Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
Google+
Die Stadtgalerie Radebeul zeigt Malerei von Frank Panse

Zum 75. Geburtstag Die Stadtgalerie Radebeul zeigt Malerei von Frank Panse

Er wendet sich immer gegen die Taubheit des menschlichen Geistes, gegen Gleichgültigkeit und entwirft sinnlich poetische Gegenwelten: der Künstler Frank Panse. Die Stadtgalerie Radebeul widmet ihm eine beachtliche Ausstellung.

Frank Panse

Quelle: Karin Baum

Radebeul. Die Stadtgalerie Radebeul zeigt gegenwärtig anlässlich seines 75. Geburtstages eine repräsentative Auswahl von Malerei auf Leinwand und Papier von Frank Panse. Er ist ein leidenschaftlicher Sinnsucher, der dem emsigen Treiben um sich herum sehr kritisch gegenübersteht und den Verlust an Kultur im Umgang miteinander beklagt, den Verlust von Kultur, die Welt mit Freude zu den durchdringen, den Verlust an menschenwürdigen Visionen, am lustvollen Umgang mit der Kraft von Bildern, den Verlust an Kunst im Alltag, den Verlust an Idealismus. Ein akribisches Studium naturhafter Gegebenheiten schulte zu Beginn seiner künstlerischen Entwicklung den Blick für grundlegende Formen. Anfangs stand Panse ganz unter dem Einfluss der für das Dresdner Mikroklima so typischen Maltradition pastoser, erdig-monochromer Farbvaleurs. Es entstanden Landschaften und Stilleben. Diese Episode war notwendig, um einfühlsam und mit Bedacht den Alltag abzutasten und das löste in letzter Konsequenz einen kraftvollen, expressiven Grundgestus in der Malerei aus, der im Sächsischen ebenfalls verwurzelt ist. Freie malerische Improvisationen – ein poetisch erzählerischer Extrakt von märchenhaft gestimmten Szenerien und ornamentalen Strukturen – kündeten von einer Rebellion gegen ein nahezu unüberschaubares Koordinatensystem gesellschaftlicher Abhängigkeiten.

Der Abstraktionsgrad erhöhte sich. Frank Panse unterwarf sich allerdings niemals einem Stildiktat. Von daher unabhängig und selbstbestimmt, ist seine Kunst das Ergebnis eines still und hartnäckig, durch Erfahrung, erarbeiteten Menschenbildes. Vor einigen Jahren dominierte noch das formal Ungewisse, Zurückgenommene als Zeichen von Wandlung, Entwicklung und Sehnsucht nach Beständigkeit im Nirwana der Alternativlosigkeiten. Dahinter steckt sicherlich die alte Sinnfrage nach dem „Woher?“ und „Wohin?“. Panses Bilder sind „hochprozentige Konzentrate“ verschiedenster Bildfassungen, die Schicht um Schicht übereinanderliegen, deren Linien- und Farbreichtum in seismographischen Schwingungen ein reiches Seelenleben widerspiegeln. Es könnte dem Zeitpunkt, an dem der Pinsel aus der Hand gelegt wurde, unter gewissen Umständen, ein Wieder-In-Angriff-Nehmen folgen, um zum wiederholten Male das Erlebnis der widersprüchlichen Außenwelt mit Hilfe einer ekstatischen Innenschau magisch zu bannen. Die politischen Veränderungen in Deutschland, nach der „Wende“, zogen auch künstlerische Veränderungen nach sich: Farbe kam ins Spiel und die Auseinandersetzung mit dem literarischen Werk von Heiner Müller und Charles Bukowski gewann an Bedeutung. Besonders nachhaltig hat sich eine Reise nach Mexiko auf die Arbeit von Frank Panse ausgeübt, mit der er sich 1996 einen Jugendtraum erfüllte. Das Erlebnis einer fremden Kultur, in der zwar die Errungenschaften der Zivilisation tiefe Spuren gegraben haben, aber dennoch archaische Riten und Mythen lebendig sind und elementaren Naturerscheinungen religiöse Verehrung zukommt, löste in ihm eine ungeheure Schaffenswut aus. Mit kraftvollen Pinselduktus und lodernden Farben schrieb sich der Künstler die Erfahrung eines ekstatischen Lebensgefühls von der Seele. Das Bild an sich avancierte zu einem Gewebe flächenfarbig wirbelnder, vor- und zurücktretender Lichtschleier, das von schwarzen, zuckenden Linien überzogen ist. Figürliche Elemente, symbolhafte Masken, magische Zeichen, Symbole für Wasser und Haus schwangen immer mit im Rhythmus der Bildelemente, im wogenden Meer von Abstraktionen. Schicht um Schicht spiegelten die Arbeiten Erlebtes wieder, ohne den Faden zur gegenwärtigen Alltagsbewältigung zu verlieren. Panse wurde durch die Mexiko-Erfahrung auf jeden Fall bewusster, was uns fehlt: Zeit, Genussfähigkeit, Bereitschaft zur Nähe, produktive Neugier dem Fremden gegenüber und die gewisse, vielbeschriebene, Leichtigkeit des Seins. Einen weiteren Lebenstraum erfüllte sich Frank Panse 1993, als er in Mutzschwitz ein verfallenes Bauernhaus mit Scheune erwarb und diesen Landsitz liebevoll restaurierte, um in dieser paradiesischen Einsiedelei seiner Bilderflut Herr zu werden.

