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Die Broilers kommen zu den Filmnächten nach Dresden

Interview mit Frontmann Sammy Amara Die Broilers kommen zu den Filmnächten nach Dresden

Die Düsseldorfer Band Broilers entspringt der Oi!- und Punkrock-Szene. Gerade feiern Sammy Amara und Kollegen ihr neues Werk „(sic!)“, das auf Platz eins in den Albumcharts steht, sowie 25-jähriges Bandbestehen. Vor dem Dresdner Konzert sprachen wir mit dem Frontmann.

Die Broilers kommen ans Elbufer nach Dresden.

Quelle: dpa

Dresden. Die Düsseldorfer Band Broilers entspringt der Oi!- und Punkrock-Szene. Sammy Amara und Kollegen haben das neue Werk „(sic!)“ produziert und feiern 25-jähriges Bandbestehen. Vor ihrem Konzert bei den Filmnächten am Elbufer sprachen wir mit dem Frontmann.  

Frage: Ihr wart für „(sic)!“ auch im Frühstücksfernsehen der Öffentlich-Rechtlichen. Keine Berührungsängste?

Sammy Amara: Das Frühstücksfernsehen wurde bisher noch nicht von uns heimgesucht. Ein Großteil der Band funktioniert um die Uhrzeit einfach noch nicht, arbeitet besser und vor allem lange in der Nacht. Aber generell finde ich es richtig, Dinge auszuprobieren, Sachen mitzunehmen und Erfahrungen zu sammeln, auch wenn es aus der Komfortzone rausgeht.

Ihr schwitzt zusammen mit 500 Leuten in einem verrauchten Club, oder 10 000 Leute singen in einer Arena eure Lieder: Welche Konzerte machen mehr Spaß?

Das macht beides mega viel Spaß. Du hast bei kleinen Läden zwangsweise eine große Intensität und Nähe. Bei großen Hallen musst du dich schon etwas mehr strecken, damit du das erzeugen kannst. Ich habe das Gefühl, dass uns das auch immer wieder gelingt, aber die kleinen Läden sind Selbstläufer, da ist die Luft schon so aufgeladen, bevor es überhaupt losgeht. Das fühlt sich super an. Und es fühlt sich toll an, dass wir diese Möglichkeit haben: Kleine Shows spielen, große Shows und Festivals. Alles unterschiedlich, aber unterschiedlich geil.

Mit eurer letzten Platte „Noir“ habt ihr ausgelotet, wie weit der Broilers-Sound in Richtung Pop gehen kann. Hat es Spaß gemacht, für „(sic!)“ die Verstärker wieder deutlich mehr aufzudrehen?

Genau das ist es. Ich fände es langweilig, dieselbe Platte noch einmal aufzunehmen. Wenn andere Bands das machen, okay, aber mich kickt das nicht. Wenn du dich im Pop bewiesen hast, dann hast du auch Bock, wieder das Gegenteil zu machen. Das hat sich super angefühlt und sehr natürlich. Die Zeit, in der wir leben, ist eine sehr angespannte, da kann man sehr schnell wütend werden. Und da passt dieses Musik-Korsett einfach besser dazu.

Du beschreibst die Erfahrungen mit Alltagsrassismus von Leuten, die zufällig ein wenig dunklere Haut haben, eindrucksvoll im Song „Wurzeln“: Da ist rauszuhören, dass solche Erlebnisse in den letzten Jahren mehr geworden sind.

Es kommt sehr auf die Gegend an, in der ich bin. Umso ländlicher es wird, umso mehr Rassismus spüre ich. Auch versteckten Rassismus, der gar keiner sein soll: Dieser Spruch „Sie sprechen aber ein gutes Deutsch.“ Das klingt vielleicht im ersten Moment wie ein Kompliment, ist es aber nicht. Jede Zeile auf „Wurzeln“ habe ich genau so erlebt. Ich selber habe mich nie als Ausländer wahrgenommen. Aber bestimmte Leute wollen mir immer erklären, ich wäre trotzdem Ausländer, weil mein Vater woanders her kommt und ich schwarze Haare habe. Das nervt. Leider habe ich ausgerechnet in Leipzig ein blödes Erlebnis zur letzten Platte gehabt, was natürlich in jeder Stadt passieren kann. Aber ich weiß auch, dass es hier viele Menschen gibt, die das Maul aufmachen und überhaupt keine Lust darauf haben, das zu erleben, was unsere Großeltern erlebt haben. Das finde ich toll.

In eurem Song „Keine Hymnen heute“ heißt es, dass man das Kratzen der Platte, bevor sie sprang, hören konnte. Auch in „Als das alles begann“ singst du darüber, dass wir alles gewusst haben, aber nichts getan: An welcher Stelle sind wir falsch abgebogen?

