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Die Villa Wigman wird wiederbelebt

Tanz Die Villa Wigman wird wiederbelebt

Die als Bühne der Sächsischen Staatsoper bekannte „kleine szene“ wird schon lange nicht mehr bespielt. Mit einem großen Vorhaben will der Verein Villa Wigman für TANZ e.V. nun die ehemalige Schule von Mary Wigman auf der Bautzner Straße wieder beleben.

Die ehemalige Schule von Mary Wigman.

Quelle: Gabriele Gorgas

Dresden. Mit einem großen Vorhaben will der Verein Villa Wigman für TANZ e.V. die ehemalige Schule von Mary Wigman wieder beleben. Ob dieses, in seiner Konzeption beeindruckende Projekt jedoch auch wirklich in jener Dresdner Villa, Bautzner Straße 107, dem einstigen Zentralinstitut aller Wigman-Schulen, hier 1920 von ihr als Tanzschule begründet und bis 1942 geführt, auch stattfinden kann, steht noch nicht fest. Zwar wird die auch als Bühne der Sächsischen Staatsoper bekannte „kleine szene“ längst nicht mehr bespielt und ist seit Beginn des Jahres auch nicht mehr Probebühne der Oper, aber für mehr als einen „Tag der offenen Tür“ konnte der vor einem Jahr gegründete Verein „Villa Wigman für TANZ eV.“ die Villa noch nicht nutzen.

Mary Wigman und Dresden, Impulse, die von hier aus in die Welt gingen, weitergetragen durch ihre Schüler, kurioserweise bis an den Broadway, denn die Wigman-Schülerin Hanya Holm schuf die Choreografien für die Welterfolge „My Fair Lady“ und „Kiss me Kate“, sollen nun in ihren historischen Kontexten befragt werden. Was bleibt vom Deutschen Ausdruckstanz, was gibt Anregungen für gegenwärtige Tanzästhetik, was ist altbacken oder endlich doch der Gnade des Vergessens zu überlassen, oder was ist an Wigmans Tänzen wirklich geprägt von der „Aggressivität einer kolonialisierenden Nation“, in der sich das „Image Barbarossas, an dem Deutschland noch immer festhält“, zeige, wie die amerikanische Tänzerin und Choreografin Martha Graham 1973 in der New York Times sagte.

Mit dem Tanzarchiv in Leipzig, der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt/Main, der Hochschule für Bildende Kunst in Dresden, dem Institut für Theaterwissenschaft der Universität Leipzig und dem Dachverband Tanz Deutschland als Kooperationspartnern, präsentiert der Verein Villa Wigman für TANZ e.V. ein Projekt in drei Phasen über einen Zeitraum, der bis zum Frühjahr 2018 geplant ist. Unter dem Motto, „Bautzner Straße 107, PAST Present Future“ will man zunächst „das Bewusstsein für den tanzhistorisch bedeutenden Ort und sein pädagogisch-künstlerisches Erbe“ schärfen. Dazu gibt es schon im Juni eine Arbeitstagung und ein Laboratorium. Für einen öffentlichen Vortrag konnte der Verein die renommierte Kölner Tanzhistorikerin Hedwig Müller gewinnen, deren Mary-Wigman-Biografie von 1986 zu den wichtigen Publikationen gehört.

„Vom Pferdestall zum Weltruhm des Tanzes“ lautet das Thema des öffentlichen Vortragn von Hedwig Müller am 25. Juni, 19 Uhr. Interessant dürfte auch ein anschließendes Podium sein, u.a. mit Katharine Sehnert, einer ehemaligen Wigman-Schülerin, und der Dresdner Tänzerin und Choreografin Katja Erfurt als Vorsitzender des Vereins. Darauf folgen noch im Juni Meisterkurse mit der Choreografin Susanne Linke, die auf ihre Erfahrungen der Arbeit mit Mary Wigman zurückgreifen kann, und mit Irene Sieben, die ebenfalls aus eigener Erfahrung auf die „Tänzerischen Übungsstunden“ zu Zeiten Mary Wigmans zurückgehen kann.

In einer zweiten Projektphase, im Herbst dieses Jahres, zeigen Katja Erfurt, Johanna Roggan, Anna Till aus Dresden und Isaac Spencer aus Worcester, Massachusetts, Absolvent der Walnut Hill School und der Juilliard School, Tanzuraufführungen unter dem Motto „Kreis, Dreieck, Chaos – Die Tänze der Mary Wigman heute“, das sind dann – so in der Ankündigung – garantiert keine Rekonstruktionen. Diese Phase des Projektes wird begleitet von einem Fachtag der Darstellenden Künste, hier macht sich besonders Johanna Roggan stark, wenn es um die Arbeitsbedingungen freier Künstler in den neuen Bundesländern geht.

Und in einer geplanten dritten Phase, im Frühjahr 2018, sollen dann sowohl künstlerische als auch pädagogische und tanzpolitische Schlussfolgerungen einer breiten Öffentlichkeit nicht nur in Seminaren und Workshops, sondern vor allem mit Interventionen im Stadtraum von Dresden vorgestellt werden.

Das ist die eine Sache. Eine gute Sache, zweifellos. Aber darüber und bei allem Optimismus der Initiatoren, der Förderer, wie vor allem der Bundeskulturstiftung im Rahmen ihres letztmals aufgelegten Programms „Tanzfonds Erbe“, sollte man endlich auch den Mut zum Blick auf die weniger erfreulichen Seiten der Geschichte haben. Man sollte die Augen nicht verschließen davor, wenn da Dinge zum Vorschein kommen, die mehr als der Zeit geschuldete Schatten auf das Verhalten von Wigman in Nazideutschland werfen. Diese braunen Schatten sollten nicht zuletzt im Hinblick auf Möglichkeiten der Bezüge für die gegenwärtige Tanzszene, natürlich nicht nur in Dresden, erforscht werden, bestenfalls sollten sich auch daraus neue Möglichkeiten zeitgenössischer Tanzformen und Choreografien entwickeln lassen.

Dabei wird die Auseinandersetzung mit den Ikonen des Deutschen Ausdruckstanzes, zu denen Mary Wigman auf jeden Fall zählt, auch in ihren zeitgeschichtlichen Einbindungen und vor allem im Hinblick auf ihre „Verbeugung vor dem nationalsozialistischen Trend“, so Walter Sorell 1986 noch in aller Vorsicht formulierend, in „Mary Wigman – Ein Vermächtnis“, unvermeidbar sein. Und vor allem, im gegenwärtigen Kontext von Diskussionen um Kunst und nationales Bewusstsein müsste es spannend sein zu erforschen, wie sich verbale Bekenntnisse, etwa in Wigmans Vorwort zu ihrem Buch „Deutsche Tanzkunst“ von 1935, in dem sie vom „Anruf des Blutes“ spricht und die Fragen stellt „Was ist deutsch? Worin liegt das Ureigentliche deutscher Kunst beschlossen?“, als existenziell bedingte oder aus Überzeugung gemachte Äußerungen handelt.

PS: Eine andere Frage stellt sich noch: Warum gibt es bislang, jedenfalls in der Präsentation dieses weit geplanten Projektes, keinen Hinweis auf Kooperationen oder Zusammenarbeit mit der Dresdner Hochschule für Tanz, immerhin war Grat Palucca, nach der die Hochschule benannt ist, Schülerin von Mary Wigman.

www.villa-wigman.de

Von Boris Gruhl

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