Seine Arbeiten leben von eigenwilligen, expressiv überzeichneten mitunter sogar konkreten Figurenkonstellationen. Er sammelt irrationale Lebensaugenblicke und fügt sie wie ein „Puzzle“ zu einem „teatrum mundi“ besonderer Ausdruckskraft und Poesie zusammen. Er sammelt Strandgut, das unser armseliges Vergessen und Verdrängen entlarvt. Manches wirkt expressiv gestisch, anderes spröde oder meditativ. Er kann und will nicht gleichgültig sein und muss deshalb figürlich lesbar bleiben, manchmal nur in der Andeutung, in einer Ahnung, die sich auf den Betrachter überträgt. Die Angst vor der Leere, die sich mit seinen Bildwerken mitunter verbindet, offenbart die Angst, sprachlos zu bleiben. Auf seine Weise entwirft er ein Panorama menschlicher Verstrickungen und Abhängigkeiten, ekstatischer Sehnsucht nach Geborgenheit und Verständigung. Und er schaut auch in die Abgründe der menschlichen Psyche, wobei melancholische Gestimmtheiten nicht apathische Zustände widerspiegeln, sondern ein persönliches Aufarbeiten von Erinnerungen und ein Resümieren. Die Dämonie des Alltags, die Last der Wiederholungen wird ebenso beschrieben, wie die Möglichkeit fort zu segeln zu neuen Ufern. Als kritischer wie feinfühliger Beobachter des Zeitgeschehens bestimmt er in seinem Bilderkaleidoskop seine Position in unserer Welt als Menschensucher. Er weiß, dass es sich lohnt sich mit ihnen zu sein, mit Bacon, Tapies, de Koningk, Rembrandt und van Gogh. Himmel und Erde sind sich nah im Wirr- und Drangsal formaler Verstrickungen. Und es ist eine beruhigende Gewissheit, dass die Entfremdung des Menschen vom Menschen sequenzweise ausgesetzt werden kann – nämlich mit Kunst, die berührt, die die Betrachter zu sich selbst zurückfinden lässt. Mit manchen unvollendeten Bildern umgibt er sich ein Jahr, bis der Funke wieder überspringt. Schwarz umschließt, kreist ein, lässt Farben kostbar aufleuchten wie ein geheimnisvolles Orakel: Rot, Türkisblau, Sonnengelb, Rose. Eine gleißende Farbenpracht umschmeichelt Zeichen, die lesbar sind: Köpfe, Kreuzformen, Landschaften, märchenhafte Stimmungen, die schwindelerregende Tiefen und Höhen auslotet. Manchmal glaubt man einem kleinen Welttheater gegenüberzustehen, mit all seinen unermesslichen Komödien und Tragödien. „Wohin gehst Du, Adam?!“

Irgendwann hat er, geboren 1942, Zittau verlassen und studierte in Dresden Theatermalerei. 1971, mit dem Diplom in der Tasche, begann er seine Spur als bildender Künstler zu ziehen. Es war ein steiniger Weg. Im Winter entstehen viele kleinformatige Gouachen in berauschender Leichtigkeit. Dann fallen dem Künstler Geschichten zu. Er fragt nach dem Wohin und lebt seinen Spieltrieb aus, erinnert sich an Reisen nach Südfrankreich oder huldigt Tarkowski, Miro oder Heiner Müller und Max Ernst. Er wendet sich immer gegen die Taubheit des menschlichen Geistes, gegen Gleichgültigkeit und entwirft sinnlich poetische Gegenwelten. Die versteckten Geschichten vermitteln mitunter einen verschwörerischen Gleichklang mit den ewigen Geheimnissen des Universums und sprechen somit eine Einladung zum Phantasieren aus, an einem Ort, geschützt vor der Zeit und dem Grau des Alltags. Frank Panse ist Maler. Farbe ist das Abenteuer, das er wagt und selbstbewusst öffentlich vertritt.

Stadtgalerie Radebeul, Altkötzschenbroda 21, 01445 Radebeul, geöffnet Dienstag bis Donnerstag und Sonntag 14-18 Uhr. Ausstellung bis 7. Mai 2017, am 5. Mai 2017, um 19.30 Uhr Finissage mit Wein, Gesprächen, Musik und einer Lesung von Frank Panse, der eigene Texte und Gedichte vorträgt

Von Karin Weber

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr