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Die Bürgerbühne hebt im Kleinen Haus Gogols "Nase" auf musicalähnliche Dimensionen

Die Bürgerbühne hebt im Kleinen Haus Gogols "Nase" auf musicalähnliche Dimensionen

Achten Sie auf Ihre Nase! Besonders dann, wenn Sie sie ein wenig höher zu tragen pflegen als andere und wenn Sie stolz darauf sind, stets den richtigen Riecher zu haben! Und wenn Ihnen als Mann die Nase als Symbol für ein anderes gelegentlich vorspringendes Organ gilt.

Sonst könnte es Ihnen ergehen wie dem Kollegienassessor Kowaljow im russischen St.Petersburg, der eines Morgens ohne seine Nase erwacht. Die findet dafür sein Barbier Iwan Jakowlewitsch eingebacken in ein frisches Brot und weiß nicht, wie er sich des verwirrenden Fundes entledigen soll.

Aus dieser grotesken Idee hat Nikolai Gogol 1836 eine vieldeutige surreale Geschichte gesponnen, die zu einigen Ruhm gelangte und den jungen Wilden Schostakowitsch rund 90 Jahre später zu seiner ersten Oper inspirierte. Unter dem Einfluss der damaligen Zensur fragt Gogol am Schluss selbstironisch nach dem Nutzen solcher Spinnereien und "wie sich Schriftsteller derartige Sujets vornehmen können". Andererseits verleitet die Geschichte einer sich verselbständigenden Nase auch zu sozialkritischen Überinterpretationen. Es dürfte indessen keine Spekulation sein, dass der Stoff etwas mit Gogols nicht gerade anziehender Gestalt zu tun hatte, die von einem beträchtlichen "Zinken" geprägt war. Im Entwurf eines Buchumschlags beschäftigte sich der Schriftsteller eindeutig selber mit seinem Handicap. Und die Literaturwissenschaft weiß auch, dass die "Naseologie" seinerzeit in Mode war.

Um allzu tiefgründige Deutungen bemüht sich die Bürgerbühne des Dresdner Staatsschauspiel gar nicht erst. Die Fülle der Anspielungen reicht allemal aus, den Zuschauer zu eigenen Weiterungen anzuregen, wie es schon Generationen zuvor mit dem Symbolgehalt und der Unentbehrlichkeit unseres Riechorgans getan haben. Was im Kleinen Haus auf die Bühne kommt, ist so schräg wie das Podest, auf dem sich ein Klavier gerade noch so halten kann. Es ist ein rundum entzückendes Spiel mit dem Absurden, das die gewiss schwer nachzuspielende Geschichte der verlorenen und spät wieder zurückgekehrten Nase auf die musikalische Ebene transferiert. Das Ungesagte dieser Geschichte findet sich in der unsagbaren Dimension der Musik wieder.

Die zehn überaus sympathischen Akteure erzählen einerseits Gogols fantastisches Kurzwerk kurzweilig und kollektiv nach. Mit Techniken, die an die Klangillustrationen des Hörspiels oder an Texte aus dem Lesebuch der ersten Klasse erinnern, wo unbekannte Wortlücken durch Zeichnungen ersetzt werden. Abschnittweise erinnert die Szene an den Auftritt einer Gauklertruppe, die eine Moritat berichtet. Dann wieder meint man in einem Musical zu sitzen, wenn diese zehn Gesangs- und Instrumentalsolisten die Kompositionen von Michael Emanuel Bauer mit Hingabe zelebrieren. Dazu animiert diese ebenso russisch wie vom Broadway inspirierte Musik ungemein, und es ist eine Lust, die quer durch die Altersstufen gemischte Truppe zu erleben. Einige von diesen Laien oder Halbprofis standen schon in früheren Inszenierungen auf der Bürgerbühne. Aber in dieser musikalischen Dichte und Qualität hat man die Mitmachbühne des Staatsschauspiels wohl noch nicht erlebt.

Text und Musik spielen wiederum zusammen mit Videos von Sami Bill, deren Originalität und Stimmigkeit in Dresden nun schon zum wiederholten Male auffällt. Sie sind nicht nur auf- oder eingesetzt, sondern meist Teil der Szene, ja geradezu ein Requisit. Wem würde nicht das Herze warm, wenn bei einem Liebeslied ein Croissant als Nachtmond über den Horizont wandert? Miriam Tscholl, Leiterin der Bürgerbühne, hat sehr zum Segen dieses vom Premierenpublikum wärmstens aufgenommenen Projekts selbst Regie geführt. Zusammengeführt vor allem und mit liebenwürdigen Einfällen gespickt. Am Text registriert der Kenner einige Aktualisierungen, wenn etwa aus dem an die Decke spuckenden Diener die mit Teebeuteln werfende Reinigungskraft wird oder aus dem Trepak ein Schuhplattler.

Sabine Hilscher hat diese wunderbaren Spieler in wundersame Fantasieuniformen gesteckt, eine berechtigte Anspielung auf die korrespondierenden Ränge im zivilen Staatsdienst und im Militär des damaligen Russlands. Wer die Beatles auf ihrem Sergeant Pepper-Cover vor sich sieht, weiß ungefähr, was ihn erwartet. Richtig schade, dass nach reichlich 70 Minuten schon die originalen Schlusssätze Gogols kamen. Dieses gekonnte Spiel mit dem Surrealen hätte wohl jeder Zuschauer noch eine Weile länger "ausgehalten".

wieder am 8. und 15. Oktober sowie 1. November, Kleines Haus

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 30.09.2013

Michael Bartsch

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