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„Die Hochzeit des Figaro“ mit vielen Widersprüchen

Staatsoperette Dresden „Die Hochzeit des Figaro“ mit vielen Widersprüchen

Oper in der Operette, so in etwa war die Premiere zu sehen, die da in Dresdens Kraftwerk Mitte über die Bühne ging: Mozarts „Die Hochzeit des Figaro“ ist schließlich ein Klassiker der Komischen Oper. In Dresdens Staatsoperette aber steht nun die Frage im Raum, ob man sich, vor allem, was die Ansprüche an Sängerinnen und Sänger betrifft, bei dieser Inszenierung überschätzt hat.

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Maria Perlt (Susanna) und Christian Grygas (Graf von Almaviva).

Quelle: Stephan Floß

Dresden. Alles an einem Tag. Und dieser Tag hat es in sich. Es ist eben „Der tolle Tag“, so der Untertitel des 1784 in Paris uraufgeführten und gleich darauf wegen aufrührerischer Tendenzen für drei Jahre verbotenen Stückes von Beaumarchais „Le Mariage de Figaro“, nach dem Lorenzo Da Ponte das Libretto für Mozarts Commedia per musica „Le Nozze di Figaro“ schrieb, uraufgeführt 1786 in Wien, ein Jahr später erstmals auf deutsch.

Figaro, Kammerdiener des Grafen Almaviva, und Susanna, die Zofe der Gräfin, wollen heiraten. Längst ist das sogenannte Recht der ersten Nacht abgeschafft, nach dem es dem Grafen zukäme, mit den Bräuten seiner Untergebenen die erste Nacht zu verbringen. Aber dieser Herr Graf würde es jetzt gerne wieder einführen.

Oder lässt sich gar diese Hochzeit verhindern, weil Barbarina, die Haushälterin, auf ein Eheversprechen Figaros pocht? Aber – dieser Tag ist wirklich toll – sie ist ja, wie sich herausstellt, seine Mutter. Man mag gar nicht daran denken, wie es zu diesem Eheversprechen hat kommen können. Eine tolle Gesellschaft kommt da an diesem tollen Tag zusammen, und es wird noch toller.

Wer hat hier eigentlich wirklich eine weiße Weste?

Die Frau Gräfin hat nicht nur Kopfweh und badet im Schaum, wenn ihr Mann auf die Jagd geht, sie hat auch mehr als nur eine schwärmerische Zuneigung zum jungen Pagen Cherubino und der wiederum hat alle Anlagen, dem Herrn Grafen bald ein Konkurrent zu werden, dieser ambivalente Typ, nicht mehr Kind, noch nicht Mann, von Mozart auch für eine Sängerin, lyrischer Sopran mit Tiefe oder besser Mezzosopran mit sinnlichen Lyrismen, komponiert.

Gegen den Grafen, diesen Wilderer, verschwören sich dann erst einmal alle. Höhepunkt, nachts im Garten, ein Verkleidungs- und Verwechslungsspiel: seine Frau im Kleid Susannas und diese als Gräfin. Im bewährten Trick, wenn der Zuschauer angeblich mehr weiß als die Menschen auf der Bühne, was hier aber auch nicht so ganz sicher ist.

Dann geht der Tag zu Ende, der Herr Graf bittet um Verzeihung, die wird ihm gewährt, bleibt gerade noch Zeit, schnell die Hochzeit zu feiern, dann ab in die Betten, sofern es Figaro noch schafft, jetzt endlich das vom Grafen geschenkte Ehebett zusammenzuschrauben, womit dieser Tag ja auch schon begonnen hatte.

An der Staatsoperette wird in deutscher Sprache gesungen, heitere Oper als Facette des unterhaltenden Volkstheaters gehört zum Repertoire. Allerdings fragt man sich nach der Premiere, ob man sich jetzt nicht vielleicht doch im Hinblick auf die Ansprüche, die vor allem an die Sängerinnen und Sänger gestellt werden, überschätzt hat, und ob der Versuch des Regisseurs Axel Köhler, deftiges, schrilles, vor allem rampenorientiertes Theater zu machen, wirklich gelungen ist.

Vom Aufruhr des einstigen revolutionären Geistes hat Mozarts Oper nicht mehr so viel. Das Revolutionäre bei ihm ist die geniale Musik für diese Menschen und ihre Schwächen, für ihre Triebe, die sie nicht in der Lage sind zu steuern, und wenn sie dann in der Musik, in den Ensembleszenen, aufeinander treffen, dann meint man zu vernehmen, dass das alles nur so herrlich und mitreißend klingt, weil Mozarts Musik sich jeder moralischen, oder besser moralisierenden, Wertung enthält.

In den Arien klingt zudem diese große Zuneigung mit, die er für seine tollen Typen empfindet. Und so wie Mozart dieses Verständnis hat, dass da jeder etwas abbekommen will vom süßen Leben, so haben Timo Dentler und Okarina Peter eine große, zuckersüße Hochzeitstorte auf die Drehbühne gebaut, und immer da, wo ein Stück herausgeschnitten wird, sind dann die Orte des Spiels im gräflichen Schloss und im Garten. Bei genauem Hinsehen allerdings ist nicht zu übersehen, dass Zuckerguss und Blütenpracht aus Marzipan wohl doch vor allem die Brüchigkeit eines unfertigen, morschen, auf jeden Fall aber sanierungsbedürftigen Gebäudes verbergen.

Die Menschen sind der Kleidung nach gegenwärtig samt Handys und Selfies, ihr Spiel ist schrill, das ist gewollt, jeder nascht, wo er kann, und dennoch wirkt das alles mitunter ganz schön angestrengt. Der Übertreibung fehlt der Charme, die darstellerische Korrespondenz zur Musik Mozarts funktioniert so nicht.

Beim Spiel des Orchesters allerdings, da hat das Buffoneske Stil, da gibt es von der dahineilenden Ouvertüre an die klangvolle, musikdramatische Gestaltung dieses tollen Tages. Das Orchester unter der Leitung von Andreas Schüller setzt die Höhepunkte des langen Opernabends. Der Dirigent am Hammerklavier nimmt auch bei der Begleitung der Rezitative das bestimmende Presto vom Beginn immer wieder auf, auch mit so gekonnten wie augenzwinkernden musikalischen Variationen. Solche Feinheiten des Humors musikalischer Herzlichkeit verfehlen ihre Wirkung nicht.

Im großen Ensemble der Solisten bietet vor allen Christian Grygas als Graf eine so glaubwürdige wie berührende Darstellung seiner existenziellen Zerrissenheit, die er immer wieder mit Gerissenheit, bei der ihm die Fäden aber doch entgleiten, vergeblich in den Griff zu bekommen versucht.

Zum rechten Gegenspieler wird Florian Spiess als Figaro bei aller spielerischen Präsenz und körperlichen Gewandtheit nicht, auch gesanglich erschöpfen sich leider die Möglichkeiten des jungen Bassisten.

Der Sopranistin Maria Perlt als Susanna mangelt es für diese Partie, besonders in der großen Arie im vierten Aufzug, der „Rosenarie“, an lyrischer Grundierung.

Almira Elmadfa als Cherubino überzeugt eher gesanglich als im zu aufgesetzten Spiel. Im Spiel zurückhaltender, im Gesang leider auch, Elvira Hasanagić als Gräfin.

Widersprüchliche Eindrücke nach einem langen Opernabend in der Staatsoperette, wo nach der Pause, ganz unüblich für dieses Theater bislang, etliche Plätze nicht mehr besetzt waren.

nächste Aufführungen: 20., 21. 5.; 4., 17., 25. 6.; 4.7.

www.staatsoperette.de

Von Boris Gruhl

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