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Der dreifache Tom Quaas spielt Oscar Wildes Dorian Gray plus dessen Förderer im Societaetstheater

Der dreifache Tom Quaas spielt Oscar Wildes Dorian Gray plus dessen Förderer im Societaetstheater

Das waren noch Zeiten, als Romane per Unzuchtsverfahren samt Haftstrafe für Schöpfer ganz groß werden mussten. Vor 125 Jahren waren dazu noch steife Richter und eine vermeintlich keusche Gesellschaft vonnöten.

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Tom Quaas spielt bei Oscar Wildes "Das Bildnis des Dorian Gray" alle Hauptrollen, im Hintergrund Anna Böhm an Piano und Flöte.

Quelle: Detlef Ulbrich

Dresden. Das waren noch Zeiten, als Romane per Unzuchtsverfahren samt Haftstrafe für Schöpfer ganz groß werden mussten. Vor 125 Jahren waren dazu noch steife Richter und eine vermeintlich keusche Gesellschaft vonnöten, wenn ein begabter Dandy all seine Genialität in einen wunderbar hinter- wie untergründigen Roman fließen lässt.

Heute gibt es zu diesem schmutzigen Behufe andere, meist digitalbasierte Ekel- wie Moralinstanzen, und die erledigen das mit umgekehrten Vorzeichen. Doch sei's drum: Hier geht es unzweifelhaft um über jedwede Schmuddelvergleiche weit erhabene Weltliteratur - und Oscar Wildes "Das Bildnis des Dorian Gray" gehört einfach in den ewigen Reigen der Bildungstheater und damit regelmäßig auf die Bühnen jeder Stadt, zeigt es doch klug (in Selfiezeiten noch allgegenwärtiger) den abendländischen Narzissmus als dominante, aber siechende Gesellschaftsform.

Zudem bieten die diversen Vorlagen eine Spielweise für Regisseure, dankbar vor allem für jene ohne eingebautes oder ansozialiertes Krawallmodul - gerade in Zeiten nahezu unbegrenzter technischer Möglichkeiten. Nun hat sich der Dresdner Mime Tom Quaas eine eigene Fassung geschaffen, die auf der kleineren Bühne des Societaetstheaters eine begeisternde Premiere erlebte. Das Besondere daran: Er spielt, betreut von Pflegerin Anna Böhm, im modernen Rollstuhl und leicht senil wirkend, den alten Dandy Sir Henry als Erzähler und Rahmen, dazu den ebenso von der Schönheit junger Knaben begeisterten Maler Basil Hallward plus das Opfer beider Begierde - den schönsten aller Londoner Szenenwandler namens Dorian Gray. Auf Randfiguren wird verzichtet, das Schauspielsternchen Sibyl Vane, ihren burschikosen Bruder Jim oder den Theaterdirektor übernehmen Quaas oder Chopin-Pianistin Anna Böhm in rascher Szenenfolge abwechselnd mit.

Dabei bleibt das einzig gelungene Gemälde Basils - das dank eines faustischen Wunsches Grays, der sich der Kraft seines makellosen Antlitzes bewusst ist und den zwangsläufig runzelnd wachsenden Unterschied zwischen Original und Abbild mehr als jedes Weihwasser fürchtet und seinen Wunsch nach ewiger Frische mit dem Wandel des Bildes bezahlt - lange Zeit unsichtbar und die ewige Jugend Dorians trotz exzessiv lasterhaften Lebens verdeckt. Dabei variiert Quaas, in sorgsamer Regie von Matthias Nagatis, derart geschickt in den drei Stimmlagen, flankiert von Mimik und typischen Gesten und kleinen Utensilien wie Brille, Hüte, Jacke oder Stock. Er gönnt sich die schönsten Textstellen und baut auf den Bildungsbürger, der nicht ganz unvorbereitet hier hereinschneit.

Mehr noch: Schnell bindet einen Quaas in seinem rasch wechselnden Trialog dermaßen ein, dass man mehrere Darsteller in Erinnerung zu behalten glaubt. Anna Böhm, anfangs an Piano und Flöte, spielt mit: Sie gibt Sybil Vane, ihren Bruder und auch Basil - jeweils kurz vor oder nach deren Tod. Dazu hängt Ausstatter Tilo Schiemenz einen großen, dunkelweinroten Vorhang mittig auf die Bühne, hinter dem die dreh- und fahrbare Staffelei mit Bild oder Spiegel verschwinden oder das ein oder andere Frühableben geschehen kann.

Die Stunde vor der Pause vergeht rasend, ebenso das klare, böse wie gerechte Ende nach der Pause mit vier weiteren Toten. Nur knapp zwei Stunden braucht das Quartett, um in eine klassische Theaterwelt zu entführen, in der deren innewohnenden Vorzügen genauso wie gepflegter Sprache und zeitloser Klugheit gefrönt wird.

Tom Quaas setzt sich mit diesem furiosen Ritt, der schwerlich noch irgendwie irgendwann irgendwarum zu überbieten sein dürfte, eine Art Denkmal, welches durch nur das selbstironische Spiel, auch mit einem eigenen, nun in drei Stufen rasch alternden Theaterplakat aus der Heldenzeit am Staatsschauspiel (als lockiger Clavigo vor zwanzig Jahren), wackelt. Wenn er nach einer der sicher vielen folgenden Vorstellungen irgendjemanden von "Faust ohne Worte" oder "Beethoven ohne Musik" erzählen will, erntete er garantiert (selbst soeben hart verdiente) Ungläubigkeit.

Vorstellungen: 12.11., 25. und 26.12.

von Andreas Herrmann

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