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Die Studentenbühne der TU Dresden lädt zum 60. Geburtstag

Feierakt mit Zukunftsblick Die Studentenbühne der TU Dresden lädt zum 60. Geburtstag

Wäre „die bühne“, wie sich das Studententheater der TU Dresden nennt, eine DDR-Oma, dürfte sie jetzt in Rente gehen. 1956 wurde sie als Dramatischer Zirkel der Germanisten der damaligen Technischen Hochschule gegründet. Ans Aufhören denkt keiner, jetzt wird erst einmal das Jubiläum gefeiert: mit Reden und natürlich Theater.

Vereinschef Felix Tritschler (l.) und sein künstlerischer Leiter Matthias Spaniel freuen sich auf das Festwochenende ihrer 60-jährigen TU-Studentenbühne

Desden. Wäre „die bühne“, wie sich das Studententheater der TU Dresden nennt, eine DDR-Oma, dürfte sie jetzt in Rente gehen. Doch obwohl sie 1956 als Dramatischer Zirkel der Germanisten der damaligen Technischen Hochschule gegründet wurde, darf sie das nicht. Doch daran hat nicht nur das Frühableben des einstigen Heimatlandes just zum 33. Bühnengeburtstag schuld.

Die weiteren Gründe, das quicklebendige Erreichen der sechsten Dekade mit rund 350 verschiedenen Inszenierungen mit einem ausgiebigen Festwochenende zu feiern, erläutern am Freitag ab 18 Uhr garantiert die zumeist jüngeren Ehrengäste, so die linke Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch, die sozialdemokratische Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange und der exzellente TU-Rektor Hans Müller-Steinhagen. Sicher mit vielen Reminiszenzen und Blicken auf die Vergangenheit, aber auch in die nahe und mittlere Zukunft: Einerseits wird sofort nach dem Festakt mit zwei Premieren (beide ausverkauft) von fünf größeren der damit eröffneten Spielzeit der aktuelle Zustand künstlerisch dokumentiert, zum anderen wird TU-Kanzler Andreas Handschuh sicher eine Änderung im Vertragsverhältnis als Wertschätzung erläutern.

Denn zum 1. Januar 2017, so der Plan, erfährt der dahinterstehende Verein dahingehend eine Aufwertung, als dass es nicht mehr den Umweg über eine Fakultät geben soll, wo der aktuelle Bühnenchef mit einer halben Stelle, die immer nur von Oktober bis Juni reicht, angestellt wird. Künftig stellt die TU-Verwaltung – so wie bei den meisten Kulturgruppen – direkt die Mittel, über die genaue Ausgestaltung wird derweil noch verhandelt.

Matthias Spaniel, seit zwei Jahren der zwölfte Künstlerische Leiter der Geschichte, steht bereit und bekennt sein Interesse: „Klar tut der Bühne steter Wechsel gut, aber zumindest bis Sommer 2018 würde ich schon gern den eingeschlagenen Weg weiter beschreiten“. Der Platz in der neuen Ahnengalerie – eigens zum Jubiläum im Netz eingerichtet (https://60jahre.die-buehne.tu-dresden.de/was-bisher-geschah/die-kls/) – ist begehrt: Über einhundert Kandidaten hatten sich damals auf seinen Posten beworben, die Auswahlkommission befasste sich ausführlich mit den besten zehn: „Ich habe nie ein professionelleres Bewerbungsverfahren erlebt“, schmunzelt Spaniel heute. Und aus früheren Zeiten wird kolportiert, dass selbst ausgewachsene Oberspielleiter mit Ambitionen zum Stadttheaterintendanten unter den Kandidaten waren.

Doch Gerüchte und Namen sind heuer Schall und Rauch, Spaniel freut sich lieber auf seine beiden direkten Vorgänger, die der Bühne einen neuen – sagen wir Hildesheimer Drall – gaben: oft weg von der klassischen Inszenierung, mehr hin zur Performance, was nicht nur eine Öffnung zu neuen Kooperationen und Spielstätten ermöglicht, sondern auch den Studenten die nötigen Kompetenzen fürs dritte Jahrtausend vermittelt: immer improvisieren und stets flexibel bleiben, nie verweilen oder festhalten. Carola Unser (ab 2008) und Andreas Mihan (ab 2011) könnten dazu am Wochenende leibhaftig befragt werden – und nach der Wichtigkeit der Bühnenjahre in der Vita.

Gekommen, um zu spielen

Auch Vereinschef Felix Tritschler, seit acht Jahren dabei, davon vier im Vorstand, gebürtiger Badener Jahrgang 1987, wird beim Akt reden und auf das lebendige Konstrukt eingehen, was sich vor allem nach der Wende entwickelte: „Erst in Vereinszeiten gab es ein echtes Repertoire, die Mehrzahl der Inszenierungen entstand in den jüngsten zweieinhalb Jahrzehnten“, betont der Hydrologe, der derzeit an der TU promoviert und schon bei der Wahl des Studienortes anno 2008 „die bühne“ im Blick hatte. Er ist der dienstälteste aktive „Bühni“ und als Schatzmeister Kenner der Materie. Er weiß um die Zahlen und die aktiven Mitglieder: 75 sind es derweil, dazu kommen noch je rund 20 passive und 20 außerordentliche. Dabei zahlen die Aktiven 25 Euro Beitrag pro Quartal, in dem gespielt wird – oder sie leisten bis zu fünf Abenddienste, die zwar nur fünf Euro wert wären, aber drei bis vier Stunden dauern. Ausnahme sind jene Quartale, in denen sie selbst auf der Bühne stehen. Der Weg auf die Bühne führt dann über einzelne Bewerbungsworkshops.

Klemperer als Vorbild

Tritschler erlebte so auch den Umbau in der Unser-Ära, als der Victor-Klemperer-Hörsaal, auf dessen Bühne „die bühne“ sich eingerichtet hatte, baulich getrennt wurde. Heute ist er einer der modernen großen der TU – und als Prüfungsraum nicht nur beliebt. Der damals versprochene Nutzwert, also einfach mehr proben zu können, ist nicht ganz uneingeschränkt: „Laut und mit Bässen würden wir schon stören“, meint Tritschler heute, ist aber viel zu diplomatisch, um den Verlust des Flairs zu teilen, den ältere Semester empfinden, wenn sie wehmütig an alte Aufführungen denken, die durch den Saal und auf die Empore tobten und wo ein schlichter Vorhang Klaustrophobe beruhigte.

Den mählichen Wandel durch den für die europäische Industrielobby genial verlaufenen Bologna-Prozess, aufgrund dessen heutige Studenten sowohl auf echte universitäre Bildung, lockere Persönlichkeitsfindung dank Freizeit und – als Bachelor – auf die Hälfte des Gehalts verzichten müssen, hat er jedoch verfolgen dürfen: „Die echten Bühnenkarrieren, bei denen sich die Studenten im Laufe des Studiums noch umentschieden und auf die Künstlerlaufbahn wechseln, sind schon seltener geworden.“

Vermutlich wird das – bei Klassentreffen dieser Art üblich – großes Gesprächsthema werden: Wer ist was geworden? Dazu dient – wie schon beim 40., als Klaus-Peter Fischer noch Chef war und Manuel Schöbel inszenierte (beide sind für Freitag angekündigt) – eine exorbitante Festschrift, die erst am Freitag frisch aus der Druckpresse kommen wird. 44 Seiten neuer Geschichte, in denen zwei Sachen nicht stehen dürften: Jan Liefers, der damals noch ohne Josef auskam, spielte hier schon mit 14 Jahren mal mit. Und Matthias Spaniel bekam kürzlich bei einem Kongress deutscher Amateurtheater ein Dokument „zugespielt“: Den Ausweis der Zulassung durch das Schulamt Dresden, dass „die Studentenbühne Dresden für die städt. höheren Schulen und die Untersekunden zugelassen und die Klassen der Obersekunde an empfohlen, für Volks- und Berufsschulen dagegen abgelehnt“ wird. Dabei sei für zehn Prozent der Schüler und für führende Lehrkräfte freier Eintritt zu gewähren.

Der Stücktitel hieß „Die einsame Tat“, Untertitel war „Ein Stück um den Studenten Sand“, der Autor Sigmund Graff – „übelste Propaganda“, so Tritschler und Spaniel unisono. Denn die Premiere war am 18. Mai 1933 im Residenztheater. Das ergäbe zwar neue Feier- und Historieoptionen, müsste aber erstmal richtig untersucht werden. „Auch das Uni-Archiv war überrascht“, erklärt Spaniel den Fund und hofft nun auf baldige Hilfe der hauseigenen Historiker. „Ich gehe aber davon aus, dass Köln die älteste deutsche Studentenbühne bleibt.“ Diese fing schon Ende der Zwanziger an.

Außerdem lenkt diese Debatte von akuter Kunst ab. Die wird per Kafkas „Die Verwandlung“ und der Eröffnung der Trilogie „Der Amateur“ als Stückentwicklung in Regie von Andreas Mihan geboten. In der ersten Folge geht es um den Schauspieler. Es werden folgen: Regisseur und Zuschauer. Zuvor aber könnte man vielleicht beim Lauschen der Festreden über die neue Sachlage und gängige Herrschaftssprache nachdenken – und warum der TU-Bau am Weberplatz, schlicht Web genannt, immer noch namenlos ist.

Jubiläumswochenende vom 21. bis 23. Oktober; Festakt am Freitag 18 Uhr.

www.die-buehne.tu-dresden.de/
Alles zur Geschichte: www.60jahre.die-buehne.tu-dresden.de

Von Andreas Herrmann

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