Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 10 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Die Liebe zum Chanson ist keine flüchtige Affäre - Götz Alsmann in Dresden

Die Liebe zum Chanson ist keine flüchtige Affäre - Götz Alsmann in Dresden

In Woody Allens Film "Midnight in Paris" spaziert Owen Wilson durch die Lichterstadt an der Seine und findet sich durch einen Zeitsprung in Paris der 1920er Jahre wieder, wo er seine Idole F.

Voriger Artikel
Das Schöne im Vergänglichen - Eine Offenburgerin präsentiert in Dresden eine Tür
Nächster Artikel
Schwankend fest vor Anker - Das Dresdner Brettl feiert sein 25-jähriges Bestehen

Charmebolzen Götz Alsmann zeigte sich in Dresden in Plauderlaune.

Quelle: Dietrich Flechtner

Scott Fitzgerald, Ernest Hemingway, Cole Porter oder etwa Gertrude Stein trifft. Ähnlich erging es Götz Alsmann, jedenfalls fabulierte der Münsteraner Pianist, Sänger und Entertainer bei seinem Konzert auf dem Weißen Hirsch so, als wäre es real passiert, als wäre er durch die Gassen der nächtlichen Metropole gestromert und hätte sich in einem Bistro wiedergefunden, wo er ihnen allen begegnen durfte. Den herumgeisternden großen Chansonniers der 1930er bis 1960er Jahre: Charles Aznavour und Gilbert Bécaud, Henri Salvador und Serge Gainsbourg, Charles Trenet und Yves Montand, Dalida und Jean Wetzel. Und immer, wenn Alsmann einen Namen nennt, formt sich sein Klaviergeklimper zu einem Hit.

Alsmann liebt - und zwar seit den in der "münsterländischen Tiefebene" verbrachten Kindertagen - die Musik, die er interpretiert, und das schlägt sich in unbändiger Spielfreude nieder. Wie er da in jeglicher Lehrmeinung zuwider laufender Körperhaltung in seinem nigelnagelneuen babyblauen Sakko quer zum Piano sitzt, scheinbar mühelos spielt und sich dann mit dem Fuß das Mikrofon zurecht schiebt, damit er den Refrain singen kann, das macht ihm so schnell keiner nach. Diese Lässigkeit. Dieser Charme. Kennt man sonst nicht von deutschen promovierten Musikwissenschaftlern und Honorarprofessoren, und ein solcher ist Alsmann, dessen Gesicht noch "Reste des unschuldigen Knabenantlitzes" von einst offenbart.

Auch übersetzt breitet sich die Aura der Meisterwerke des französischen Liedguts aus, erweist sich, dass sie kongenial zum deutsch(sprachig)en Jazzschlager passen, den der Charmebolzen Alsmann zu einer besonderen Kunstform perfektioniert hat. Begrüßt wird die im Lauf des Abends bei aller sich einstellenden Herzenswärme immer dicker vermummt dasitzende Zuhörerschaft mit "Du bist mein liebster Gast", einem Klassiker von Eddie Constantine. Von dessen Filmen wie etwa "Eddie und der blonde Satan" aus dem Jahr 1953 versuchte der pubertierende Pennäler Alsmann einst das Flirten zu lernen, wie Alsmann frank und frei erzählt. Überhaupt plaudert er viel und gern zwischen den Liedern. Er gesteht schelmisch, wie Klein-Götz im Spätsommer 1967 von einem Auftritt Becauds bei Kulenkampffs Show "Einer wird gewinnen" völlig hingerissen war, lässt wissen, dass er immer dann, wenn der katholische Filmdienst von Filmen abriet, wusste: "Das ist mein Film!" Und so sah er Hunderte, ja was, Tausende, ach was, Millionen von Filmen mit Eddie Constantine. Und er erzählt natürlich vom Studio Faber, wo Alsmann und Co das Album "In Paris" aufnahmen, in einer Institution, so heruntergekommen, dass man zunächst an "Wasserschaden" denkt. Aber Frankreich ist eben nicht Deutschland. Geschichte wird nicht einfach entsorgt. Ein Sofa, auf dem "genetische Fingerabdrücke von gut zweieinhalbtausend Praktikantinnen" zu finden sind, die zusammen mit Frauenheld Gainsbourg textliche Verbesserungsmöglichkeiten für dessen Lied "Je t'aime ... moi non plus" erstöhnten, landet nicht auf dem Sperrmüll.

Jeder Song atmet eine andere Atmosphäre: Wehmütig, unverschämt, melancholisch und übermütig. Er belässt, auf jegliche Ironie verzichtend, Constantines "Der Vagabund und das Kind" die Sentimentalität. Und doch wird es nicht eine Spur peinlich. Bei einem vergleichsweise gewagten Texte wie der zu "Du lässt dich gehen" (Aznavour) offenbart sich, dass auch in der Stadt der Amouren eben diese Liebe ihre Grenzen hat. Jedenfalls ist die Abrechnung des Mannes mit seiner Frau fast schockierend schonungslos-direkt.

Kongenial sind auch Alsmanns Mitmusiker. "Maître de Plaisir" Altfrid M. Sicking (Vibrafon, Xylofon und Trompete), "Filou" Markus Paßlick (Percussion) "Bonvivant" Michael Ottomar Müller (Bass) und "Grandseigneur" Rudi Marhold (Schlagzeug). Schließlich wird das Publikum mit "Wenn dieses Lied erklingt, dann bin ich längst gegangen" in die Nacht entlassen, einem Titel von Françoise Hardy, den Alsmann schon 1997 aufgenommen hat. Die Liebe zum Chanson ist bei ihm keine flüchtige Affäre. C'est si bon.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.08.2013

Christian Ruf

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr