Volltextsuche über das Angebot:

6 ° / 2 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Die Dresdner Bürgerbühne auf der Suche nach der Relevanz

Neues Stück Die Dresdner Bürgerbühne auf der Suche nach der Relevanz

Wenn alle zweifeln, wo ist dann noch Orientierung? Wenn bei Pegida die christlichen Wurzeln des so genannten Abendlandes pervertiert werden, wenn Hass und Gewalt um sich greifen, auf welchem Boden steht ein beträchtlicher Teil dieser Gesellschaft eigentlich noch?

Voriger Artikel
Supersilent und The Wooden Sky sind heute in Dresden
Nächster Artikel
Höhepunkte junger sächsischer Kunst

Die Uraufführung des Bürgerbühne-Abends "Morgenland" mit Dresdnern aus dem Orient wirft ihre Schatten voraus. Die Premiere am Sonntag birgt Diskussionsstoff.

Quelle: David Baltzer

Dresden. Vom Theater ist man gewohnt, dass es sowohl Konflikte und menschliche Abgründe veranschaulicht als auch ethische und humanistische Positionen gewissermaßen am Sternenhimmel aufschimmern lässt. Lessing sprach von der moralischen Anstalt. Doch in turbulenten Zeiten genügt nicht die einfache Wahrheit, wie Volker Braun einst seine Notate überschrieb. Auch am Staatsschauspiel Dresden ringt man um Positionen, um künstlerische Mittel und fragt sich nach der Relevanz der eigenen Arbeit, nach der Wahrnehmung von Kunst angesichts der Dominanz der Straße. "Wozu braucht man Schauspieler?", hatte in Heidenau ein eher schlichter Bürger aus der Gruppe gefragt, die mit Ministerpräsident Stanislaw Tillich am Rande des Kanzlerinnenbesuchs diskutierte.

In Hass umschlagende Angst

Nach zermürbender Analyse und Beschreibungsversuchen der Empörungswelle gehe man inzwischen zur Tat über, sagt Miriam Tscholl, Leiterin der Bürgerbühne. "Wir krempeln die Ärmel hoch, entwickeln Theaterprojekte, laden Leute ein, bringen Dresdner und Geflüchtete zusammen." Im konkreten Handeln wolle man sich auch gegenseitig versichern, letztlich zur bestimmenden Mehrheit zu gehören. Der junge Hausregisseur Tilmann Köhler findet sogar, dass den Ängsten der Straße zu viel Raum gegeben wurde. Durch die Dialogversuche seien diese gerade nicht abgebaut, sondern eher noch potenziert worden. Die Ängste, die Pegida wiederum auslöst, würden überhaupt nicht thematisiert. Dresden sieht Köhler hinsichtlich des oft in Hass umschlagenden Angstgrummelns in einer Sonderrolle. 25 Jahre lang sei hier nicht klar geworden, dass man für eine Demokratie selber Verantwortung übernehmen müsse. Dem bundesweit tätigen Regisseur begegnet andernorts immer wieder Kopfschütteln ob der sächsischen Verhältnisse.

Kann Theater diese Bürger, die mittlerweile leider den Ruf der Stadt bestimmen, überhaupt noch erreichen, gar auf sie einwirken? Miriam Tscholl hat das angesichts von so viel Frust und Hass, denen sie begegnet, schon aufgegeben. "Ein zu großes Verständnis für dieses Angstgemisch aufbringen zu wollen, halte ich für vergeudete Zeit", bekennt sie. Ja, auch im Staatsschauspiel selber gehen die Meinungen über den Umgang mit dem Flüchtlingszustrom auseinander, ist zu erfahren. Erst recht gilt das für die sehr heterogene Zusammensetzung der Akteure an der Bürgerbühne und ihrer mitgebrachten Freunde und Verwandten. Aber diese Mischung konstruktiv zusammenzubringen, sei ja gerade das Anliegen der Bühne seit Jahren, erinnert die Leiterin. Sie tut das aus ihrer Sicht Nächstliegende, den "Strom von Demokratie, Solidarität und Diskurs durch diese Stadt zu stärken". Und den direkten Umgang mit den Geflüchteten suchen. Seit Wochen ist das "Montagscafé" in der ersten Etage des Kleinen Hauses offen. Am 29. November wird "Morgenland" an der Bürgerbühne Premiere haben, einen Tag nach Volker Löschs "Graf Öderland/Wir sind das Volk".

