komponist, hat es keine bessere Aufnahme gegeben.

Mit der Staatskapelle Dresden hat der Sänger ebenso musiziert, aus dem Jahr 1958 beispielsweise datiert eine Gesamtaufnahme von Strauss' Rosenkavalier - mit Karl Böhm am Pult; unter Carlos Kleibers Dirigent entstand eine "Tristan und Isolde"-Einspielung, mit Margaret Price, René Kollo, Brigitte Fassbaender und ihm. Und Fischer-Dieskau wurde als Gast der Dresdner Musikfestspiele begrüßt - und frenetisch gefeiert.

Auch nach dem Sänger-Abschied blieb Fischer-Dieskau der Musik treu. Als Festivalmacher, als Autor, der sein ästhetisches Weltbild weiterzutragen versuchte, als Lehrer, der mindestens zwei Sänger-Generationen maßgeblich prägte, als Botschafter eines musikalischen Ernstes, der auf Inhalte setzt, nicht auf wohlfeilen Erfolg.

1999 machten sich in Dresden Enthusiasten daran, eine Reihe "Das Lied in Dresden" ins Leben zu rufen, und konnten sich der Unterstützung durch Fischer-Dieskau sicher sein: Er kam zum ersten Jahrgang, zwar nun als Lesender, mit Hoffmanns "Kreisleriana" im Gepäck. 2009 schrieb er: "Ehe man sich's versieht, sind die ersten zehn Jahre der Reihe vorüber. Sie müssen unbedingt fortgesetzt werden."

Als der deutsche Bariton der Schallplattenära konnte Fischer-Dieskau es nicht verhindern, dass auch die späten Aufnahmen auf den Markt kamen, jene Produktionen, in denen sich die Gestaltung so manieriert vor den Gesang geschoben hatte, dass bisweilen der Eindruck unfreiwilliger Komik entstand. Aber bleiben werden die anderen: sein kompletter Schubert-Zyklus, seine Gesamtaufnahme der Lieder Richard Strauss', sein Sachs, sein Wolfram. Und vielleicht dieser oder jener Witz. Denn die gibt es über jeden Giganten.

Dietrich Fischer-Dieskau wird am 28. Mai 1925 in Berlin geboren. Die Eltern, der Vater Altphilologe, die Mutter Lehrerin, fördern das musikalische Talent, indem sie dem 16-Jährigen eine Gesangsausbildung ermöglichen. Die eigentliche Karriere beginnt im Januar 1948, als er - noch als Student - Schuberts Winterreise für den RIAS singt. Im selben Jahr wird er an die Städtische Oper Berlin verpflichtet. 1949 nimmt er die erste Schallplatte auf: Brahms' Vier ernste Gesänge; er gastiert auf den Opernbühnen in München und Wien. 1952 hat er bei den Bayreuther Festspielen sein Debüt als Wolfram im Tannhäuser. 1962 wirkt Fischer-Dieskau im Rahmen der Einweihung der neuen Kathedrale von Coventry bei der Uraufführung des War Requiem Benjamin Brittens mit. 1949 heiratet Fischer-Dieskau die Cellistin Irmgard Poppen. Sie stirbt 1963 bei der Geburt des dritten Sohns. Es folgten eine kurze Ehe mit der Schauspielerin Ruth Leuwerik (1965-1967) eine dritte Ehe mit Christina Pugel-Schule (1968-1975), der Tochter eines amerikanischen Gesangspädagogen. Seit 1977 ist Fischer-Dieskau mit der Sängerin Julia Varady verheiratet. Seit 1983 lehrt er als Professor an der Hochschule der Künste in Berlin. Am 31. Dezember 1992 beendete er in München mit einer Silvester-Gala seine aktive Karriere als Sänger. Dietrich Fischer-Dieskau stirbt am 18. Mai 2012 in Berg am Starnberger See

r.

Stimmen

Nikolaus Bachler, Intendant der Bayerischen Staatsoper: Der Tod von Dietrich Fischer-Dieskau ist ein großer Verlust für die gesamte Musikwelt. Der heutige Liedgesang wäre ohne die Prägung durch Dietrich Fischer-Dieskau nicht denkbar.

Bernd Neumann, Kulturstaatsminister: Mit seiner Stimme hat er mehr als ein halbes Jahrhundert lang unzählige Menschen in der ganzen Welt in Hunderten von Konzerten und ungezählten Einspielungen tief berührt.

Horst Seehofer, bayerischer Ministerpräsident: Dietrich Fischer-Dieskau wird unvergessen bleiben als der ideale Interpret des deutschen Liedes.

Klaus Staeck, Präsident der Akademie der Künste: Überragend ist seine Bedeutung für das deutsche Lied, aber auch für die neue Musik, und seine Interpretationen der großen Rollen der Operngeschichte haben die Gesangskultur maßgeblich geprägt.

Dominique Meyer, Direktor der Wiener Staatsoper: Mit Dietrich Fischer-Dieskau ist ein einzigartiger Gestalter von uns gegangen, der mehrere Sängergenerationen inspiriert und uns Musikliebhaber stets berührt hat. Als Referenz für glaubhafte musikalische Interpretation von Lied und Oper bleibt er uns erhalten.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.05.2012

Peter Korfmacher/-ße

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