Ich glaube, dass Sarrazin mit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ 2010 definitiv einen Anstoß geliefert hat. Ich habe ihn immer einen der „Architekten der neuen Rechtsscheiße“ genannt, und das ist so. Wir sind jetzt mittendrin, wir sind nicht an den Anfängen. Wir müssen uns jetzt ganz praktisch diese Frage beantworten: Was hätten wir anstelle unserer Großeltern gemacht? Da geht es auch um Kleinigkeiten: Empathie, offene Arme, Menschen willkommen heißen und nicht zurückweisen. Sich selber reflektieren. Das Gefühl „Fuck, mir geht es gerade mega schlecht“ – okay, das kannst du haben. Aber man muss immer auch an die Menschen denken, denen es definitiv beschissener geht, über deren Köpfe Bomben explodieren. In Deutschland zu rufen, „hier gibt es keine Meinungsfreiheit“, ist eine Frechheit. Wenn jemand bei Facebook schreibt, hier gäbe es die nicht, kannst du eigentlich nur darunter schreiben: „Merkste selber, oder?“

Inwiefern denkst du, stehen Künstler ihrem Publikum gegenüber in der Pflicht, sich in der aktuellen Lage klar zu äußern, vielleicht gerade auch solche, die das nicht schon automatisch mit ihrer Kunst tun?

Ich denke schon, dass man Haltung zeigen sollte. Ich weiß, warum Helene Fischer das nicht tut, weil sie damit natürlich polarisieren würde und dementsprechend weniger Platten verkaufen. Ich finde das nicht nur ärgerlich, sondern auch gefährlich. Künstler sind auch Menschen und Menschen haben Meinungen. Unpolitisch können nur Kinder sein. Von Kindern können wir viel lernen, die gehen durch die Welt und kennen keinen Rassismus. Es gibt diese berühmte Szene, wo ein kleiner Junge auf die Frage, ob in seinem Kindergarten auch Ausländer sind, sagt: Nein, da sind nur Kinder. So einfach ist das. Sich unter dem Titel ‚besorgter Bürger’ zu verstecken, da hakt es, dahinter verbirgt sich oft einfach blöde, ängstliche Fremdenfeindlichkeit. Wenn jemand wirklich Angst hat, dann finde ich es richtig, mit der Person zu reden und ihr die Angst zu nehmen. Oft passiert das schon dadurch, dass man mal einen sogenannten Fremden kennenlernt und feststellt: Der ist ja gar nicht so schlimm, der hat ja gar keinen Krummsäbel dabei. Wenn aber hinter dieser Angst wieder nur Rassismus steckt, gibt es keine Diskussionsgrundlage. Toleranz ist wichtig, aber wer selbstständig den Menschenhass wählt und Menschen ausschließt aufgrund von Merkmalen, die sie nicht selber ausgewählt haben, der darf keine Toleranz erwarten.

Auf dem neuen Album heißt es: „Das, was wir noch brauchen, ist etwas, woran wir glauben.“ Woran glaubst du?

Ich glaube – und das soll nicht selbstverliebt klingen – an mich. Ich glaube an meine Freunde. Ich glaube, dass man sehr viel schaffen kann, wenn man zusammenhält und statt zu hassen ein bisschen mehr liebt. Ich glaube an das Positive: mehr dafür als dagegen.

In einigen Städten wie Leipzig fühlt ihr euch nach eigener Aussage sehr zu Hause. Wie sieht’s mit Dresden aus?

Dresden liegt uns auch am Herzen, Sachsen halt. Vor allem in dieser Zeiten, wo man das Gefühl bekommen kann, Dresden würde nur aus Pegida bestehen, ist es wichtig, dort am Start zu sein, und die zu unterstützen, die überhaupt keinen Bock auf rechte Populisten haben und dass ihre Stadt so einen Ruf bekommt, und das sind nicht wenige.

Wie schaust Du heute auf die Punk- und Oi-Szene? Haben feste Szenen heutzutage überhaupt noch Sinn, wenn auf Festivals der alternative Nachwuchs mittlerweile gleichermaßen zu Punk, Hip Hop und Electro abgeht?

Das hat schon einen Sinn. Die Punk-Szene hat uns viel beigebracht, was auch heute noch hilft: Der Do-it-yourself-Gedanke, der ja nichts anderes sagt als: Du kannst alles schaffen, probiere aus – und wenn’s Scheiße ist, probiere was Neues. Das finde ich wichtig und wertvoll. Auch die politischen Werte, die aus den Szenen kommen. Es ist schade, wenn Jugendliche auf die Frage „Was hörst du?“ mit „alles Mögliche“ antworten. Lauwarm ist immer langweilig.

Ihr seid nun ein Vierteljahrhundert unterwegs. Hört sich heftig an. Was hat sich geändert? Seid ihr ruhiger geworden, vielleicht sogar weiser?

Wir wissen einfach besser, was wir mögen und was nicht. Sind uns unserer selbst sicherer und haben verstanden, dass man es niemals allen Menschen recht machen kann. Gemeckert wird immer. Deswegen machen wir das, was wir für richtig halten. Damit fährt man immer gut.

Das Konzert der Broilers am 14. Juli bei den Filmnächten am Elbufer beginnt um 20 Uhr (Einlass 17 Uhr), Vorbands sind Flogging Molly und Emscherkurve 77, Tickets: 36 Euro plus VVK

Von Karsten Kriesel

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