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„Die Tortenkiller“ am Dresdner Boulevardtheater

Stimmungsvolle Show „Die Tortenkiller“ am Dresdner Boulevardtheater

Männer werden Frauen. Und wie. „Die Tortenkiller“ sind im Dresdner Boulevardtheater nicht nur eine Hommage an das weibliche Geschlecht. Sie sind auch eine fetzige Show.

Die Tortenkiller: Liliane (Andreas Köhler), Marie (Manuel Krstanovic) und Ottilie (Michael Kuhn, v.l.).

Quelle: Robert Jentzsch

Dresden.  Laurel & Hardy taten es, die Marx-Brothers auch, ebenso Jerry Lewis: sich eine Tortenschlacht liefern. Im Film „Das große Rennen rund um die Welt“ schafft es Tony Curtis vier Minuten lang, in der größten Tortenschlacht der Filmgeschichte unbehelligt zu bleiben, während eine ganze Zuckerbäckerei mit fliegenden Sahnebomben zugekleistert wird. Aber dann muss auch er dran glauben. War das alles eine große Gaudi, ganz und gar freiwillig, so waren Bill Gates, König Carl XVI. von Schweden und Sahra Wagenknecht, die Eisprinzessin der Linken, oder auch der Philosoph Bernard-Henri Lévy eher weniger entzückt, dass sie sich schon die Sahne aus dem Gesicht wischen mussten (Letzterer bereits sieben Mal), weil ein selbsternannter Racheengel glaubte, diese alte Kulturtechnik anwenden zu müssen.

Auch in dem Stück „Tortenkiller“, das am Sonntag, also zwei Tage nach Ende der Fastenzeit, am Dresdner Boulevardtheater Premiere hatte, landet eine Torte in einem Antlitz. Wobei Katharina Eirich das Grundnahrungsmittel älterer Damen streng genommen nicht ins Gesicht geworfen, sondern gedrückt wird. Eirich hat überhaupt die undankbarste Rolle in dem Stück, wird sie doch nicht nur getortet, sondern muss eine erst mal ziemlich hässliche nervtötende Zicke namens Cordula Mathilde Metzer spielen, die glaubt, das altehrwürdige Café Muckefuck, das an sich gut läuft, aufmotzen zu müssen – was dann zunächst mal in der Pleite endet, weil die Stammkundschaft wegbleibt.

Die Rolle der Heldinnen und Sympathieträgerinnen fällt drei Frauen zu: Liliane, Ottilie, und Christel-Marie, wobei die reifen Früchtchen bzw. hüftgoldenen Tortenkillerinnen von den größten Verehrern der Weiblichkeit verkörpert werden, also Männern. Andreas Köhler, Michael Kuhn und Manuel Krstanovic werfen sich in feminine Schale (ein Extralob gebührt an dieser Stelle Kostüm und Maske, also Michael Wolf und Christine Palme), reißen sicher über die Bühne stöckelnd Witze übers Alter und Diäten. An der Seite des Trios Infersahneale agiert neben Katharina Eirich noch Christopher Busse als hausmeistelnder Student Felix Fleischer.

Regie führte Olaf Becker, der als oberster Tortentainer auf Zutaten setzt, die sich bewährt haben im Boulevardtheater: freche Sprüche, gerne auch der Marke tortensüßer Dirtytalk, und flotte Lieder en masse. Die Handlung ist eher dünn. Die implantierte Liebesgeschichte zwischen Cordula Mathilde und Felix hat das vorhersehbare, aber wenig plausible Happy End, aber das ändert nichts daran, dass die Inszenierung eine tortenrunde Sache ist, die nicht nur jenen munden sollten, bei denen schon der Anblick einer Schwarzwälderkirschtorte ausreicht, dass ihnen die (Zahn-)Prothese tropft.

Während nun Marius Müller Westernhagen noch einst sang „Ich bin froh / Dass ich kein Dicker bin / Denn Dicksein ist ’ne Quälerei“, so ist diese zwischen Buttercremetorte und Bienenstich angesiedelte Show in aller Unschuld ein Loblied auf die sahne- und entsprechend kalorienreichen Freuden des Lebens. Und die Freundschaft natürlich, wobei vor allem Liliane und Ottilie zwar einander stichelnde, aber letztlich innig verbundene „Seelenlesben“ sind. Die Zahl der Plattitüden à la „Jeder Mensch hat eine liebenswerte Seite“ hält sich in Grenzen, das Gros der Gags ist nicht von schlechten Eltern. Gelegentlich wird es politisch („Ich weiß nicht, ob ich schon bereit für einen Mann als Bundeskanzlerin bin“), mal sogar inkorrekt, etwa wenn Manuel Krstanovic als aus Kroatien stammende Christel-Marie Popovic mit apartem slawischen „Akzänt“ darüber aufgeklärt, dass es man statt „Zigeuner“ doch besser „Rotations-Europäer“ sagt. Und prüde sollte man als Besucher definitiv nicht sein, denn mal funktioniert Andreas Köhler als nicht nur sahne-, sondern auch mannstolle Liliane einen rosa Dildo zum Mikrofon um, um sich das Teil am Ende dann tief in den Schlund zu stecken, mal räumt Ottilie in all ihrer angejahrten Rubensfigurhaftigkeit ein: „Einen BH brauche ich eigentlich gar nicht, passt alles bequem in einen Schlüpfer.“

Einmal wird es allerdings richtig ernst, herrscht Schockstarre und Totenstille im Saal. Als Ottilie umkippt und erklärt, das sei eine Nebenwirkung der Chemotherapie. Nun ist das Thema Krebs ja ein echter Stimmungskiller, aber Regisseur Becker, der so frei ist, nicht nur auf Klamauk zu setzen, was ihm hoch anzurechnen ist, kriegt die Kurve stimmungstechnisch umgehend wieder – auch dadurch, dass das Textbuch für Ottilie einen Satz wie „Ich hätte nicht gedacht, dass ich es so faustdick hinter den Ohren habe“ vorsieht. Bitterböser makabrer Humor, gewiss, aber „Tumor ist, wenn man trotzdem lacht“, wie vielleicht nicht alle, aber doch viele unterschreiben können, die schon mal krebskrank waren.

Hinreißend ist nicht zuletzt mal wieder der Einsatz der Lieder, wobei das Spektrum von der Gruppe Showaddywaddy über Whitney Houston und Lady Gaga bis hin zu Helene Fischer reicht, womit die Helenisierung des Abendlandes nun auch das Boulevardtheater erreicht hätte. Am meisten belacht wurde die Holzmichl-Adaption „Lebt denn die alte Wuchtbrumme noch?“ und eine Darbietung des Liedes vom Kleinen Trompeter, die einem früher zu DDR-Zeiten eine Aussprache vorm FDJ-Ausschuss eingebracht hätte. Natürlich fehlt auch der Klassiker aller Tortenfans nicht: Udo Jürgens’ „Aber bitte mit Sahne“.

nächste Vorstellungen: 18.4. & 23.4 bis 3.5.

Karten ab 12,80 Euro unter: (0351) 26 35 35 26

www.boulevardtheater.de

Von Christian Ruf

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