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Die Uraufführung "Ja, ich will!" der Bürgerbühne im Kleinen Haus in Dresden spiegelt das Eheleben

Die Uraufführung "Ja, ich will!" der Bürgerbühne im Kleinen Haus in Dresden spiegelt das Eheleben

Fünfzig Alteingesessene oder Neubürger aus Dresden und Umgebung hatten Lust darauf, sich mit Erfahrungen und Geschichten aus dem Eheleben in das Projekt der Bürgerbühne einzubringen, das unter dem euphorischen Prämisse "Ja, ich will!" stand.

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Euloge Gedeon Zodeougan (Herr Kondor) und Barbara Hogan (Frau Adler).

Ausgewählt wurden 14 meist nicht mehr ganz junge Frauen und Männer, die irgendwann oder sogar mehrfach offiziell besagen Satz über die Lippen brachten (oder auch nur ein standesamtliches Ja). Das wird am Ende ebensowenig aufgeklärt wie die Häufigkeit des Beischlafs bei diesem oder jenem Paar oder die speziellen Rücksichten, die zu nehmen sind, wenn einer der Partner Rollstuhlfahrer ist. Man hätte natürlich unter gut 500 000 Einwohnern auch ganz andere Beispiele finden können, wäre aber doch auf ein irgendwie ähnliches Ergebnis gekommen, auch wenn es dabei gar nicht um Statistik geht. Schon gar nicht um die Verklärung der Familie als Keimzelle der Gesellschaft.

Auch wenn das Bühnenbild von Judith Kästner einen paradiesischen Garten mit tragenden Apfelbäumchen, ganz viel Grün und einem niedrigen Himmelsblau unter das Dach des Kleinen Hauses zaubert: Heile Welt ist das nicht. Zumeist sind es eher ein wenig traurige Biografien, die da, garniert von heiteren Episoden, witzigen Anekdoten und pfiffigen Abrechnungen öffentlich werden - ohne Raum zu geben für Klatsch und bitterböse Nachrede.

Herr Pirol (Dietmar Bombach) war in seinem Leben fast 700 000 Kilometer mit den unterschiedlichsten Verkehrsmitteln unterwegs, die Hälfte davon mit seiner Frau. Die aber hat keine Zeit, an dem Abend mitzuwirken, weil sie im Unterschied zu ihrem Mann noch voll im Geschäftsleben steht. Frau Täubchen (Dagmar Michel) hat ausgerechnet, dass sie 3400 Mal Staub saugte, 600 Mal Betten bezog und ihm 4100 Mal die Schuhe putzte, bis sie genug davon hatte. Für Herrn und Frau Schwan (Annekatrin und Hagen Bruder) genügte eine dreistündige Zugfahrt, um herauszufinden, dass sie füreinander bestimmt waren, aber obgleich sie schwören, dass es ihnen in 25 Jahren nie langweilig geworden ist, scheint ihr Leben nicht mehr so aufregend wie damals. Weil aber die Scheidungsquote dem gesellschaftlichen Durchschnitt entspricht und das Leben sonst, wenn es hart und ungerecht ist, auch mehr Lehren austeilt, erscheinen die meisten Lebenswege auch besonders. Überraschend, vom Zufall geprägt, skurril, verschlungen, grenzüberschreitend, voller Enttäuschungen, durch wenige Glücksmomente erhellt. Die Liebe auf den ersten Blick kommt manchmal nie, manchmal auch auf Annonce oder Scheinehenanbahnung. Manchmal hält sie über den Tod hinaus, manchmal fragt man sich, ob sie überhaupt echt war, wenn sie so leicht an Äußerlichkeiten zerbricht.

Macht das schon eine Geschichte? Eigentlich nicht, aber Lissa Lehmenkühler hat die Erzählungen der Mitspieler so aufgeschrieben, dass sich schon ein innerer Zusammenhang ergibt, und Miriam Tscholl hat mit so viel Sinn für theatralische Unterhaltung inszeniert, dass der Eindruck einer Therapiegruppe nicht im entferntesten aufkommt. Vielmehr wird hier vor allem geschauspielert, anfangs manchmal ein bisschen bemüht, aber wenn dann das eigene Erleben heftig auf die Entwürfe und Erfahrungen der anderen trifft, bringt der Wunsch, darauf zu reagieren, offenbar die meisten so in Fahrt, dass sie beinahe vergessen, dass sie sich auf einer Bühne und ob sie sich gerade in ihrer eigenen oder einer fremden Geschichte befinden. Denn man muss sich ja ständig gegenseitig aushelfen, wenn die einst besser geglaubte Hälfte unwiderruflich weg ist. Vor allem die am wenigsten vom Schicksal Begünstigten sind es, die gegen Vorurteile, Hemmungen, Minderwertigkeitsgefühle ankämpfen und auch heute noch bereit sind oder wären, einen neuen Anfang zu wagen.

Gegen die ernüchternde Erfahrung, dass noch immer viele Beziehungen vom Machismo bestimmt werden, setzt das Regieteam das Prinzip von Gleichwertigkeit und Vertrauen, wie es angeblich die Weißkopfseeadler erproben, indem sie sich mit den Fängen verkrallt vom Himmel stürzen und erst im letzten Moment mit ihren Schwingen auffangen. Wäre so etwas dem Märchenprinzen zuzutrauen, den der 23-jähriger Michael Sommer mit naivem Selbstbewusstsein und in einem Aufputz aus fernen Zeiten (Kostüme: Belén Montoliú Garcia) auf die Bühne bringt? Das Leben respektive ein echter Prinz (aus Benin) weist ihn, überraschend für alle, in die Schranken. Der selber mit drei Frauen weniger, mit fünf Kindern dafür um so mehr Gesegnete wirft dem märchenhaft Unerfahrenen vor, er sei am Unglück der vielen Frauen schuld, denen er im Traum als Ideal erscheine und völlig falsche Hoffnungen wecke. Seine Erfahrung ende schon vor der Hochzeitsnacht, ruft Euloge Gedeon Zodeougan aus, der im übrigen auch wunderbar in seiner Landessprache singen kann, hier aber der Einfachheit halber und gar nicht zu diesem Talent passend Herr Kondor genannt wird.

Auch der verallgemeinernde Vergleich des oft unverhofften Glücks mit dem von Papagena und Papageno taugt nur bedingt, handelt es sich doch bei letzterem um einen Vogelfänger, also gerade die Profession, von der man sich hier emanzipieren möchte. Aber das nimmt dem Unternehmen weder den Charme noch tut es der wachsenden Begeisterung auf beiden Seiten Abbruch. Tomas Petzold

nächste Aufführungen: 20.6. (evtl. Restkarten) und 1.7. im Kleinen Haus 3

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.06.2012

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