Europa steht entlarvt da

Inwieweit bedeutet das eine eindeutigere Positionierung? Kann dann noch Goethes "Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen" Leitspruch für einen zumindest quantitativ erfolgreichen Spielplan sein? Tilmann Köhler plädiert für ein eindeutigeres Theater, denn es werde an der Gegenwart gemessen. Zweifel, ja geradezu Selbstzweifel äußert er aber, ob damit eine verkürzte Lesart von Stoffen gemeint sein kann, die "nur noch Parolen ruft". Eigentlich möchte er dem Zuschauer die Deutungshoheit nicht abnehmen. Für seine Nachstellung von originalen zwölf Minuten einer Freitaler Demonstration in Shakespeares "Maß für Maß" musste Köhler selber auch Kritik einstecken. Am Stilmittel der Entlarvung durch Authentizität hält er aber fest. Er vertraut darauf, dass sich beim Publikum die Reflexe einer natürlichen Distanzierung einstellen. Was freilich eine halbwegs solide Orientierung an einem Wertekanon voraussetzt.

Da aber herrscht verbreitete Unsicherheit. Die Flüchtlinge haben Europa die Maske vom Gesicht gezogen, die Brüchigkeit seiner ethischen Fundamente entlarvt. Ist Provokation dann noch ein probates Mittel? Eine der Fragen, die letztlich im Gespräch mit Tscholl und Köhler offen blieben. Die jüngste Erfahrung des Straßentheaters, der Passantenbeschimpfung des Dänen Christian Lollike an der Altmarkt-Galerie, lehrte eigentlich, dass ein solcher Affront bei der Menge ins Leere läuft.

In Sachsen-Anhalt fordert das Wahlprogramm der AfD gar eine Verpflichtung auf Heimatliebe vom Theater. Ist das auch die Stunde eines affirmativen Theaters im Sinne von Selbstvergewisserung oder einer neuen alten Fundamentierung? Miriam Tscholl mag Begriffe wie "Selbstermutigung" nicht mehr hören. "Es klappt nicht mehr, sich gegenseitig auf die Schultern zu klopfen", stellt sie fest. Gewiss könne Tradition stabilisierend wirken, und die postulierte Freiheit überfordere manchen auch. Sie hat ebenfalls nichts gegen entspannte Einstiegs- und Anschlussmöglichkeiten an das Theater überhaupt wie etwa zum Weihnachtsprogramm. Aber man gewinnt den Eindruck, als glaube sie derzeit nur noch an den Diskurs, den performativen, bei dem die Unterschiede zwischen den Spielern als Herausforderern und den rezipierenden Zuschauern schwinden. "Wir als künstlerisches Team lernen in der Arbeit gerade am meisten", sagt sie mit Blick auf die Bürgerbühnen-Proben zu "Morgenland".

Tilmann Köhler findet Lessings aufklärerischen Ansatz gar nicht so antiquiert. Er möchte ihn aber nicht volkspädagogisch verstanden wissen, nicht mit fertigen Antworten aufwartend, sondern "in einem spielerisch untersuchenden Sinn". Beide setzen auf die Suchenden, die produktiv Verunsicherten, die um Positionen ringen. Wieder könnte man Altmeister Goethe bemühen, dessen zweiter Halbsatz des Tasso-Zitats "Es bildet ein Talent sich in der Stille" meist unterschlagen wird: "- sich ein Charakter in dem Strom der Welt." Die Weltenströme führen derzeit auch durch Dresden, und die Auseinandersetzungen hier tragen exemplarischen Charakter. Das Staatsschauspiel ist ein Landestheater und erhebt auch diesen Anspruch. Aber aktuell kommt es sehr auf seine Stadttheaterfunktion an.

von Michael Bartsch

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr